Meinungen

Es droht Arbeitskräftemangel

Die Demografie ist auch für den Arbeitsmarkt eine grosse Herausforderung. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Diese Erfolgsmeldungen bedeuten nicht, dass der Arbeitsmarkt auf unabsehbare Zeit hinaus gesund bleibt.»

Der schweizerische Arbeitsmarkt befindet sich in einem guten, sogar sehr guten Zustand. Das betonte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco, an seiner Jahrespressekonferenz am Freitag. 2019 ist die durchschnittliche Arbeitslosenquote auf 2,3% gefallen, den niedrigsten Stand seit 2001. Die Zahl der Beschäftigten ist seit 2010 um fast 0,5 Mio. Personen gestiegen, und die Erwerbsbeteiligung ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Zugleich ist die Arbeitslosenversicherung, die noch vor wenigen Jahren unter enormen Schulden stöhnte, in der Zwischenzeit schuldenfrei.

Diese Erfolgsmeldungen bedeuten jedoch nicht, dass der Arbeitsmarkt auf unabsehbare Zeit hinaus gesund bleibt und kein Thema mehr ist. Ganz im Gegenteil: Die demografische Entwicklung, also die Alterung der Bevölkerung, die sonst stets und zu Recht als Bedrohung für die Altersvorsorge gesehen wird, wird auch für den Arbeitsmarkt zu einer grossen Herausforderung.

Zur Kompensation gibt es drei Möglichkeiten

Nach den Angaben des Seco gehen die geburtenstarken Jahrgänge vor allem der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts allmählich in Pension. Diese Jahrgänge sind wesentlich grösser als die in den Arbeitsmarkt nachrückenden jungen Jahrgänge – und zwar seit Jahren und noch für Jahrzehnte. Die Differenz dürfte gemäss Seco etwa 2028 mit rund 40 000  Personen den Höhepunkt erreichen. Sie verringert sich nur langsam, noch 2035 dürften mehr als 20 000 Personen mehr in Pension gehen als nachrücken.

Zur Kompensation gibt es drei Möglichkeiten. Erstens eine Steigerung der Arbeitsmarktbeteiligung. Das Potenzial allerdings dürfte in der Schweiz weitgehend ausgeschöpft sein. Die Erwerbsbeteiligung liegt hierzulande über 84% – ein international rekordverdächtiger Wert.

Eine zweite Möglichkeit besteht in der Steigerung der Arbeitsproduktivität. Auch hier sind die Möglichkeiten begrenzt. Erstens ist das Niveau bereits hoch, und zweitens sind allfällige Steigerungseffekte in einer Dienstleistungsgesellschaft naturgemäss gering. Sie werden kaum ausreichen, um die demografische Lücke zu schliessen.

Die Produktion der Wirtschaft würde nachgeben

Bleibt schliesslich die Möglichkeit der Zuwanderung aus dem Ausland. Ein beträchtlicher Teil der neu geschaffenen Stellen der vergangenen Jahre konnte nur so besetzt werden. Damit rückt die Volksinitiative «Für eine massvolle Zuwanderung (Begrenzungsinitiative)» in den Fokus. Der von der SVP lancierte Vorstoss, der voraussichtlich im Mai dieses Jahres zur Abstimmung gelangen wird, will die Personenfreizügigkeit mit der EU kündigen – und damit das ganze erste Paket der bilateralen Verträge.

Ein Ende der Personenfreizügigkeit müsste in der Schweiz rasch zu einem markanten Arbeitskräftemangel führen. Die Produktion der Wirtschaft würde entsprechend nachgeben. Die folgende Ausserkraftsetzung der Bilateralen I würde das Ganze zusätzlich verschlimmern. Der Arbeitsmarkt würde sehr rasch aus dem Lot geraten, den sehr guten würden sehr schlechte Jahre folgen.