Meinungen

Erdogans Griff nach dem Balkan

Der türkische Präsident hat sich nahezu uneingeschränkte Macht gesichert. Das wird auch Südosteuropa zu spüren bekommen. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiter Manfred Rösch.

«Es ist nicht ohne Ironie, dass der Doppeladler heute das albanische Symbol schlechthin ist.»

Die Türkei hat wieder einen Sultan, sozusagen. Mazedonien muss sich nun Nordmazedonien nennen. Schweizer Fussballer mit «Wurzeln» im Kosovo machen nach Torschüssen den albanischen Doppeladler. Drei unterschiedliche Begebenheiten, doch sie sind miteinander verbunden, über die Geschichte des Balkans und über die Geopolitik.

Die Wahl – die alles andere als fair war, doch nicht mal entscheidend manipuliert gewesen sein muss – von Präsident Erdogan zum nahezu unumschränkten Alleinherrscher in Ankara strahlt auch auf Europa aus. In der Schweiz wählten ihn «nur» rund 37% der hier ansässigen Türken, in Deutschland jedoch 63%, in Belgien, den  Niederlanden und in Österreich über 70%. Das zeigt die Grenzen der ­Integrationsfähigkeit westeuropäischer Gesellschaften bzw. der Integrationswilligkeit mancher Zuwandererschichten un­geschminkt auf. Es legt auch das Manipulationspotenzial Erdogans offen, mit dem die Regierungen in Westeuropa kalkulieren müssen.

Seelenverwandt mit Putin

Auch ist nunmehr der allerletzte Zweifel beseitigt, dass die Türkei auf unbestimmte Zeit von der Annäherung an die Europäische Union abgekommen ist: Ihr Kandidatenstatus steht in schreiendem Kontrast zur antieuropäischen Rhetorik Erdogans (die EU-Chefdiplomaten werden wie üblich säuseln, man müsse trotz allem «im Gespräch bleiben»). Fragt sich auch zunehmend, wie loyal die Türkei auf Dauer zur Nato bleibt, der ja auch Erzfeind Griechenland angehört.

Unmittelbare geostrategische Interessen verfolgt Erdogan in Südosteuropa, auf dem Balkan. Der demokratisch gestützte Diktator – anscheinend ist einer Mehrheit des türkischen Volks ein starker Mann lieber als starke Institutionen – ist ein Nostalgiker des 1923 untergegangenen Osmanenreichs. Er scheint einen Phantomschmerz über den Verlust von Untertanengebieten zu verspüren und arbeitet darauf hin, die imperiale Einflusssphäre von vorgestern wiederzugewinnen. Auch in dieser Hinsicht ist er dem russischen Machthaber Putin nicht unähnlich, der das «nahe Ausland» wieder an sein Reich binden will.

Dafür schickt Erdogan allerdings nicht Soldaten aus, wie Putin auf der Krim oder in der Ostukraine, sondern Devisen. Eines der Zielländer ist das Nato-Land Albanien. Türkisches Kapital kontrolliert den früheren staatlichen Telecomanbieter, eine grosse Bank, Wasserkraftwerke und Indu­striebetriebe. Die Türkei bezahlte den Bau der grossen Moschee von Tirana, deren Eröffnung Erdogan 2015 beiwohnte. Auch im Kosovo, dem zweiten albanischen Staat, markiert Erdogan Präsenz, wirtschaftlich sowie propagandistisch. 2013 betonte er anlässlich eines Staatsbesuchs die Gemeinsamkeiten beider Völker, ­kulturell und historisch: «Die Türkei ist Kosovo, Kosovo ist die Türkei!»

Das wurde in Belgrad genau gehört und sorgte für kräftige Verstimmung. Die Serben betrachten Kosovo als Wiege ihrer Nation. 1398 verloren Armeen von Serben, Bosniern und auch Albanern gegen die vordringenden Osmanen die legendäre Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje). Zur 600-Jahr-Feier 1998 hielt der damalige serbische Präsident Slobodan Milosevic eine glühende vaterländische Rede, die sich als Auftakt zu den Jugoslawienkriegen verstehen lässt.

