Märkte

Erste Risse im Arbeitsmarkt sichtbar

Das Niveau der Schweizer Arbeitslosenquote lässt manche europäische Nachbarn vor Neid erblassen. Doch das Seco spricht von einer Trendwende.

Letzte Woche wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass sich die Schweizer Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2018 in einer technischen Rezession befand. Und keiner hat es bemerkt. Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schrumpfte die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung nach revidierten Daten in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen, was der Definition einer technischen Rezession entspricht. Zu einem grossen Teil ist diese Schwäche durch die in der Schweiz ansässigen grossen Sportverbände verursacht. Ihre milliardenschweren Lizenzeinnahmen während grosser Sportereignisse werden der Schweizer Gesamtwertschöpfung verbucht. Das sorgt regelmässig für Verzerrungen des BIP-Wachstumspfads, nach unten wie auch nach oben.

Sondereffekte hin oder her, spätestens in diesem Jahr ist die Konjunktureintrübung nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Dynamik im Frühjahr und im Sommer liess zu wünschen übrig. Die Verschärfung des Handelskrieges der zwei grössten Volkswirtschaften zieht die Wachstumsdynamik rund um den Globus zunehmend in Mitleidenschaft. Der Welthandel mit Waren tendiert zur Schwäche. Exportorientierte Volkswirtschaften spüren die volle Breitseite dieser Nachfrageschwäche.

Irreführende Statistiken

Eine technische Rezession wandelt sich in eine ausgewachsene Rezession abhängig von Dauer, Tiefe und somit von der Wirkung auf den Arbeitsmarkt. Bis anhin können die aktuellen Konjunktursorgen dem Arbeitsmarkt in der Schweiz noch wenig anhaben. Zumindest auf den ersten Blick setzt sich der Boom ungebrochen fort. Die am Montag veröffentlichte Arbeitslosenrate des Seco liegt, bereinigt um saisonale Effekte, schon seit Mai dieses Jahres auf 2,3%. So tief war sie zuletzt um die Jahrtausendwende. Die absolute Zahl der Arbeitslosen, die bei regionalen Arbeitszentren (RAV) gemeldet sind, ist im August unter 100 000 Personen gefallen. Allerdings lässt sich die vom Seco erhobene Quote nicht mit den Zahlen anderer Länder vergleichen, da sie konzeptionell unterschiedlich ermittelt werden (vgl. Box).

Für den Vergleich über Ländergrenzen hinweg eignet sich die vom Bundesamt für Statistik (BFS) erhobene Erwerbslosenquote besser. Sie ist breiter gefasst, wird auf Quartalsbasis erhoben und ist gemäss vielen Ökonomen aussagekräftiger als die Arbeitslosenquote. Zudem wird sie durch die Internationale Arbeitsorganisation für eine Vielzahl von Ländern rund um den Globus veröffentlicht. In diesem Vergleich liegt die Schweiz mit einer Erwerbslosenquote von 4,2% im zweiten Quartal nur etwa im europäischen Mittelfeld (vgl. Grafik 3, nach Alter).

Ausgerechnet das Seco warnte nun anlässlich der Veröffentlichung des BIP-Wachstums vom zweiten Quartal vor einer beobachtbaren Trendwende bei den Erwerbslosenquoten nach Industriesektoren, der Datenreihe des BFS. Während sich die Beschäftigungsdynamik im Dienstleistungssektor weiterhin auf hohem Niveau hält und die Erwerbslosenquote leicht rückläufig ist, zeigt sich das Bild für die Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) deutlich düsterer. Swissmem, der Verband für KMU und Grossfirmen, berichtete einen Rückgang der Bestellungen von nahezu 20% im zweiten Quartal. Diese Industrien exportieren etwa 80% ihrer Produktion. Dies macht sie überproportional anfällig für die Aufwertung des Frankens und für die Verlangsamung des Welthandels. Das Drosseln der Produktion macht sich somit bereits in der Erwerbslosenstatistik der Industrie bemerkbar.

Gemischte Frühindikatoren

Generell ist bei der Interpretation von Arbeitsmarktdaten Vorsicht geboten. So deutet die Entwicklung der offenen Stellen auf blendende Aussichten für Stellensuchende hin: Im Juni 2019 lag die Zahl der bei den RAV gemeldeten offenen Stellen gegenüber dem Vorjahresmonat um rund 122% höher auf 37 390 Stellen und erhöhte sich bis zum August auf 38 478. Allerdings gibt es seit dem 1. Juli 2018 die Stellenmeldepflicht für Berufsarten mit einer Arbeitslosenquote von mindestens 8%. Seit Einführung der Meldepflicht hat sich die Zahl der offenen Stellen rasant erhöht und taugt dank der Verzerrung nicht mehr für historische Vergleiche.

Die Subkomponente des Einkaufsmanagerindex (PMI, vgl. Grafik 5) zur Beschäftigung ist im August unter den wichtigen Schwellenwert von 50 Punkten gefallen. Dies deutet auf Beschäftigungsabbau hin. Dem widerspricht das am Dienstag veröffentlichte Arbeitsmarktbarometer der Manpower-Gruppe. Gemäss dieser Umfrage bei Unternehmen bleiben die Beschäftigungsaussichten schweizweit stabil. In vielen Sektoren ist bereits Vollbeschäftigung erreicht. Allerdings wird betont, dass die Verunsicherung in Bezug auf die wirtschaftliche Lage in Europa und weltweit deutlich spürbar bleibt.

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