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Euro fällt zum Franken auf tiefsten Stand seit Sommer 2015

Der Euro leidet unter der politischen Instabilität im Euroraum. Seit Jahresende beschleunigt sich der Abwärtstrend.

(AWP) Der Euro befindet sich seit knapp zwei Jahren in einem Abwärtstrend gegenüber dem Franken. Zwar kommt es immer wieder zu Gegenbewegungen. Seit Jahresende hat sich der Trend aber noch beschleunigt und die Einheitswährung notiert aktuell so tief wie zuletzt im Sommer 2015.

Am 15. Januar 2015 hob die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5700 -1.72%)) den Mindestkurses von 1,20 Fr. je Euro auf, den sie zuvor während über drei Jahren verteidigt hatte. Darauf fiel der Euro kurzzeitig unter die Parität, zog danach aber im Zuge der Erholung der Weltwirtschaft an – bis auf einen Kurs von 1,2006 am 20. April 2018.

Seitdem schwächt sich der Euro wieder ab, und dies obwohl die SNB mit Deviseninterventionen dagegenhält, um den Schaden für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft zu begrenzen.

Mit 1.0622 Fr. erreicht der Euro am Donnerstag einen Kurs, den er vor viereinhalb Jahren bzw. im Sommer 2015 zuletzt gesehen hatte. Auch zum Dollar weit der Euro Schwäche auf. Die Gemeinschaftswährung fiel bis auf 1.0853 $ und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2017. Bereits am Vorabend war der Euro auf einen ähnlich niedrigen Wert gefallen.

Euro-Schwäche oder Franken-Stärke?

Während üblicherweise der Franken als Folge wirtschaftlicher Schwierigkeiten oder geopolitischer Spannungen als sicherer Hafen angesteuert wird und zum Euro erstarkt, scheint aktuell eine ausgeprägte Schwäche der Einheitswährung Ursache für die Kursentwicklung zu sein.

Dafür gibt es laut Händlern mehrere Gründe. Der Euro leidet unter der jüngst gewachsenen politischen Instabilität im Euroraum, vor allem in Deutschland, dem wachsenden Risiko eines Handelskonflikts mit den USA sowie Fragen über die künftigen Beziehungen zwischen der EU und Grossbritannien. Zuletzt belasteten aber auch negative Konjunkturdaten die Gemeinschaftswährung, wie es heisst.

Adrian Schneider von der Graubündner Kantonalbank (GRKP 1595 0.95%) sieht die Schwäche des Euro zudem darin, dass die Konjunktur in den USA besser läuft als in Europa. Cédric Spahr von der Privatbank J.Safra Sarasin erwähnt zusätzlich die Spannungen zwischen den USA und Iran. Dies stärke sowohl Dollar als auch Franken zulasten des Euro.

Angst vor US-Liste lockt Spekulanten

Derzeit scheint die SNB nicht sehr aktiv am Markt zu sein und interveniert bestenfalls punktuell am Devisenmarkt. Die wöchentlichen Daten zu den Sichteinlagen der Banken bei der SNB hätten zuletzt einen leichten Anstieg aufgewiesen, sagt Alexander Koch von der Raiffeisenbank. «Das Ausmass bleibt jedoch nach wie vor im Bereich saisonaler Schwankungen.»

Während die SNB sich noch im vergangenen Jahr aktiv gegen eine Aufwertung gestemmt habe, scheine sie sich nun mehr zurückzuhalten und einen stärkeren Franken zu tolerieren. Ein Grund sei womöglich, das ihr bei anhaltenden Interventionen die Brandmarkung als Währungsmanipulator durch die USA drohe, sagt Koch.

«Und die Schweiz steht halt nicht gern auf Listen», sagt ein Händler dazu. Die SNB habe zwar gesagt, sie werde sich von den USA nicht von weiteren Devisenkäufen abhalten lassen, falls diese notwendig seien. Seit die Angst vor der Liste aufgekommen sei, habe der Franken aber deutlich an Wert gewonnen.

Diese Drohung habe bei Anlegern Ängste geschürt, dass «die SNB in ihren Handlungen künftig womöglich eingeschränkt sein könnte und damit den nächsten grossen Ansturm auf den Franken nicht abzuwehren vermag», sagt Adrian Schneider, Anlagestratege bei der Graubündner Kantonalbank. «Die SNB ist wahrlich nicht zu beneiden in ihrem Kampf gegen eine Aufwertung des Frankens», kommentieren die Experten der Valiant (VATN 105.4 -1.13%) Bank.

Zinssenkung als Ultima Ratio

Wenn der Aufwertungsdruck zu gross wird, gilt eine Zinssenkung als Option. «Allerdings rechnen wir derzeit damit, dass die SNB in diesem Jahr den Leitzins unverändert lassen wird», sagt Karsten Linowski von der Credit Suisse (CSGN 13.39 -1.29%). Eine Zinssenkung dürfte nur als Ultima Ratio zum Zuge kommen, sagt auch Schneider von der Graubündner KB.

Der Franken dürfte auch in den kommenden Monaten seiner Meinung nach stark bleiben. Ein Rückgang auf 1,05 sei durchaus denkbar. «Wir rechnen damit, dass in den kommenden Jahren die EUR/CHF-Parität erreicht wird», meint Cédric Spahr vom Vermögensverwalter J.Safra Sarasin.

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