Meinungen

Es droht strukturelle Arbeitslosigkeit

Ursache des zu erwartenden Anstiegs der Arbeitslosenquote ist die längere Dauer der Erwerbslosigkeit. Ein Kommentar von George Sheldon.

George Sheldon
«Die Arbeitslosenquote könnte in diesem Halbjahr auf mehr als 5% steigen.»

Die Auswirkung des im März in Kraft getretenen Lockdown auf den Schweizer Arbeitsmarkt scheint dramatisch zu sein. Rund 30 000 Beschäftigte haben im Durchschnitt der Monate März und April ihren Arbeitsplatz verloren, und dies, obwohl mehr als ein Viertel der Beschäftigten kurzarbeitete, um Ar­beitslosigkeit zu vermeiden. Allein in diesen zwei Monaten ist die Arbeitslosenquote fast genauso stark gestiegen, wie sie im Anschluss an die Finanzkrise im gesamten Jahr 2010 zugenommen hatte. Entsprechend geht das Staats­sekretariat für Wirtschaft (Seco) derzeit davon aus, dass die Arbeitslosenquote im kommenden Jahr durchschnittlich 4,1% betragen wird, nachdem sie Ende Februar saisonbereinigt noch bei 2,3% lag. Kein Wunder, dass einige ­befürchten, die Schweiz könnte in den kommenden Monaten die tiefste Rezession ihrer Geschichte erleben.

Ist die Arbeitsmarktlage aber wirklich so dramatisch, wie es derzeit scheinen will? Immerhin melden sich rund 30 000 Menschen jeden Januar arbeitslos, ohne grössere Folgen. Ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit ist also nicht ungewöhnlich in der Schweiz. Arbeitslosenquoten jenseits von 4% sind ebenfalls nicht unbekannt hierzulande. Zuletzt geschah dies Mitte der Neunzigerjahre. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir im Folgenden, wie sich die momentane Arbeitsmarktlage aus historischer Perspektive präsentiert und wie sie sich in den kommenden Monaten voraussichtlich entwickeln wird.

Rekord während Immobilienkrise 1997

In den letzten hundert Jahren hat die Schweiz sieben Mal einen grösseren Beschäftigungseinbruch erlitten. Der erste ereignete sich Anfang der Zwanzigerjahre ­im Gefolge der grossen Deflation, als eine restriktive Geldpolitik die Inflationsrate von +25% im Jahr 1918 auf –20% im Jahr 1922 drückte. Als Folge schoss die Arbeitslosenquote von 0,5 auf 3,4% hoch.

Der zweite Einbruch geschah während der Grossen Depression in den Dreissigerjahren. Damals kletterte die Arbeitslosenquote erneut von 0,5 auf die damalige Rekordhöhe von 4,5%.

In den Jahren danach blieb es weitgehend ruhig auf dem heimischen Arbeitsmarkt, bis die Beschäftigung im Gefolge der ersten Ölpreiskrise Mitte der Siebziger um 8% einbrach, der grösste Rückgang aller OECD-­Mitgliedländer. Doch damals erreichte die Arbeits­losenquote nicht einmal die 1%-Marke, da die deutliche Mehrheit der Erwerbsbevölkerung nicht gegen Arbeitslosigkeit versichert war und ohne Taggeld­anspruch die Stellenlosigkeit beim Arbeitsamt nicht meldete und somit aus der Arbeitslosenstatistik fiel. ­Zudem besass ein Grossteil der ausländischen Arbeitskräfte damals eine begrenzte Arbeitsbewilligung und war folglich gezwungen, bei Verlust der Stelle ins Heimatland zurückzukehren.

In der zweiten Ölpreiskrise Mitte der Achtzigerjahre hingegen war ein Grossteil der Erwerbsbevölkerung dank der 1977 in Kraft getretenen Versicherungspflicht gegen Arbeits­losigkeit versichert, und ein grös­serer Anteil der ausländischen ­Erwerbsbevölkerung war sesshaft geworden, sodass die Arbeitslosenquote die 1%-Marke diesmal überstieg, obwohl lediglich die Wachstumsrate der Beschäftigung, aber nicht ihr Niveau fiel.

Die bislang höchste Arbeitslosenquote erlebte die Schweiz 1997 ­infolge der Immobilienkrise mit einem Jahreswert von 4,7%. Es ist ­allerdings anzumerken, dass die Arbeitsmarktstatistik von vor 1948 mit ­Vorsicht zu geniessen ist. Zur ­Berechnung der Arbeitslosenquote wird die Zahl der Erwerbstätigen ­benötigt. Doch vor 1948 wurde diese Zahl ­lediglich alle zehn Jahre im Rahmen der Volkszählung erhoben. Da die Beschäftigtenzahl von 1930 auf 1940 aber leicht zunahm, bleibt unbekannt, wie stark die Beschäftigung in den Jahren dazwischen einbrach und folglich wie gross die nicht gemeldete bzw. die nicht erfasste Arbeitslosigkeit damals ausfiel.

