Erdöl und Ölaktien wurden seit März 2015 fünf Mal in diesen Spalten behandelt. Das Narrativ, das die sinnstiftende Erzählung war hinter den Panikverkäufen, gefolgt von einer kräftigen Erholung, die ihrerseits einer langen Reflexionsphase Platz machte, dokumentiert lehrbuchmässig die Geschichte, aus der die aktuelle Hausse entstanden ist. Sie ist Teil eines rollenden Prozesses von einer Baisse in eine bevorstehende Hausse.

Seit Oktober 2014 ist die Korrelation zwischen Ölaktien und den Rohöl-Futures ungewöhnlich eng. In beiden ist auf den Charts das entstanden, was in den Büchern über technische Analyse als inverse Schulter-Kopf-Schulter-Formation bezeichnet wird. Novizen meinen, solche Erscheinungen oft zu erkennen. Wer sich in technischer Analyse wirklich zurechtfindet, weiss hingegen, dass sie selten vorkommen.

Revolution der Bullen

Treten sie auf, sind sie potente Zeugen eines Vorgangs, den ich plastischer nicht umschreiben kann als mit einer Revolution der Bullen gegen die Partei der Bären, die zu lange geherrscht und dabei vor lauter Selbstherrlichkeit verpasst hat, auch nur die geringste Mühe darauf zu verwenden, die Argumente der Bären zu erhören. Das ist die Anatomie des Endes eines Bärenmarktes und mit umgekehrten Vorzeichen auch des Endes eines Bullenmarktes.

Was sich in Öl-Futures als sogenannte rechte Schulter zwischen Juni 2016 und September 2017 ausbildete, stellt nichts anderes dar als ein Gerangel zwischen Bullen und Bären, das in der Vorherrschaft der Bullen endete. Dieses Gerangel fand in einer Preisspanne statt in der Mitte des Abwärtstrends, der im Juni 2014 begann und im Februar 2016 endete, und dauerte von Januar bis Juli 2015.

Die Wahl der Mittel

Es handelte sich um eine grössere Auseinandersetzung zwischen den Parteien, die zunächst zu einer Niederlage der Bären führte. Dass gerade in diesem Kursbereich ein sogenannter technischer Widerstand entstand, wie ihn grössere Auseinandersetzungen stets auslösen, überrascht keine Person, die mit der Prospekttheorie von Kahneman und Tversky vertraut ist. Dazu später mehr.

Der Entwicklung von Rohöl-Futures folgt nun der Markt für Energieaktien. Man wird jetzt versucht sein, der Frage nachzugehen, welche Energietitel sich für ein Portfolio besonders eignen. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. In der frühen Phase der Entwicklung muss man aufpassen, sich bei der Titelselektion nicht zu überschätzen. Wieder aus der Prospekttheorie folgend, muss davon ausgegangen werden, dass viele Akteure Bestände abbauen werden, sobald ihre Einstandskurse erreicht und Buchverluste ausgeglichen sind.

Die Prospekttheorie, verstärkt durch einen Regret Bias, entfaltet in einer solchen Situation ihre Wirkung. Sie liefert die Erklärung dafür, warum auf den Charts gewisse Bereiche, in denen Kurse und Umsatz in spezifischer Weise zusammenwirken, Widerstände gegen weitere Kursavancen darstellen. Sie machen nämlich private Daten öffentlich: Es sind die Einstandskurse vieler Marktteilnehmer, die sie als Referenzpunkte für ihre Entscheide betrachten – eine verbreitete Krankheit, die der Performanz erheblichen Schaden zufügt.

Der Crude-Oil-Futures hat, wenn auch dieser Widerstandspunkt noch nicht voll überwunden wurde, doch den wesentlichen Teil davon abgebaut. Nun ist der in früheren Kolumnen angekündigte Bullenmarkt in Öl und Ölaktien Wirklichkeit geworden.

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