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Erdogan und andere autoritäre Quacksalber

Politiker, die sich weigern, die Welt zu sehen, wie sie ist, werden ihre Position verlieren, die sie durch das Verleugnen der Wirklichkeit schützen wollen. Ein Kommentar von Nina L. Chruschtschowa.

Nina L. Chruschtschowa, New York
«Es ist keineswegs klar, ob Trump selbst den Unterschied zwischen Real und Fake kennt.»

Warum erhalten Verschwörungstheorien und allgemeiner Scharlatanismus so oft ihre stärkste Unterstützung von Diktatoren? Sicher, Diktatoren sind fast immer selbst seltsame Figuren, doch das kann nicht alles sein. In der Tat lohnt es sich zu fragen, ob Quacksalberei ein unabdingbares Merkmal autoritärer Herrschaft ist.

Die neuesten Beweise dafür finden sich in der Wirtschaftskrise der Türkei. Das Land ist verschuldet, und die Währung, die Lira, sinkt. Dennoch ist es der Zentralbank fast unmöglich, sie durch Zinserhöhungen zu verteidigen, weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt, dass eine Zinserhöhung tatsächlich Inflation verursacht.

Die Ökonomie sieht das anders. Doch Erdogan ist, wie auch sonst, nicht geneigt zuzuhören. Im Gegenteil, um die Zentralbank zu zwingen, seine bizarre Geldpolitik zu verfolgen, hat er seinen völlig unqualifizierten Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanzminister eingesetzt.

Perverse Theorien

Da ich in der Sowjetunion aufgewachsen bin, bin ich besonders sensibel für die Auswirkungen perverser wissenschaftlicher Theorien auf eine Gesellschaft. Joseph Stalin lehnte die mendelsche Genetik (die Grundgesetze der Vererbung) und sogar Darwins Evolutionstheorie zugunsten der Scheintheorien des sowjetischen Biologen Trofim Lysenko ab. Dieser glaubte, menschliche Eigenschaften seien erworben, nicht vererbt. Mit Stalins Rückendeckung schickte Lysenko, dessen gefälschte Agrarforschung vielleicht Millionen von Menschen zum Hungertod verdammte, die sowjetische Biologie in eine zwei Jahrzehnte dauernde Abschottung des Wahnsinns.

Nikita Chruschtschow hat vielleicht den Stalinismus umgestossen, doch er war nicht weniger ein Gefangener der theoretischen Perversion. Er unterstützte nicht nur die Lysenko-Theorien, sondern glaubte auch an ideologisch verbohrte Ingenieure und Geologen, die darauf bestanden, dass die Regeln des Kommunismus den Gesetzen der Natur trotzen könnten. Sie sagten ihm, dass sowjetische Atombomben benutzt werden könnten, um den Lauf der grossen Flüsse umzukehren, sodass das Wasser auf die Landwirtschaft umgeleitet werden könnte, statt «verschwendet» zu werden, indem es in das arktische Meer mündet.

Russlands Erfahrungen mit tödlichem autoritären Scharlatanismus sind kaum einzigartig. Hitlers Umarmung der verrückten Rassen-«Wissenschaft» stürzte die Welt in Finsternis und führte fast unaufhaltsam zum Holocaust. Die Perversion der Vernunft war unter der Nazi-Herrschaft so normalisiert, dass Josef Mengeles groteske menschliche Experimente auf wissenschaftlichen Konferenzen wie jede andere medizinische Forschung diskutiert werden konnten.

Scheinwissenschaft

Die gleiche Anziehungskraft, die von Paranoia auf die Scheinwissenschaft ausgeübt wird, motiviert Autoritäre oft dazu, Verschwörungstheorien zu unterstützen. Erdogan, der seit langem überzeugt ist, dass externe Kräfte unerbittlich sein Regime untergraben, ist keine Ausnahme.

