Meinungen

Europa setzt auf digitalen und ökologischen Wandel

Nicht nur die USA legen Infrastrukturprogramme auf. Auch die Europäische Union beabsichtigt, gewaltige Summen in die Infrastruktur zu investieren. Ein Kommentar von Morgane Delledonne.

Morgane Delledonne
«Investitionen in Infrastruktur sind gemeinhin von langfristigem Charakter und bieten Möglichkeiten zur Portfoliodiversifikation, da sie keine starke Korrelation mit anderen Anlagen aufweisen.»

Erstmals beschäftigen sich alle bedeutenden Industriestaaten mit der Ausarbeitung von Massnahmen zur Unterstützung digitaler Ideen und der Entwicklung zu einer klimaneutralen Gesellschaft. Eine globale technologische Revolution dürfte dank staatlicher Finanzspritzen schon bald Realität werden und disruptive Folgen für traditionelle Sektoren mit sich bringen.

In letzter Zeit war das Infrastrukturprogramm Joe Bidens ein grosses Thema. Nahezu vergessen geht dabei, dass auch die EU beabsichtigt, gewaltige Summen in die Infrastruktur zu investieren. Über den mehrjährigen Finanzrahmen der EU (MFR) und das Aufbauinstrument NextGenerationEU stehen in den nächsten sieben Jahren ungefähr 2 Bio. € bereit, um die Erholung von der Covid-Pandemie zu gewährleisten und einen klimafreundlichen, digitalen Wandel zu ermöglichen. Ein Drittel dieser Gelder wird in den grünen Deal fliessen, der das ambitionierte Ziel für die EU verfolgt, bis 2050 netto keine Treibhausgase mehr auszustossen und das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abzukoppeln. Um diesen Plan umzusetzen, bedarf die EU-Infrastruktur eines gross angelegten Umbaus, von dem viele Branchen betroffen sein werden.

Klima und Umwelt als Treiber

Die EU-Kommission plant, Treibhausgasemissionen durch die Unterstützung ökologischer Energielösungen zu senken. Sie hebt dabei die duale Rolle des entsprechenden Sektors als Förderer der Umwelt und des Arbeitsmarktes hervor. 2020 haben erneuerbare Quellen in der EU erstmals mehr Energie produziert als fossile Brennstoffe. Ein Trend, den sie in Zukunft weiter vorantreiben will. Die Ausgaben zugunsten nachhaltiger Ressourcen und der Umwelt im Rahmen des MFR werden bis 2027 voraussichtlich 420 Mrd. € betragen. Die EU stuft Atomenergie derzeit, trotz ihres geringen CO2-Ausstosses, der sogar denjenigen von Solarenergie unterbietet, nicht als klimafreundlich ein. Mit der Unterstützung von Befürwortern wie Frankreich könnte sich das aber bald ändern, wodurch sich die Atomkraft ebenfalls für die Förderung nachhaltiger Energien qualifizieren würde. Von den diversen Klimainitiativen profitiert, neben nachhaltigen Ressourcen wie Solarenergie oder Wasserstoff, auch Cleantech. Neuartige Wege der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion können ebenfalls Unterstützung durch die Investitionen erwarten.

Global gesehen bewegt sich die EU mit ihren Infrastrukturausgaben gemessen am BIP (2,5%) am unteren Ende der Bandbreite. Regionale Unterschiede innerhalb der EU verstärken den Handlungsbedarf. Es zeigt sich, dass westeuropäische Staaten im Vergleich zu ihren mittel- und osteuropäischen Partnern deutlich geringere Investitionen in ihre Infrastruktur vornehmen. Dauert dieses Verhalten an, könnte langfristig ein negativer Einfluss auf das Wachstums- und Produktivitätspotenzial dieser Länder resultieren. Daher sind die beschlossenen Förderpläne essenziell.

Ausbau der digitalen und der physischen Infrastruktur

Die EU setzt in der Förderung auch bei der digitalen Infrastruktur an, einem Sektor, der im Vergleich mit Japan und den USA unterentwickelt ist. Ca. 145 Mrd. € der Gelder aus NextGenerationEU werden der Digitalbranche gewidmet. Im Fokus stehen der Ausbau von Breitbandangeboten, die Digitalisierung der Verwaltung, die Stärkung von Cloud-Lösungen und Prozessoren und die verbesserte Ausbildung von Fachkräften. Neben den Investitionen in diesen Bereichen verbessert die EU auch mit regulatorischen Anpassungen die Attraktivität des Standorts für Digitalunternehmen.

Die Erneuerung der physischen Infrastruktur bedeutet eine steigende Nachfrage nach Rohstoffen, wie Aluminium für den Bau oder Kupfer für die Elektronik. Parallel dazu wird im Energiesektor Lithium immer bedeutender. Investitionen in Infrastruktur sind gemeinhin von langfristigem Charakter und bieten Möglichkeiten zur Portfoliodiversifikation, da sie keine starke Korrelation mit anderen Anlagen aufweisen. Vom Infrastrukturboom profitiert auch die Teile der Baubranche und ihrer Zulieferer, die am Kapazitätsausbau für grüne Energie beteiligt sind. Vergleichbare Entwicklungen sind entlang der Wertschöpfungsketten für digitale Infrastruktur zu erwarten.

Die enormen finanziellen Stimuli der EU haben das Potenzial, nachhaltig strukturelle Veränderungen zu bewirken. Die USA und China hegen ähnliche Ambitionen, und es ist davon auszugehen, dass sie vergleichbare Schritte zur Stärkung von Innovation, Infrastruktur, Konnektivität und sauberer Energien unternehmen werden. Für Investoren bedeutet dies, dass sie über thematische Anlagestrategien an diesen langfristigen Entwicklungen teilhaben können, unabhängig von Standort oder Branche der Unternehmen, die von der Materialisierung dieser globalen Bestrebungen profitieren.

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