Märkte / Makro

Europa stehen weitere Korrekturen bevor

Über die letzten Wochen wurden die Gewinnerwartungen deutlich nach unten revidiert. Doch noch immer erscheinen die Prognosen für 2019 zu optimistisch.

Die Berichtssaison zum vierten Quartal hat nun auch in Europa ihren Höhepunkt erreicht. Während die Konzernergebnisse zu Beginn tendenziell enttäuschten, hat sich das Bild inzwischen zum Besseren ­gewandelt. So dominieren in den bisher vorgelegten Geschäftszahlen die positiven Gewinnüberraschungen. Euphorie ist allerdings nicht angebracht. Denn einerseits wurde die zu überspringende Hürde – sprich: die Analystenerwartungen – über die vergangenen Wochen deutlich gesenkt. Andererseits dürfte sich die Gewinnentwicklung in den kommenden Monaten stärker abkühlen, als bisher prognostiziert wurde.

Noch Mitte Januar wurde den Unternehmen im MSCI Europe zugetraut, den Gewinn im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 3,9% ausgeweitet zu ­haben. Nach einer Revision von 5,6 Prozentpunkten liegt die Konsenserwartung inzwischen bei einer Kontraktion von 1,7%. Ein ähnliches Bild gibt die Entwicklung im Stoxx 600 ab, der wie der MSCI ­Europe die wichtigsten europäischen Unternehmen umfasst. Mit Ausnahme der Versorger hat die Korrektur alle Branchen erfasst. Besonders deutlich fiel die Reduktion in den drei Sektoren Grundstoffe, Energie und Communication Services aus.

So niedrig wie zuletzt 2016

Doch nicht nur die Erwartungen für das letzte Quartal mussten nach unten revidiert werden. Auch die Prognosen für 2019 wurden respektive werden massiv gekürzt. Aktuell bewegen sich die Gewinn­revisionen – die Differenz zwischen positiven und negativen Prognoseänderungen der Analysten – auf dem niedrigsten Niveau seit März 2016, ­wobei zyklische und defensive Branchen gleichermassen tangiert werden.

Das Phänomen der Gewinnabschwächung ist allerdings kein europäisches, sondern ein globales: Momentan dominieren in jedem der 23 Industrieländer im MSCI-World-Index die negativen Gewinnrevisionen – das erste Mal seit Mai 2013. Gemäss Morgan Stanley wurde ein solches Marktgefüge üblicherweise von einer Rezession in den USA oder Europa begleitet.

Trotz der starken Reduktion der Erwartungen wirken die aktuellen Prognosen für das Gesamtjahr aber nach wie vor optimistisch – womöglich zu optimistisch. Während das Wachstum im MSCI Europe 2018 bei 3,7% gelegen haben dürfte, gehen die Analysten weiterhin davon aus, dass 2019 ein Expansion von beinahe 8% möglich ist.

Gerechtfertigt scheint diese Zuversicht nicht. Denn sowohl die europäische als auch die globale Konjunktur kühlt sich ab. Im Januar ist der Einkaufsmanagerindex der Eurozone (verarbeitendes Gewerbe) von 51,4 auf 50,5 gesunken. Laut dem Datendienstleister IHS Markit steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Industrie in einer Rezession steckt und die Gesamtwirtschaft nach unten zieht. Bislang gibt es kaum Anzeichen, dass der Trend bald drehen könnte – besonders, weil auch in Deutschland kaum Signale einer Wende zu erkennen sind.

Für eine fortgesetzte Reduktion der Gewinnerwartungen spricht laut Morgan Stanley auch, dass sich die Häufigkeit des Begriffs «Slowdown» in den Quartalsberichten deutlich erhöht habe. Die Frequenz war im bisherigen Jahresverlauf so hoch wie zuletzt 2005. Über die letzten Jahre habe das jeweils zuverlässig weitere Prognosekorrekturen vorweggenommen.

Vorsicht weiter angebracht

Die Revision der Gewinnaussichten hat der Kursentwicklung allerdings nicht geschadet. Im Gegenteil: Über die letzten vier Wochen hat der Stoxx 600 rund 6% zugelegt. Gemessen am erwarteten Überschuss der kommenden zwölf Monate weist der Index aktuell ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13,2 auf. Damit wirkt er zwar sowohl gegenüber seinem US-Pendant S&P 500 als auch gegenüber der eigenen Historie recht günstig. Angesichts der Prognoserevisionen, die dem europäischen Aktienmarkt noch bevorstehen dürften, ist aber kaum mit weiteren Kursavancen, sondern mit Rücksetzern zu rechnen.

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