Meinungen

Europa: Falsche Diagnose, falsche Behandlung

Das Kernproblem der Eurokrise sind nicht die hohen Staatsschulden Spaniens, Irlands, Portugals oder Italiens. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«Das Unvermögen der Politiker, die Funktionsweise der Bilanzrezession zu verstehen, drückt die Währungsunion immer näher an den Abgrund.»

Es war einmal ein Patient. Er fühlte sich schwach, klagte über Schmerzen in der Brust. Sein Arzt kam zum Schluss, der Patient habe zu viel getrunken und geraucht. Er müsse sich entgiften. Also (ALSN 137.6 2.08%) setzte er den Patienten auf eine strenge Diät. Doch sein Zustand verbesserte sich nicht; er wurde schwächer, die Schmerzen heftiger. Der Arzt massregelte den Patienten, er habe seine Diät nicht konsequent befolgt. Er schlug vor, ihm einen Aderlass zu setzen, möglicherweise müsse er ein Bein amputieren, da sich dort «das Gift» konzentriere. Dann starb der Patient. An einem Herzinfarkt.

Falsche Diagnose, falsche Behandlung, fataler Ausgang. Das gleiche Muster spielt sich derzeit in Europa ab. Gemeinhin ist von «Staatsschuldenkrise» die Rede, doch die hohen Staatsschulden sind nicht die Ursache dafür, dass die Europeripheriestaaten heute vor dem Kollaps stehen. Einzig für Griechenland mag das der Fall sein, aber definitiv nicht für Spanien und Irland, auch nicht für Portugal und Italien. Nein, die Krankheit heisst Bilanzrezession, und das Unvermögen der Politiker, die Funktionsweise dieser Krankheit zu verstehen, drückt die  Währungsunion immer näher an den Abgrund.

Begegnung mit dem Monster

Es existieren zwei Arten von Rezessionen. Die eine, die Lehrbuchvariante, ist harmlos. Ihre Ursache liegt meist im normalen Geschäfts- und Lagerzyklus der Unternehmen. Sie ist in der Regel von kurzer Dauer und kann mit den Mitteln der Geldpolitik effektiv bekämpft werden.  Fiskalische Stimuluspakete sind unnütz bis kontraproduktiv, weil sie die private Kreditschöpfung verdrängen (Crowding-out). Alle Rezessionen, die Europa und die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, waren von dieser harmlosen Art.

Die Bilanzrezession dagegen ist ein Monster. Sie ist zwar selten, doch wenn sie zuschlägt, zwingt sie einer Volkswirtschaft komplett neue Gesetze auf. Vorläufer einer Bilanzrezession sind ein Wirtschaftsboom und exzessiver privater Schuldenaufbau. Sobald die Stimmung kippt und sich die Wirtschaft des betreffenden Landes abkühlt, setzt der Mechanismus ein, für den Keynes in den Dreissigerjahren den Begriff «Sparparadox» geprägt hatte: Die privaten Sektoren der Wirtschaft – also die Haushalte und die Unternehmen – sind plötzlich mit zu hohen Schulden belastet und versuchen, sie abzubauen. Jeder agiert in dieser Situation für sich rational; er erhöht seine Sparquote und zahlt Schulden zurück. Wenn das aber alle gleichzeitig tun, sackt die aggregierte Nachfrage in der Volkswirtschaft zusammen.

Ein derartiger Schuldenabbauprozess nimmt Jahre in Anspruch. Wenn die privaten Sektoren kontrahieren, hat das betreffende Land nur zwei Möglichkeiten, sich über Wasser zu halten: Der Staat erhöht seine Nachfrage, und/oder der Exportsektor setzt massiv mehr Waren ins Ausland ab. Letzterer Weg ist freilich nur möglich, wenn das Land seine Währung abwerten kann. Geschieht das nicht, vermögen also weder Staat noch Aussenhandel die Kontraktion des inländischen Privatsektors zu kompensieren, schraubt sich die Volkswirtschaft in eine Depression. Jeder Versuch des Staates, seine Ausgaben zu kürzen, führt zu einer Verschlimmerung der Depression, wobei die Steuereinnahmen einbrechen und als Folge davon Staatsdefizit und -schulden noch weiter steigen.

Klassische Bilanzrezessionen (eine Wortschöpfung von Richard Koo, Leiter des Nomura Research Institute in Tokio) durchlebten die USA in den Dreissigerjahren sowie Japan in den zwei Jahrzehnten nach 1990. In dieser Art von Rezession – und nur in dieser – sind Fiskalausgaben die einzige wirksame Medizin.