Es ist nicht ohne Ironie, dass der Doppeladler heute das albanische Symbol schlechthin ist, auch für Fussball-Secondos aus der Schweiz. Er beruht auf dem byzantinischen, dem osteuropäischen Kaiserbanner; Albaniens Nationalheld Skanderbeg, der  im 15. Jahrhundert gegen die eindringenden Osmanen kämpfte, trug ihn im Wappen. Ein Wahrzeichen des orthodoxen Christentums also, obwohl in Albanien wie im Kosovo die Mehrheit der Menschen (sofern nicht unreligiös; besonders die Republik Albanien hat eine laizistische Tradition) muslimisch ist; daneben gibt es Orthodoxe und Katholiken.

Die türkischen Tentakel reichen auch in die zerbrechlichen Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina (wo Erdogan neulich die Finanzierung einer Autobahn zusagte) und Mazedonien. Dort ist etwa ein Viertel der Bevölkerung albanisch; das Zusammenleben mit der slawischen Mehrheit ist heikel. Presseberichten zufolge neigen die mazedonischen Albaner weniger zu grossalbanischem Nationalismus als die  «eigentlichen» Albaner und die Kosovaren, sondern zu einem primär muslimischen Selbstverständnis; sie sollen Erdogan besonders freundlich gesinnt sein.

Albanien und Mazedonien sind bisher EU-Beitrittskandidaten ohne laufende Verhandlungen, Kosovo und Bosnien-Herzegowina sind potenzielle Kandidaten. Diese durchwegs armen Länder im Westbalkan, deren Weg zur wirtschaftlichen Konvergenz mit der EU sehr  lang ist, werden nicht auf die Dauer sowohl die türkische wie die europäische Karte spielen können. Je schriller Ankaras Töne gegen Europa sein werden, desto weniger.

Vorgespräche mit Albanien und Mazedonien sollen demnächst beginnen, und der EU-Gipfel von nächster Woche könnte, erstmals seit Langem, wieder das Thema Erweiterung aufgreifen, auch wenn Migrationsfragen im Vordergrund stehen. Desinteresse der EU am Balkan wäre fahrlässig, denn das hinterliesse ein Macht­vakuum, das Erdogan füllen kann. Oder auch Putin, der Schirmherr des traditionellen russischen Klientelstaats Serbien. Dass übrigens am denkwürdigen WM-Spiel Schweiz gegen Serbien in Kaliningrad das einheimische Publikum geschlossen die Serben unterstützte, ist Ausdruck einer historischen Kontinuität.

Wirtschaft braucht die EU

Erdogans Mittel sind allerdings nicht unbegrenzt. Die Wirtschaft leidet, und die Türkei hat an ihrer Süd- und Ostflanke strategische Herausforderungen zu bewältigen, Stichworte Kurden, Russen, Iraner. Zwar verfügt die Türkei über erheb­liches militärisches Gewicht, doch die Ressourcen werden dem Anspruch, die Türkei ein Stück weit im Sinn einer osmanischen Renaissance als Regionalmacht zu etablieren, insgesamt nicht gerecht. Die EU bleibt der wichtigste Handelspartner der Türkei und auch ihr grösster Direktinvestor. Hier findet Erdogans Grossmannssucht ihre Grenzen.

Dass Brüssel nun übrigens mit Mazedonien spricht, ist nur möglich geworden, weil sich das Land fortan Nordmazedonien nennt – damit ist der skurrile Namensstreit mit Nachbar Griechenland beigelegt. Zu Sultans Zeiten hiess der ganze Landstrich von der Adria bis zum Schwarzen Meer ohnehin Rumelien, Land der Römer. Schliesslich sahen sich die ­Sultane als Rechtsnachfolger der oströmischen Kaiser, deren Ende sie 1453 herbeigeführt hatten, und nannten sich auch Kayser-i Rum. Mal schauen, was Erdogan sich noch so an Titeln zulegt.

 

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