Meinungen

Europas Kopfzerbrechen wegen Afrika

Die Zahl der Zuwanderungswilligen von südlich der Sahara ist enorm. Der Kontinent braucht Arbeitsplätze, sehr viele und rasch. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Afrika muss sich zuallererst selbst helfen. Von aussen lässt sich dort kein Wirtschaftswunder bewirken.»

Bis zu 100 Mio. Menschen: Das ist die Zahl, die immer wieder genannt wird, wenn es darum geht, die kommenden Zuwandererströme allein aus Afrika zu quantifizieren. Jede Woche wächst die Bevölkerungszahl des Kontinents um fast 1 Mio. Menschen, viel schneller als seine seit langem lahmende Wirtschaft.

Wie verlässlich solche Prognosen sind, weiss niemand. Dem britischen Migrationsexperten Paul Collier zufolge würde sogar fast die Hälfte der heute bereits mehr als 1 Mrd. Menschen im Süden der Sahara am liebsten sofort in reicheren Teilen der Erde leben. Insofern sind die rund 120’000 Afrikaner, die allein dieses Jahr bislang via Libyen nach Italien gekommen sind, vermutlich nur der Anfang einer viel dramatischeren Entwicklung.

Fest steht: Europa und vor allem Deutschland haben mit der Ankunft von fast 2 Mio. Flüchtlingen seit 2015 erst den Anfang einer Bewegung gesehen, die enorme demografische  und sozioökonomische Folgen haben wird. Der dieser Tage in Abidjan (Elfenbeinküste) stattfindende EU-Afrika-Gipfel hat deshalb auch nur ein Ziel: Wie schafft es Europa, den drohenden Ansturm zu kontrollieren? Viel Aussicht auf Erfolg haben die bisher gemachten Vorschläge zur Bekämpfung der Fluchtursachen schon deshalb nicht, weil die Probleme zu tief liegen und nur über einen weit längeren Zeitraum gelöst werden können, als dafür jetzt noch zur Verfügung steht. Zumal der Exodus vor allem junger Menschen Afrikas Regierungen in die Hände spielt, weil er den sozialen Druck mindert, den die weit verbreitete Perspektivlosigkeit auf dem Kontinent erzeugt hat.

Bevölkerungsexplosion

Sinnvoller wäre stattdessen ein nüchterner Blick auf den Hauptgrund der Migrationswelle. Sie ist weit weniger dem Klimawandel oder Kriegen und Konflikten in Afrika geschuldet, wie viele in Europa noch immer glauben, sondern extrem hohen Arbeitslosenraten, die wiederum in erster Linie eine Folge der Bevölkerungsexplosion sind. Bis 2050, also in nur einer Generation, wird sich die Bevölkerung Afrikas auf rund 2,5 Mrd. Menschen verdoppeln, mehr als die Hälfte von ihnen wird unter zwanzig Jahre jung sein. Allein für sie werden in einem Kontinent nahezu ohne Industrie, Investitionen und Institutionen fast 20 Mio. neue Arbeitsplätze pro Jahr gebraucht.

Doch die meisten Regierungen in Afrika schauen tatenlos zu. In Ostafrika verdoppelt sich die Bevölkerung alle zwanzig Jahre, weil ausser im kleinen Ruanda, fast dem einzigen Lichtblick des Kontinents (neben Botswana) nirgendwo ein Staatschef Verantwortung übernimmt. Dabei werden ohne eine Eindämmung des Bevölkerungszuwachses alle Bemühungen um eine Verbesserung der Lage verpuffen.

Das zentrale Thema des EU-Afrika-Gipfels sind bessere Perspektiven für die jungen Afrikaner. Gefragt sind besonders private Investoren aus dem Westen. Doch gerade die blicken angesichts verbreiteter politischer Willkür und wirtschaftlicher Stagnation seit langem mit grosser Skepsis auf den Kontinent. So ist etwa der Bestand deutscher Direktinvestitionen dort zwischen 2012 und 2015 sogar leicht rückläufig. Selbst in kleinen EU-Ländern wie Ungarn investieren deutsche Unternehmen deutlich mehr als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent, wenn der Sonderfall Südafrika als sein einziges Industrieland einmal ausgeklammert bleibt.

In der Landwirtschaft liegt Potenzial brach

Neben einer rigorosen Bevölkerungskontrolle scheint der einzig gangbare Weg für den Agrarkontinent Afrika über einen Wirtschaftszweig zu gehen, der schnell Arbeitsplätze schaffen könnte: die Landwirtschaft. Zumal bislang nur ein Bruchteil der nutzbaren Fläche kultiviert ist – und wenn, dann meist auch nur mit altertümlichen Mitteln wie Pflug und Hacke. Die Folge ist, das sechsunddreissig der achtundvierzig Länder südlich der Sahara Nahrungsmittelimporteure sind und jedes Jahr mehr als 40 Mrd. $ für die Einfuhr von Lebensmitteln aufwenden. Investitionen in den Aufbau einer leistungsfähigen Landwirtschaft würden sich also lohnen.

Um dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu erreichen, wäre es zudem nötig, was die deutsche Industrie kürzlich in einem Positionspapier als Voraussetzung jedweder Entwicklung in Afrika angemahnt hat: eine grundsätzliche «Veränderung der politischen und sozialen Rahmenbedingungen». Zumal viele Investitionshemmnisse wie die gesellschaftlich in Afrika oft akzeptierte Korruption «vorwiegend politischer Natur sind und weder finanziell noch technisch gelöst werden können». Kurz: Afrika muss sich zuallererst selbst helfen. Von aussen lässt sich dort kein Wirtschaftswunder bewirken, auch wenn das in Europa da oder dort geglaubt werden mag.

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