Meinungen

Erfolgsmodell Südkorea

Das Land hat die Covid-19-Krise gemeistert, und es widerlegt Chinas Propaganda, Demokratie und Wirtschaftswachstum seien unvereinbar. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli
«Das Land konnte mitten in der Coronakrise Parlamentswahlen abhalten.»

Die Coronaviruskrise hat in den meisten Ländern verdeckte oder verkannte Stärken und Schwächen enthüllt. Damit hat sie auch neue Risikoparameter für die Weltwirtschaft geschaffen. Alte Gewissheiten sind in kürzester Frist beseitigt worden. Die Covid-19 Krise hat sich für Ostasien zur wohl schwierigsten Zäsur seit dem Ende des Kalten Kriegs entwickelt. Es steht zu erwarten, dass die Erschütterungen heftiger und nachhaltiger sein werden als diejenigen zur Zeit der globalen Finanzkrise von 2008 und  der Asienkrise von 1997.

Die internationalen Medien haben in den vergangenen Monaten zu Recht beeindruckt über Südkorea berichtet. Das ferne Land in Nordostasien hat einen frühen Ausbruch der Covid-19-Pandemie in der zweiten Februarhälfte rasch und wirksam unter Kontrolle gebracht. Nach etwas über zwei Wochen hatte Seoul dank ausgedehntem Testen, speditiver Ermittlung und Isolierung der Erkrankten sowie dank der Implementierung strikter Verhaltensregeln die Seuche im Griff.

Zum bemerkenswerten Erfolg, der sich in einer sehr geringen Zahl von Krankheits- und Todesfällen manifestiert hat, trugen gleichermassen die Effizienz der Behörden und die Disziplin der Bevölkerung bei. Beides kam nicht über Nacht zustande, sondern hat seine Wurzeln ebenso in Koreas alter Kultur wie auch in seiner modernen Entwicklung. Das koreanische Staatsverständnis wird stark vom Konfuzianismus geprägt, und dieser legt grossen Wert auf ein ausgeklügeltes System von wechselseitigen Pflichten sowohl innerhalb der Familie als auch in der weiteren Gesellschaft.

Die Bevölkerung ist das Kapital

In der Krise konnte das Land auf ein gut ausgebautes Gesundheitswesen vertrauen, aber auch auf die Hart­näckigkeit und den Pragmatismus der Bevölkerung. Anders als das benachbarte China, wo Staat und Partei vor allem in der frühen Phase der Krise sträflich versagten, verfügte Südkorea mit seiner wachsamen Öffentlichkeit, dem politischem Pluralismus und der Rechtsstaatlichkeit über drei wichtige Pfeiler einer wirksamen Krisenbekämpfung. Besonders bemerkenswert war, dass das Land mitten in der Coronaviruskrise nationale Parlamentswahlen abhalten konnte, die frei und fair waren und mit 29 Mio. Wählern die grösste Beteiligung der ­vergangenen dreissig Jahre erbrachten.

Wie das benachbarte Japan verfügt die Republik Korea, so der offizielle Staatsname, über keine nennenswerten Bodenschätze und muss die gesamte Nachfrage nach fossilen Brennstoffen durch Einfuhren decken. Geografisch liegt das Land marginal, fernab der grossen Handelsströme, und die Menschen müssen sich in einem klimatisch und geopolitisch schwierigen Umfeld behaupten. Die wichtigste Ressource dieses rohstoff­armen Landes ist seine Bevölkerung.

Südkorea hat entlang des 38. Breitengrads, der die koreanische Halbinsel in den kommunistischen Norden und den freien Süden aufteilt, eine der gefähr­lichsten Grenzen Asiens. Stets unter dem Schatten von Kriegsdrohungen stehend, hat Südkorea innerhalb von zwei Generationen den Aufstieg vom kriegszerstörten Ent­wicklungsland zur zwölftgrössten Volkswirtschaft der Welt geschafft. Bereits 1996 wurde es in den exklu­siven Club der OECD aufgenommen. Heute liegt der ostasiatische «Tiger» gemessen am Pro-Kopf-­Einkommen mit dem Vereinigten Königreich gleichauf.

