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Der Chart des Tages

Die Rezession – ist sie schon da?

Martin Lüscher

Fangen wir an mit der Definition: Eine Rezession ist es, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen gegenüber dem Vorquartal nicht wächst. Das ist beispielsweise der Fall, wenn die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal sinkt und dann im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal nicht wächst. Also so wie jetzt in den USA.

Das ist zumindest der Fall, wenn das Prognosemodell der Distriktnotenbank von Atlanta des Federal Reserve namens GDPNow recht hat – oder ihre Schätzung zu optimistisch ausfällt. Denn das Modell weist derzeit für die US-Wirtschaft für das laufende Quartal ein Wachstum von 0% aus. Da bis Quartalsende nur noch zehn Tage fehlen, sollte das GDPNow nicht ignoriert werden.

Bis die Wachstumsdaten für das zweite Quartal vom Statistikamt Bureau of Economic Analysis (BEA) am 28. Juli publiziert werden, kann sich aber auch der Wert des GDPNow noch verändern. Wenn auch nicht unbedingt zum Positiven. Solch eine Herunterstufung der Wachstumsprognose fand vor drei Monaten statt: Damals wurde die Vorhersage von +0,3% Mitte März bis Ende April auf +0,1% gesenkt – und war damit immer noch zu optimistisch.

Das BEA hat in der ersten «vorläufigen» Schätzung einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 0,4% veröffentlicht. Da die erste Schätzung – wie der Name sagt – teils auf vorläufigen Daten beruht, revidiert das BEA den Wert über die nächsten zwei Monate bis zu zwei Mal, wenn meist auch nur minim. Im Normalfall ist das Modell der Distriktnotenbank von Atlanta ziemlich nahe an der Realität. Im Mittel resultiert eine Differenz von 0,06 Prozentpunkten. Ausnahmen sind die Ausreisser zu Beginn der Pandemie.

Selbst wenn das BEA am 29. September mit der dritten Schätzung des Wachstums vom zweiten Quartal eine Stagnation oder einen Rückgang ausweist, heisst das nicht zwingend, dass sich die USA in einer Rezession befinden, denn darüber entscheidet nicht das BEA, sondern das National Bureau of Economic Research (NBER). So einfach die Definition auch sein mag, in der Praxisanwendung wird es ungemein komplizierter.

(Quelle der Grafik: Atlanta Fed)

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