Meinungen

Es gibt Grenzen für den Ölpreis

Die Ölexportländer haben ein Interesse daran, den Preis unter Kontrolle zu halten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Höhere Ölpreise können für die Förderländer unerwünschte Wirkungen haben.»

Der Ölpreis steigt und steigt – mit über 82 $ je Fass notierte die Sorte Brent diese Woche zeitweise so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr . Nun halten Marktbeobachter einen Preis von 100 $ für möglich. Das würde aber bedeuten, dass den grossen Förderländern wie dem Ölkartell Opec und dem Verbündeten Russland die Kontrolle über den Ölpreis entglitten ist.

Denn ein schnell steigender Preis ist für die Ölexporteure nur ein kurzfristiger Gewinn. Höhere Notierungen am Ölmarkt können langfristig unerwünschte Wirkungen haben. Zum einen ist da der weltwirtschaftliche Effekt. Eine Konjunkturabschwächung würde den Ölkonsum sinken lassen.

Das erste Opfer wären wohl die kriselnden Schwellenländer mit hohem Exportdefizit. Höhere Energiepreise könnten soziale Unruhen auslösen. Das wird den Produzenten im Nahen Osten kaum schmecken – die Erinnerungen an den Arabischen Frühling im Jahr 2011 sind noch frisch. Auch das Wachstum der Industrieländer wäre bei stark steigenden Preisen in Gefahr.

Anreiz für Öl-Konkurrenz

Nicht nur die Nachfrageseite macht Sorgen. Ein höherer Absatzpreis stärkt den Anreiz für Konkurrenten wie etwa die US-Schieferölindustrie, mehr von dem Energieträger zu fördern. Alternativen in der Stromproduktion wie regenerative Energien und Gas würden attraktiver. Mehr Konsumenten könnten von Benzin- auf Elektrofahrzeuge oder treibstoffsparende Fahrzeuge umrüsten.

Dazu kommt ein kurzfristiger Faktor, der den Ölpreis in Schach halten lassen sollte: US-Präsident Donald Trump. Der erklärte diese Woche vor den Vereinten Nationen: «Die Opec zockt den Rest der Welt wie gewöhnlich ab.» Die USA lieferten den Ländern Sicherheitsgarantien – dafür will Trump bezahlt werden, und er will einen niedrigeren Ölpreis.

Ironischerweise haben die angekündigten Sanktionen der USA gegen den Iran den jetzigen Preisanstieg mitbewirkt. Dass die Opec die Förderquoten als Ausgleich für die Ausfälle im Iran und in Venezuela offiziell noch nicht erhöht hat, lässt sich als Zeichen verstehen, dass man sich Trumps Forderungen nicht beugt.

Stabiler Preis ist oberstes Ziel

Aber gleichzeitig bleibt ein stabiler Ölpreis das oberste Ziel der Opec. Die saudische Delegation hatte immer wieder eine Preisspanne von 70 bis 80 $ je Fass für akzeptabel erklärt. Erst als Äusserungen von Offiziellen darauf schliessen liessen, dass die Saudis auch einen höheren Preis akzeptieren würden, kletterte auch der Marktpreis über 80 $.

Analysten hinterfragen nun, wie viel Macht die Saudis haben, den Ölpreis unter Kontrolle zu halten. Bis zu 2 Mio. Fass pro Tag – das entspricht den gesamten Exporten des Konkurrenten Iran – hat Saudi-Arabien an Reservekapazität offiziell kurzfristig verfügbar.

Die grosse Unsicherheit ist dabei die Geschwindigkeit, mit der das zusätzliche Ölangebot auf den Markt gebracht werden kann. Es ist gut möglich, dass es schwierig wird, ein weiteres Einbrechen der iranischen Exporte schnell auszugleichen. Aber mehr als kurzfristige Volatilität ist davon nicht zu erwarten.

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