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Europäische Börse wirbt um Schweizer Tech-Unternehmen

Die Euronext macht der Schweizer Börse SIX Konkurrenz und trimmt hiesige Gesellschaften für den Börsengang fit. Mit dabei das Schweizer Fintech Loanboox.

Valentin Ade

Die europäische Börse Euronext will Schweizer Tech-Unternehmen zum Börsengang bewegen. Und wildert damit im Revier der hiesigen Börsenbetreiberin SIX. Die Euronext veranstaltet seit vergangener Woche dazu ein Programm namens TechShare. Über hundert nicht kotierte Tech-Unternehmen nehmen laut Euronext daran teil – auch über zehn Schweizer Gesellschaften sind mit dabei.

Erstmals veranstaltet die Mehrländerbörse mit Hauptsitz in Amsterdam das Programm nicht nur dort, wo sie Handelsplätze betreibt. Also (ALSN 112 0.18%) in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Portugal. Dieses Mal holt sie auch nach Deutschland, Italien, Spanien und eben in die Schweiz aus. In diesen Ländern hat sie in den vergangenen Jahren Büros eröffnet. In der Schweiz tritt die Euronext damit in direkte Konkurrenz zur SIX.

Dijsselhof: Müssen ins Ausland gehen

Pikant dabei: Die Expansionsstrategie der Euronext wurde unter ihrem ehemaligen operativen Chef Jos Dijsselhof lanciert. Dijsselhof ist seit Ende vergangenen Jahres CEO der SIX. «Der Entscheid der Euronext, ins Ausland zu gehen und aktiv Werbung zu machen, fiel, als ich dort war», sagte Dijsselhof im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» Ende März. Und fügte sogleich an: «Das ist kein Problem für SIX, eher ein Beispiel dafür, dass auch wir vermehrt ins Ausland gehen sollten, um für uns zu werben.»

In dieser Richtung passiert ist indes nicht viel. Zwar veranstaltet SIX ebenfalls Börsengang-Workshops. Büros im Ausland – wie die Euronext – unterhält sie allerdings nicht. Eine Werbetour vor Jahren in Indien blieb ohne zählbaren Erfolg. Zurzeit ist der Schweizer Börsenkonzern dem Vernehmen nach noch immer mit dem Umbau bzw. dem Zusammenschweissen der ursprünglichen Divisionen beschäftigt.

Auf Anfrage streicht ein Sprecher allerdings den F10 heraus, einen sogenannten Akzelerator und Inkubator. «Eine Kaderschmiede sondergleichen für Jungunternehmen.» Zudem organisiere SIX sogenannte Hackathons, dieses Jahr in Zürich, Singapur, Wien und São Paulo.

Loanboox überlegt sich Börsengang

Ende April haben wir mit dem Euronext-Vertreter in Zürich, Søren Bjønness, gesprochen. Euronext zielt auf kleinere und mittlere Unternehmen ab, die an der Schweizer «Blue-Chip-Börse» SIX mutmasslich zu kurz kämen. Wir haben damals unter anderem Loanboox als einen Schweizer Fintech-Börsenkandidaten identifiziert.

Und siehe da, wer befindet sich jetzt unter den Schweizer Teilnehmern des Euronext-Programms: Loanboox. Auch wenn das Start-up in der Euronext-Mitteilung fälschlicherweise als «Loanbox» bezeichnet wird.

Auf Anfrage teilt Stefan Mühlemann, Gründer und CEO des Jungunternehmens, mit: «Ein Börsengang ist eine von mehreren Möglichkeiten, das Wachstum einer schnell wachsenden Firma, wie Loanboox, zu finanzieren.» Man würde sich aber auch alle anderen Möglichkeiten genau anschauen. Loanboox ist zurzeit eines der am schnellsten wachsenden Start-ups der Schweiz. Privatanleger daran zu beteiligen, wäre laut Mühlemann «eine stimmige Sache», die aber sehr gut und genau überlegt sein wolle. «Und das wird noch eine Weile dauern.»

Neben Loanboox nehmen aus der Schweiz am Programm teil: Abionic (Nanotechnologie), Beqom (Vergütungssoftware), Cellestia (Biotech), Metriopharm (Biotech), Mircea Tudor Scan Tech (Flugzeugscanner), SIS Medical (Katheter), Trifork (Softwareentwicklung) und Video Intelligence (Viedeotechnologie). Die Liste ist nicht vollständig, nicht alle Schweizer Teilnehmer wollen öffentlich genannt werden.

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