Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Too big to fail
Meinungen

Europa ist kein Vorbild

Gewichtige Stimmen fordern, die Schweiz solle sich in Fragen der Grossbankenregulierung an Europa orientieren. Das wäre ein gravierender Fehler. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«Die Schweiz ist gut gefahren mit der Strategie, global zur Spitzengruppe zu zählen. Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen.»

Zwischen Europa und der angelsächsischen Welt tobt ein Kampf. Kein heisser Kampf zwar, auch keiner, der die Öffentlichkeit beschäftigt. Doch er ist für das Weltfinanzsystem wichtig und folgenschwer – und er zwingt die Schweiz dazu, Stellung zu beziehen.

Die Rede ist von den Diskussionen im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht rund um die finalen Bestimmungen des Basel-III-Regelwerks für systemrelevante Banken. Vereinfacht gesagt wehren sich die Vertreter Kontinentaleuropas sowie Japans gegen eine weitere Verschärfung der Kapitalvorschriften.

In einem am 7. Januar in der «Neuen Zürcher Zeitung» publizierten Kommentar fordert Sergio Ermotti, Konzernchef der UBS (UBSG 11.07 -0.32%), die Schweiz solle sich in dieser Frage an Europa und Asien orientieren. Er betont die Wichtigkeit des Finanzplatzes für die Schweizer Volkswirtschaft – und er bedauert, dass im Land kein öffentlicher Dialog rund um das Thema stattfinde.

Ermotti führt einige valable Punkte ins Feld. Seine Forderung, die Schweiz solle sich an Europa orientieren, ist jedoch fehlgeleitet. Eine Replik.

Vergessene Lehren von 2008

Genau zehn Jahre sind seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise – der grössten volkswirtschaftlichen Katastrophe seit den Dreissigerjahren – vergangen. Am 7. Februar 2007 warnte die britische HSBC (HSBA 608.6 0.25%) vor Milliardenverlusten im Zusammenhang mit US-Hypothekarpapieren; zwanzig Monate später lag das globale Finanzsystem in Trümmern.

Nur die staatliche Rettung Dutzender Banken verhinderte eine Kernschmelze. In der Schweiz mussten Bund und Nationalbank im Oktober 2008 die UBS vor dem Untergang bewahren.

Seither wurde vieles getan, um das System zu stärken. Grossbanken müssen mehr Kapital zur Absorption von Verlusten halten. Die Schweizer Behörden realisierten rasch, dass die kleine Volkswirtschaft als Domizil von zwei globalen Giganten ein hohes Risiko trägt. Das Land nahm daher nach 2008 eine Vorreiterrolle ein und beschloss in einem breit legitimierten Prozess – zuerst in einer Expertengruppe unter Peter Siegenthaler, vormals Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, danach in Gremien unter der Leitung des Wirtschaftsprofessors Aymo Brunetti – wegweisende Massnahmen, um das Too-big-to-fail-Risiko (TBTF) zu entschärfen.

Neben nationalen Bemühungen war ein global koordinierter Prozess nötig, um die Robustheit des Finanzsystems zu erhöhen. Diese Aufgabe übernahm der Basler Ausschuss, ein Gremium aus Notenbank- und Aufsichtsvertretern aus 28 Jurisdiktionen. Früh zeichnete sich dabei eine Spaltung ab: Die Vertreter Deutschlands, Frankreichs und teilweise Japans stemmten sich gegen ein zu forsches Vorgehen, während sich die USA, Grossbritannien und die Schweiz dafür einsetzten, von den Banken deutlich mehr Eigenkapital zu verlangen.

Der Disput schwelt bis heute. In den aktuellen Verhandlungen zum Basel-III-Werk geht es primär um die Frage, mit welchen Modellen die Banken ihre Bilanzrisiken gewichten dürfen (Risk-Weighted Assets, RWA). Zur Auswahl stehen die internen Modelle der Banken oder ein Standardmodell. Diese Frage ist zentral, weil die RWA als Basis für die Errechnung der Eigenkapitalquoten dienen. Auch in diesem Fall blockieren die Vertreter Kontinentaleuropas und Japans.

Die Bremser führen primär drei Argumente ins Feld. Erstens warnen sie, höhere Eigenkapitalanforderungen würden die Kreditvergabe einschränken und der Volkswirtschaft schaden. Zweitens sagen sie, die internen Risikomodelle seien raffinierter als das Standardmodell. Drittens weisen sie auf die unterschiedliche Bankenstruktur der USA und Europas hin: Die US-Banken halten deutlich weniger Hypothekar- und Unternehmenskredite in ihrer Bilanz, da sie Erstere an staatlich subventionierte Institute wie Fannie Mae weiterreichen können und sich die Unternehmen primär über den Bondmarkt, nicht über Bankkredite, finanzieren.