In Erdogans Augen wirken diese böswilligen Kräfte gewöhnlich auf den Finanzmärkten. Bis jetzt hat er nicht behauptet, dass diese Märkte auf Geheiss des «Weltjudentums» handeln (das, so glauben viele türkische Islamisten, der Architekt der jungtürkischen Revolution von 1908 und der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen säkularen Republik war). Aber seine Anhänger verstehen die Botschaft hinter Erdogans Verurteilung der Kräfte des Finanzwesens, Kräfte, die jetzt scheinbar höhere Zinsen fordern.

Verschwörungsfantasie

Aber vielleicht ist kein gegenwärtiger Anführer empfänglicher für eine fehlgeleitete Wissenschaft und unausgegorene Verschwörungstheorien als der amerikanische Präsident und Möchtegern-Autor Donald Trump. Es sollte nie vergessen werden, dass Trump in die US-Politik einstieg, indem er die rassistische «Birther»-Debatte förderte, der zufolge der damalige Präsident Barack Obama nicht in den USA geboren wurde und daher gar nicht wählbar war.

Seit Trumps Einzug in das Weisse Haus hat der Wahnsinn nur zugenommen. In mehr als zwanzig Fällen hat Trump über eine mögliche Verbindung zwischen Impfstoffen und Autismus getwittert. Diese Verbindung wurde von der Wissenschaft schlüssig widerlegt.

Trump leugnet auch jegliche Verbindung zwischen menschlicher Aktivität und Klimawandel, wiederum gegen den überwältigenden wissenschaftlichen Konsens. Er besteht darauf, entgegen den Protesten zahlloser Ökonomen, dass Handelsdefizite ein Zeichen für die wirtschaftliche Schwäche der USA seien. Laut Alan Levinovitz, Professor für Religionswissenschaft an der James Madison University, nutzt Trump Grossschreibung in seinen Tweets ähnlich wie einst medizinische Quacksalber und religiöse Scharlatane in ihren Bestrebungen, die Öffentlichkeit irrezuführen.

Der «paranoide Stil»

Es ist keineswegs klar, ob Trump selbst den Unterschied zwischen Real und Fake kennt. Er scheint überzeugt zu sein, dass das FBI und die Medien sich verschwören, um seine Präsidentschaft zu stürzen. In diesem Sinne hat Trump das, was der Historiker Richard Hofstadter als den «paranoiden Stil» bezeichnete, vom Rand der US-Politik in den Mainstream übernommen. Vielleicht ist es ein gemeinsamer «paranoider Stil», der Trump zum russischen Präsidenten Wladimir Putin hinzieht. Dieser behauptet ja immer wieder, dass die Welt sich verschwört, um Russland den Status der Grossmacht zu entziehen, den es verdient.

Auf jeden Fall, wie die Krise in der Türkei zeigt, zerschellen irgendwann selbst die tiefsten Überzeugungen an der Wirklichkeit der Welt. «Die Welt ist, was sie ist», wie der kürzlich verstorbene Nobelpreisträger V.S. Naipaul in seinem Roman «An der Biegung des grossen Flusses» schrieb: «Menschen, die nichts sind, die sich erlauben, nichts zu sein, haben in ihr keinen Platz.» Dasselbe könnte von autoritären Führern gesagt werden. Diejenigen, die sich weigern, die Welt so anzuerkennen, wie sie ist – ob sie sie nun aus der Türkei, den USA, Venezuela oder von anderswo her betrachten –, verlieren schliesslich ihre Stellung, die sie just durch das Verleugnen der Wirklichkeit schützen wollten.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Nader Rodolfo Fassbind 10.09.2018 - 12:34

Leider verursachen diese Leute einen riesigen Schaden. Das Problem liegt in der “Ich-weiss-alles” Überzeugung dieser Leute: sie haben keine Ahnung und reduzieren alles auf ein Macht-und-Loyalität-Prinzip, vertreten dieses authentisch, skrupellos und rücksichtslos, was bei den meisten Leuten sehr gut ankommt, andere machen einfach mit, weil sie sich aus reinem Egoismus einen Vorteil herausrechnen und der grossen Mehrheit fehlt die Zivilcourage.