Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Ersparnis-Casse

Die ältesten bekannten Bankaktien der Schweiz stammen nicht aus Zürich, Basel, Genf oder Lugano – sondern aus Langenthal. Versichert jedenfalls glaubhaft ein Händler von historischen Wertpapieren auf seiner Website. Auch in Langenthal gibt’s eine Bahnhofstrasse. Sie wurde bis in die Siebzigerjahre gelegentlich überschwemmt, wenn das Flüsschen Langete Hausse hatte; sonst ist sie glamourfrei. Dort jedoch stand sie nicht, die einstige «Ersparnis-Casse für den Amtsbezirk Aarwangen» und spätere Ersparniskasse Langenthal EKL, immerhin aber ganz nah, in Sichtweite.

Das Institut wurde 1823 gegründet, die vorliegende Actie No. 101 im Nennwert von 50 Fr. wurde 1826 ausgestellt. Die ersten Spar- und Leihkassen, von denen es in manchen Landesgegenden einst wimmelte (im Kanton Bern hatte fast jeder Amtsbezirk sein «Kässeli»), entstanden ab 1805. Sie vergaben, wie der Name sagt, Kredite und Hypotheken an Handwerker, Bauern und Gewerbetreibende und refinanzierten sich mit deren Ersparnissen. Diese Gelder stellten in den dunklen Jahrhunderten vor der Erfindung des Sozialstaats für die bescheiden lebende Bevölkerungsmehrheit die Altersvorsorge dar. Mit Aktien wie der vorliegenden konnten sich die Anleger am «Sicherheitsfonds» der Bank beteiligen, anscheinend so etwas wie die dritte Säule vor Einführung der ersten und der zweiten.

Die Ersparniskasse selbst gehörte den Gemeinden des Amtsbezirks, bis anno 1996. Damals wurde sie an die Bankgesellschaft verkauft. Wenn die Erinnerung nicht trügt, hatte die seinerzeitige Immobilienkrise der EKL zugesetzt. Das lokale Konkurrenzinstitut, die Bank Langenthal, ging schon 1994 an den Bankverein. Nun sind beide unter dem Dach der UBS doch noch an die Bahnhofstrasse gelangt.

Dem Kleinsparer von heute wird es Tränen in die Augen treiben, wenn er in der ersten Zeile der «Actie» den schier nostalgischen Begriff «zinstragend» liest, wo doch heutzutage die Gebühren das Nullkommabisschen Ertrag nicht selten übersteigen. Zum Heulen ist auch, dass keine handfest-stilvoll-edlen Blätter wie dieses (erst noch mit weissem Papiersiegel) mehr ausgeliefert werden; ein trockener Depotauszug hat zu genügen. Überhaupt hatten Grossbankaktien in jüngerer Vergangenheit mitunter etwas Virtuelles. Und die Schwemme an virtuellem Geld, mit der die Weltwirtschaft geflutet wird, ist weitaus ungemütlicher als ein Langete-Hochwasser.