Nach 1997 folgten das Bersten der Dotcom-Blase ­Anfang der Nullerjahre und die Finanzkrise 2008/2009, als die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquote auf verhältnismässig moderate 3,6 bzw. 3,3% stieg.

Vor diesem Hintergrund mag die vom Seco für 2021 erwartete Arbeitslosenquote von 4,1% nicht besonders dramatisch erscheinen. Allerdings hängt diese Prognose stark von der Entwicklung des Bruttoinlandprodukts (BIP) ab. Doch Angaben darüber liegen hierzulande erst mit grosser Verzögerung vor. Zum Beispiel wird erst ­Anfang Oktober bekannt, wie sich das BIP im zweiten Quartal entwickelt hat, und selbst dann wird es sich nur um eine vorläufige Schätzung handeln. Endgültige Zahlen sind erst ein bis zwei Jahre später verfügbar. Allfällige Prognosen beruhend auf den derzeit vorliegenden BIP-Zahlen stehen folglich auf wackligen Beinen.

In Anbetracht dessen haben verschiedene Forscher in der Schweiz begonnen, nach aktuelleren Indikatoren für die Wirtschaftstätigkeit zu suchen. Einige haben Transaktionsindikatoren wie Kreditkartennutzung oder zurückgelegte Meilen zur Hilfe genommen, während andere sich auf in Google gesuchte Begriffe wie «Arbeitslosigkeit» oder «Stellenangebote» gestützt haben. Der zeitliche Verlauf dieser Indikatoren kann interessante Einblicke in die allgemeine Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung liefern. Doch sie lassen sich nicht leicht in so wichtige wirtschaftliche Variablen wie das BIP oder die Arbeitslosigkeit übersetzen. Hinzu kommt, dass die ermittelten Reihen momentan vielfach zu kurz sind, um einmalige oder saisonale Effekte von Trendwenden zu unterscheiden.

Mein Institut ist vor Jahren deshalb einen anderen Weg gegangen, der diese Schwäche nicht aufweist. Statt neue Datenreihen zu erschliessen, werten wir die bestehende amtliche Arbeitsmarktstatistik des Seco mit einem mathematischen Modell vertieft aus. Der Ansatz hat sich als durchaus erfolgreich erwiesen. So ist es ihm als einzigem gelungen, im Herbst 2010 im Anschluss an die Finanzkrise korrekt vorauszusagen, dass die Arbeitslosenrate im darauffolgenden Jahr unter 4% fallen würde. Alle anderen Modelle prognostizierten einen weiteren Anstieg auf mehr als 5%.

Stelle finden heikler als Stelle behalten

Die jüngsten Ergebnisse, beruhend auf den Zahlen vom Juli, lassen nun erwarten, dass die Arbeitslosenquote im laufenden Halbjahr saisonbereinigt auf mehr als 5% steigen wird, verglichen mit 3,7% gegenwärtig. Dies wäre historisch ein einmaliger Anstieg. Allerdings sagte das Modell im Juni eine Erhöhung auf mehr als 6% ­voraus, sodass das jüngste Ergebnis als Zeichen einer leichten Entspannung gewertet werden kann.

Verantwortlich für den zu erwartenden Anstieg der Arbeitslosenquote ist ausschliesslich die durchschnitt­liche Dauer der Arbeitslosigkeit, die seit Februar von rund vier Monaten auf mehr als acht Monate ge­wachsen ist. Die individuelle Gefahr, von Arbeitslosigkeit ­getroffen zu werden, hingegen ist seit der Auf­hebung des Lockdown gesunken. Arbeitnehmer haben ­derzeit also eher damit zu kämpfen, eine Stelle zu finden, als eine zu behalten.

Die lange Arbeitslosigkeitsdauer lässt wiederum erwarten, dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen von derzeit 15% auf ein Allzeithoch von 40% im nächsten Sommer steigen wird. Da Langzeitarbeitslose schwer zu vermitteln sind, sei es, weil Arbeitgeber hinter anhaltender Arbeitslosigkeit gravierende Defizite vermuten, sei es, weil durch fortgesetzte Arbeitslosigkeit Qualifikationen verloren gehen, kann sich eine Arbeitslosigkeit, die konjunkturell begonnen hat, in strukturelle Arbeitslosigkeit verwandeln. Diese würde eine schnelle Erholung auf dem Arbeitsmarkt behindern.