Gerade auch mit Blick auf das ­benachbarte China ist bemerkenswert, dass Südkorea zugleich die wirtschaftliche und die politische Modernisierung geschafft hat. Während die Volksrepublik im Totalitarismus der kommunistischen Einparteiherrschaft verharrt, hat sich Südkorea von Autoritarismus und Militärherrschaft emanzipiert und zu einer der lebendigsten liberalen Demokratien in Asien entwickelt. Seoul widerlegt mit diesem Erfolgsausweis nicht zuletzt auch die chinesische Propaganda, wonach eine pluralistische Demokratie dem speditiven wirtschaftlichen Fortschritt im Wege stehen würde.

Die Erfolge in der Bekämpfung der Pandemie haben auch mit Südkoreas Flexibilität zu tun. Das Land stellte sich rasch auf die veränderten Umstände ein und bewies damit einmal mehr seine Innovationskraft. Diese zeigt sich auch in der für ein kleines Land bemerkenswerten Zahl von weltweit anerkannten Marken, von denen einige inzwischen die japanische Konkurrenz das Fürchten gelehrt haben. Dies gehört zur koreanischen «Soft Power», wie sie sich unlängst auch manifestierte, als ein südkoreanischer Streifen den Oscar für den besten Film («Parasite») erhielt.

So erfolgreich sich Südkorea gegen die Herausforderung von Covid-19 behauptet hat, so gefährlich sind die Risiken, die sich am Horizont abzeichnen. Zum einen geht es um die substanziellen Gewichtsverlagerungen, die für die Weltwirtschaft in den kommenden Monaten und Jahren zu erwarten sind. Der Drang zu Importsubstitution und andere merkantilistische Versuchungen sind für kleine Staaten, die auf einen funktionierenden Welthandel angewiesen sind, besonders gefährlich. Ohne Zweifel gehört Südkorea zu den Ländern, die von der Globalisierung sehr stark profitiert haben. Es wird deshalb auch von Abstrichen an der Globalisierung besonders heftig betroffen werden, ohne dass es, auf sich selbst gestellt, den nötigen Einfluss für die Verfechtung seiner Interessen mobilisieren kann.

Die Coronaviruskrise hat Südkorea die Verletzlichkeit seiner Lieferketten spüren lassen. Die Abhängigkeit von China war und ist enorm und sorgt für grosse Un­gewissheit. Südkorea hat bereits wiederholt Pekings Macht zu spüren bekommen. Seoul wird sich um eine verstärkte Diversifizierung seiner wirtschaftlichen Aussenbeziehungen bemühen müssen. Im Vordergrund stehen dabei Südostasien, Indien und Australien. Auch mit Japan wird sich die südkoreanische Regierung verstärkt befassen müssen, selbst wenn das bilaterale Klima wegen der nach wie vor unbewältigten Vergangenheit derzeit stark belastet ist.

Im Schatten des Nordens

Am schwierigsten präsentiert sich die Lage in der Geopolitik. Selbstverständlich hat Seoul gelernt, mit der Sprunghaftigkeit des Regimes in Pjöngjang und mit den permanenten Drohungen aus dem Norden zu leben. Doch seit US-Präsident Donald Trump seine «Freundschaft» zum nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un entdeckt hat, ist die Geopolitik in Ostasien noch kom­plizierter geworden, als sie es ohnehin schon war. Für Südkorea wie auch für Japan, beides Verbündete der USA, die auf ihrem Territorium grosse amerikanische Militärbasen beherbergen, ist besonders irritierend, dass das Weisse Haus seine Politik gegenüber Kim ohne jegliche Absprache mit seinen Partnern betreibt. So scheint es Trump nicht zu stören, dass Kim immer wieder mit Raketentests provoziert und höchstwahrscheinlich kräftig am Ausbau seines nuklearen Arsenals arbeitet, ohne dafür von den USA zur Rechenschaft ­gezogen oder auch nur kritisiert zu werden.

Hinzu kommt, dass Südkorea wie auch Japan im Fadenkreuz der amerikanisch-chinesischen Spannungen steht. Auf der einen Seite muss man sich im Fall Chinas mit einer immer selbstbewusster und aggressiver auf­tretenden neu-alten Weltmacht arrangieren. Auf der andern Seite hat man es im Fall der Vereinigten Staaten mit einer Supermacht zu tun, über deren militärische und politische Verlässlichkeit selbst bei bestandenen Alliierten die Zweifel wachsen. Auch aus südkoreanischer Sicht ist es höchst problematisch, dass auf der internationalen Bühne Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping die Initiative an sich gerissen hat, derweil der amerikanische Präsident Donald Trump einen grossen Teil seiner Zeit für Washingtoner Intrigen aufzuwenden scheint.