Diese Argumente sind jedoch mangelhaft. Für die Warnung, strengere Eigenmittelvorschriften würden der Volkswirtschaft schaden, fehlt jede unabhängig erhobene Evidenz. Im Gegenteil haben mehrere empirische Studien festgestellt, dass ein robust kapitalisiertes Bankensystem eine verlässlichere Kreditvergabe gewährleistet als ein System mit schwachen Banken.

Das zweite Argument, die Überlegenheit interner Risikomodelle, hat mit Bezug auf nationale Eigenheiten eine Berechtigung, ist aber dünn. Wie die Ökonomen der Bank of England nachweisen, sind im globalen Grossbankensektor die Risikogewichte seit 1994 laufend geschrumpft. Diese Feststellung lässt nur zwei mögliche Ursachen zu: Entweder die Bilanzen der Banken sind risikoärmer geworden, oder die Banken haben Wege gefunden, ihre Modelle so zu kalibrieren, dass sie den regulatorischen Spielraum optimal ausnutzen.

Die Erfahrung von 2008 spricht dagegen, dass erstere Ursache gültig ist: Viele Banken waren derart von der Unfehlbarkeit ihrer eigenen Risikomodelle überzeugt, dass sie blind ins Verderben rasten. Diese Erfahrung müsste die Vertreter der Branche eigentlich Demut lehren.

Nur das dritte Argument hat Gültigkeit: Die Banken- und Kreditstruktur der USA und Europas ist tatsächlich unterschiedlich und wird in den finalen Basel-III-Empfehlungen berücksichtigt werden müssen.

Schwache dürfen keine Referenz sein

Es wäre ein Fehler für die Schweiz, sich nun an Europa und Asien zu orientieren. Der Hauptgrund: Europas Bankensystem ist in einem desolaten Zustand. Nach 2008 haben es die Europäer verpasst, ihre Banken beherzt zu rekapitalisieren.

Die ab 2010 schwelende Eurokrise war im Kern immer eine Bankenkrise. Es war nicht die Regierung Griechenlands, die im Mai 2010 einen Bailout erhielt, sondern die Banken in Frankreich und Deutschland, denen Milliardenverluste gedroht hätten. Das italienische Bankensystem ist mit einer Ausnahme – Intesa Sanpaolo (ISP 2.182 -0.07%) – eine Tragödie, und Deutschland besitzt die zweifelhafte Ehre, mit der Deutschen Bank die riskanteste und am schwächsten kapitalisierte global systemrelevante Grossbank zu beheimaten.

Das kann für die Schweiz keine Referenz sein, ebenso wenig die asiatischen Grossbanken: Japans Institute sowie die in Staatshand stehenden chinesischen Kolosse operieren in einer Welt für sich.

Ermotti stellt fest, dass der schweizerische Bankensektor einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Volkswirtschaft leistet. «Die Banken erwirtschaften 6% des Bruttoinlandproduktes, zahlen Milliarden an Steuern und vergeben Aufträge in Milliardenhöhe an Schweizer Unternehmen», schreibt er. Das stimmt – wobei freilich anzumerken ist, dass für die Volkswirtschaft diejenigen Unternehmen, die keine milliardenschweren Verluste erleiden, die verlässlicheren Steuerzahler sind.

Der wichtige Punkt aber ist: Die Vertreter von Nationalbank, Finma, Wissenschaft und Politik, die sich für höhere Eigenmittelanforderungen einsetzen, wollen weder den Schweizer Banken noch der Volkswirtschaft schaden. Aber sie wollen möglichst verhindern, dass Bund und Nationalbank jemals wieder eine Grossbank retten müssen. Es ist nicht fair, wenn Ermotti ihnen «Unwissenheit oder Gleichgültigkeit gegenüber der Bedeutung der Banken für unsere Wirtschaftskraft» vorwirft.

«Zu berücksichtigen ist, dass sowohl die Grösse des schweizerischen Bankensektors im Verhältnis zum BIP als auch die Marktkonzentration im internationalen Vergleich hoch sind. Die TBTF-Problematik ist deshalb aus schweizerischer Sicht eine besonders grosse Herausforderung und rechtfertigt Massnahmen, welche über den internationalen Durchschnitt hinausgehen», schrieb die achtzehnköpfige Brunetti-Kommission in ihrem Schlussbericht. Mitglied des Gremiums war bezeichnenderweise Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS.

Die Schweiz ist gut gefahren mit der Strategie, in TBTF-Regulierungsfragen global zur Spitzengruppe zu zählen. Es gibt keinen Grund, davon abzuweichen.

Leser-Kommentare

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Peter Martin Wigant 10.01.2017 - 21:32
Liebe FuW, Mark Dittli hat in allen Punkten Recht. Die europäischen Banken sind in einem desolaten Zustand. Natürlich preisen diese ihre eigenen Methoden der Gewichtung der Bilanzrisiken an. Seit rund zehn Jahren betreiben die(hauptsächlich europdäischen) Banken “Pflästerli-Politik”. Und die zu fragen was zu tun ist, wäre fatal. Wie lautet doch ein englisches Sprichwort: “Never ask your barber if you need… Weiterlesen »