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Erneutes Produktionsplus der deutschen Industrie

Die deutsche Industrie hat ihre Produktion im Mai trotz Lieferengpässen und Krieg leicht gesteigert.

(Reuters) Die deutschen Unternehmen fahren ihre Produktion trotz Lieferproblemen und des Krieges in der Ukraine etwas hoch. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im Mai zusammen 0,2% mehr her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten zwar mit einem höheren Anstieg von 0,4% gerechnet, das Plus vom April fiel mit 1,3% allerdings auch fast doppelt so stark aus wie zunächst gemeldet. Der russische Krieg gegen die Ukraine hatte am 24. Februar begonnen.

«Das Verarbeitende Gewerbe erholte sich im Berichtsmonat Mai ein Stück weit von dem externen Schock, den sie durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erhalten hatte», kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium die Entwicklung. Die Industrieproduktion habe sich zwar wieder stabilisiert. «Die nach wie vor hohe Unsicherheit durch den Krieg und das Risiko eines weitgehenden Lieferstopps beim russischen Gas wird jedoch viele Industrieunternehmen in den kommenden Monaten vor sehr grosse Herausforderungen stellen», erklärte das Ministerium von Ressortchef Robert Habeck.

Die Industrie allein steigerte ihren Ausstoss um 0,6%, während im Baugewerbe die Produktion um 0,4% kletterte. Im Bereich Energie hingegen drosselten die Betriebe die Produktion um 5,8% an, nachdem es im April ein deutliches Plus gegeben hatte.

Die Aussichten sind wegen des anhaltenden Krieges gedämpft. Immerhin stagnierte das Neugeschäft der Industrie im Mai weitgehend, nachdem die Betriebe zuvor drei Monate in Folge weniger Aufträge eingesammelt hatten. Anhaltende Lieferkettenstörungen weltweit versetzen nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) aber nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern der Weltkonjunktur insgesamt einen Dämpfer.


Analystenstimmen


Alexander Krüger, Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank

«Der Produktionszuwachs taugt nicht einmal zu einem kleinen Lichtblick. Nach wie vor ist das Produktionsniveau äußerst niedrig. Das Kernproblem bleibt der Materialmangel, durch den Aufträge nicht abgearbeitet werden können. Wirklich beruhigen können die Auftragspolster daher nicht. Mit der unsicheren Gasversorgung bestehen für die nächsten Monate zudem erhebliche Produktionsrisiken.»


Andreas Scheuerle, Dekabank

«Die Industrie präsentiert sich in einer schwachen Verfassung. Selbst im Mai konnte der Einbruch der Produktion vom März nicht ausgeglichen werden. Wurde die Industrie Anfang des Jahres noch vor allem durch angebotsseitige Engpässe behindert, so wird immer mehr eine sinkende Nachfrage zum Problem. Die Auftragseingänge sinken im zweiten Quartal deutlich und gleichzeitig türmen sich die Fertigwarenlager immer höher, weil Produkte nicht abgesetzt werden können. Zudem drosseln die energieintensiven Branchen ihre Produktion immer weiter angesichts der enormen Belastungen durch die Explosion der Energiepreise.»


Jens-Oliver Niklasch, LBBW

«Immerhin ein kleines Plus und eine ordentliche Zahl gemessen an den Umständen. Es scheint so, als dürfte man für die gesamtwirtschaftliche Leistung im zweiten Quartal ungeachtet aller Schwierigkeiten noch mit einem leichten Zuwachs rechnen.»


Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank

«Die Industrieproduktion macht Hoffnung, dass das gesamtwirtschaftliche Wachstum im zweiten Quartal besser ausfällt als erwartet. Da der Dienstleistungssektor von Corona-Nachholeffekten profitiert, könnte es in Kombination mit einer einigermaßen robusten Industrieproduktion zu einem soliden BIP-Zuwachs reichen. Allerdings bleibt das Bild durchmischt. Viele Industriebereiche leiden nach wie vor unter fehlenden Teilen und müssen ihre Produktion herunterfahren oder gar in einzelnen Segmenten ganz einstellen. Das Plus im Mai sollte deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Materialversorgung noch längere Zeit schwierig bleibt.

Die Industrieproduktion könnte im Falle einer fortgesetzten oder gedrosselten Gasversorgung aus Russland noch besonders ins Rampenlicht rücken. Sollte es im schlimmsten Falle zu einer Gasrationierung kommen, befänden sich Teile der Industrie im Lockdown. »

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