Märkte / Makro

Es rappelt in der Kiste

Die EZB hat den Geist aus der Flasche gelassen: Eine quantitative Lockerung im Stil der USA und Japans ist nicht mehr nur eine theoretische Möglichkeit. Die Wette an den Bondmärkten hat begonnen.

Ene mene miste, es rappelt in der Kiste – so beginnt der bekannte Abzählreim für Kinder. Das Spiel ist seit Monaten auch unter Marktteilnehmern sehr beliebt. Seit fünf Monaten zählen sie die EZB-Pressekonferenzen und warten auf den Moment, an dem die Europäische Zentralbank (EZB) endlich die Deckung verlässt, um etwas gegen die Deflationsgefahren in der Eurozone zu tun. Die Teuerung lag im März noch bei 0,5% und damit deutlich unter dem Zielwert der EZB von knapp unter 2%.

Bisher sträubt sich die EZB dagegen, die Geldpolitik weiter zu lockern – so auch an der Sitzung von Anfang April. Der Hauptrefinanzierungssatz blieb auf 0,25% stehen, der Einlagensatz bei 0%.

Draghi spricht die magischen Worte aus

EZB-Präsident Mario Draghi sorgte aber trotzdem für Aufregung, als er die magischen Worte fallen liess: «Der EZB-Rat ist sich einig in seinem ­Bekenntnis, auch unkonventionelle Instrumente zu ergreifen, um gegen eine lang andauernde tiefe Inflation vorzugehen», erklärte er. Ein Anleihenkaufprogramm (Quantitative Easing) ist seither eine ernstzunehmende Option der Frankfurter Währungshüter. Der Euro fiel am Freitag nach dem Zinsentscheid unter 1.37 $, nachdem er am Vortag unmittelbar vor der Pressekonferenz bei 1.377 $ notiert hatte.

Seither rappelt es noch mehr in der Kiste bzw. der Black Box (BOX 26.90 -2.15%) der EZB-Geldpolitik. Und immer wieder sickern Einzelheiten von EZB-Offiziellen an die Öffentlichkeit.

Das Rätselraten hat begonnen

Laut Presseberichten hat die EZB ­bereits verschiedene Berechnungen zu den möglichen Auswirkungen eines QE-Programms auf die Teuerung durchgeführt: Würde die Zentralbank im Laufe eines Jahres Wertpapiere im Volumen von 1000 Mrd. € – das entspricht 80 Mrd. € monatlich – aufkaufen, stiege die Inflationsrate 0,2 bis 0,8 Prozentpunkte.

Analysten von Société Générale haben bereits im Februar ähnliche Zahlen vorgelegt. Sie schätzten damals, dass Wertpapierkäufe im Umfang von 1,5 Bio. € nötig wären, um eine Deflation im Euroraum zu bekämpfen. Wird die EZB aktiv, bevor eine negative Teuerung gemessen wird, wie Draghi es angedeutet hat, halten die Ökonomen einen Umfang von 1000 Mrd. € für plausibel.

Coeuré gibt weitere Details

Vergangenen Sonntag hat sich dann EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré an der IWF-Frühjahrskonferenz zu Wort gemeldet. Die EZB könnte eine breite Palette von Wertschriften aufkaufen, und die Laufzeit dieser Titel könnte bis zu zehn Jahren reichen. Allerdings lasen die Exegeten aus der Rede auch heraus, dass die EZB zuerst die Zinsen senken würde, bevor sie zur QE-Bazooka griffe. Coeuré machte aber auch klar, dass nicht nur Staatsanleihen, sondern auch Wertschriften von Unternehmen Teil ihres QE wären

Jedem Land seine QE-Rezeptur

Die EZB würde zudem je nach Land unterschiedliche Wertschriften kaufen, um die verschiedenen Dysfunktionalitäten der Geldpolitik für die einzelnen Länder und ihre Kapitalmärkte zu berücksichtigen. Das Ziel wäre es, die Refinanzierungskosten in allen Ländern um einen ähnlichen Prozentsatz zu senken, um die Fragmentierung der Kapitalmärkte zu reduzieren.

Die Fragmentierung sorgt seit Ausbruch der Schuldenkrise Mitte 2012 für unterschiedliche Zinsen, die Unternehmen am Kapitalmarkt zahlen müssen, obwohl die zentrale Geldpolitik für alle Länder dieselbe ist. Die EZB will, dass ihre zinspolitischen Signale – und ganz besonders ihre lockere Geldpolitik – überall in der Eurozone gleich ankommen und alle Unternehmen gleich davon profitieren können.

Die Wette an den Bondmärkten hat begonnen

Die Aussage von Draghi hat auch den Bondmärkten neue Fantasie eingehaucht. Die Renditen fünfjähriger spanischer Staatsanleihen notierten im Nachgang zu seinen Äusserungen erstmals seit 2007 zeitweise niedriger als die Renditen vergleichbarer US-Treasuries.

Und es gibt mehr: In ihrer neusten Analyse der Geldflüsse wirft Bank of America (BAC 36.77 +0.26%) Merrill Lynch die Frage auf, ob nicht bald wieder ein Wechsel in der Führerschaft der Anlageklassen ansteht: Seit sieben Wochen in Folge habe der Zufluss in Anleihen, vor allem in die mit Anlagequalität, den in Aktien übertroffen. Der Trend könnte sich in den Augen der US-Grossbank auch deshalb fortsetzen, weil die Märkte auf Anleihenkäufe durch die EZB zu wetten begonnen haben.