Einige Europeripheriestaaten leiden heute eindeutig an einer Bilanzrezession. Bestes Beispiel ist Spanien: Die Grafik links

zeigt, wie die Finanzierungssaldi des Unternehmens- (blaue Kurve) und des Haushaltsektors (rot) nach 2008 in die Höhe schnellten. Sie schwenkten vom Kreditexzess zu Sparwut. Spaniens Handelsbilanzsaldo bleibt derweil negativ (in der Grafik abzulesen an der schwarzen Kurve der Kapitalbilanz), daher muss die Staatsbilanz (orange Kurve) im Defizit sein. Das ist eine saldentechnische Identität, denn die vier Finanzierungssaldi müssen sich auf null summieren.

Jeder Versuch, in dieser Situation die Staatsfinanzen zu konsolidieren, lässt die Wirtschaftsleistung noch weiter einbrechen. Kein Wunder, muss Spaniens Regierung schon fast Monat für Monat berichten, die gesetzten Defizitziele im laufenden Jahr nicht einhalten zu können.

Deutschland ist mitschuldig

Wenn jemand diese Lage verstehen sollte, dann die deutschen Politiker. Deutschland selbst steckte nämlich von 2000 – nach dem Platzen der IT-Blase am Neuen Markt – bis 2005 in einer Bilanzrezession. Deutschland war damals der kranke Mann Europas. In der Grafik rechts,

aufbereitet von Richard Koo, ist schön ersichtlich, wie Deutschlands Unternehmen und Haushalte in dieser Zeit ihre Sparquote markant erhöhten und das Budgetdefizit auf 4,2% des BIP anschwoll. Deutschlands hartnäckige Bilanzrezession war der Hauptgrund für die extrem lasche Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die die Zinsen 2003 auf 2% senkte und dort beliess. Diese Politik der EZB war es, die den Boom in Spanien und Irland erst befeuerte, denn das Zinsniveau war für diese Länder damals deutlich zu niedrig.

Natürlich: Spanien, Italien und Portugal müssen ihre Arbeits- und Dienstleistungsmärkte reformieren (für Irland trifft das nicht zu, und Griechenland dürfte bereits ein hoffnungsloser Fall sein). Nur so können sie langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen. Aber wer behauptet, die Ursache der Eurokrise liege in den aufgeblähten Schulden der Südländer und Deutschland treffe keine Schuld an der heutigen Misere, der verkennt komplett die historischen Fakten.

Leser-Kommentare

Friedrich 04.07.2012 - 17:45
Lieber Herr Dittli natürlich ist es nicht einfach zu erklären wie eine Rezession oder eine Bilanzrezession usw. zustande kommt. Das Grundübel ist aber ganz einfach ausgedrückt nach wie vor, a) dass alle mehr Geld ausgegeben haben als sie erarbeitet haben und b) dass die Politiker meinen für sie (die Staaten) gilt das nicht und c) dass durch den Einfluss von… Weiterlesen »
kungfutse 04.07.2012 - 22:15

Kanzlerin Merkel und die ganze SPD mögen diesen guten und verständlichen Artikel lesen und danach handeln. Oder etwa nicht?

temp 05.07.2012 - 10:56
“Aber wer behauptet, die Ursache der Eurokrise liege in den aufgeblähten Schulden der Südländer und Deutschland treffe keine Schuld an der heutigen Misere, der verkennt komplett die historischen Fakten.” Dies ist genauso falsch ist der Umkehrschluss: “Aber wer behauptet, an der Eurokrise sei einzig Deutschland Schuld und in in den aufgeblähten Schulden der Südländer liege überhaupt kein Grund für die… Weiterlesen »
ted 05.07.2012 - 22:39

Die flucht nach unten durch ein vernichten der diversität in Europa ist nicht die lösung , temp, der heutigen probleme….im gegenteil. Und anzufangen ist mit dem wieder aufbau der nationalen währungen

temp 06.07.2012 - 07:43

ted,
bin weitgehend gleicher Meinung mit dir. Was die langfristige Entwicklung angeht, ist mMn die Sozalisierung von Schulden, dauerhafte Subventionswirtschaft und Egalisierung der Kulturen nicht der richtige Weg. Um die Euro-Krise zu bewältigen oder zumindest zu beruhigen, wäre es aber schon ein gangbarer Weg.

anon 06.07.2012 - 23:19

Den nachfolgenden Satz verstehe ich nicht.

Dies ist genauso falsch ist der Umkehrschluss:

Helmut Hirtz 16.07.2012 - 09:47
Mit seinem Beitrag “Europa: Falsche Diagnose, falsche Behandlung” vom 4. Juli 2012 trägt Mark Dittli dazu bei, dass das gefährliche Phänomen “Bilanz- oder Yin-Rezession (chines.: Mond oder Schatten)” in das öffentliche Bewußtsein kommt. Dieser Begriff, der auf Richard Koo zurückgeht, dürfte noch keinen hohen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Zuerst denkt man hierbei an die Gegenüberstellung von Vermögen und Kapital. Bedeutet das… Weiterlesen »