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Evergrande kommt noch mal davon

Die Mehrheit der Investoren des chinesischen Immobilienriesen hat für einen Kreditaufschub im Volumen von gut 700 Mio. $ gestimmt.

(Reuters) Atempause für den strauchelnden Wohnungsbaukonzern China Evergrande: In letzter Minute stimmten Gläubiger am Donnerstag einem Aufschub für fällige Zahlungen einer Yuan-Anleihe zu, wie das Kernunternehmen der Evergrande-Immobiliensparte, die Hengda Real Estate Group, mitteilte. Das Papier entspricht aber nur einem Bruchteil der 300 Mrd. $, mit denen der weltweit am höchsten verschuldete Immobilienkonzern bei seinen grösstenteils chinesischen Kreditgebern in der Kreide steht. Ausfälle gab es bisher bei Dollar-Anleihen, nicht aber bei Inlandpapieren. Unterdessen wächst der Druck auf andere chinesische Immobilienentwickler, die inzwischen ebenfalls Gläubiger um Aufschub bitten mussten.

Die Entscheidung über einen längere Rückzahlungszeitraum war zu einer neuen Zitterpartie für Evergrande geworden, denn die Frist dafür lief am Donnerstag ab. Schliesslich stimmten gut 72% der Investoren dafür, der Gesellschaft einen Aufschub für die Yuan-Anleihe im Volumen von umgerechnet gut 700 Mio. $ zu gewähren, wie Hengda mitteilte. Der Konzern wollte ein halbes Jahr mehr Zeit für die Rückzahlung, um eine unmittelbare Insolvenz zu verhindern.

Zurzeit versucht Evergrande, durch den Verkauf von Vermögenswerten und Aktien Barmittel zu beschaffen, um Lieferanten und Gläubiger bezahlen zu können. Das sich bereits über Monate hinziehende Schuldendrama um den Branchenriesen erhöht den Druck auf die Regierung in Peking, einen Flächenbrand auf dem chinesischen Immobilien- und Finanzmarkt zu verhindern.

Die Weltbank warnte in ihrem Wirtschaftsprognosebericht diese Woche davor, dass ein schwerer und anhaltender Abschwung im chinesischen Immobiliensektor erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben könnte. Die Schulden der Baukonzerne bei heimischen und ausländischen Investoren beliefen sich auf insgesamt fast 30% der Wirtschaftsleistung Chinas.

Liquiditätsengpässe nach Regulierung von Kreditgeschäft

Chinesische Immobilienkonzerne stecken wegen jahrelanger regulatorischer Einschränkungen im Kreditgeschäft in massiven Liquiditätsengpässen. Viele können derzeit fällige Zinsen für Anleihen nicht bedienen. So baten die kleineren Evergrande-Konkurrenten Shimao und Yuzhou ihre Investoren ebenfalls um eine Verlängerung von Zahlungsfristen.

Der in Schanghai ansässige Immobilienkonzern Shimao verhandelt mit den Gläubigern zweier Anleihen im Gesamtvolumen von 184 Mio.  $ über einen Zahlungsaufschub bis Ende 2022. Für Montag ist eine Online-Konferenz mit den Kreditgebern angesetzt, wie aus von der Nachrichtenagentur Reuters eingesehenen Dokumenten hervorgeht. Der Rivale Yuzhou will für zwei Bonds über insgesamt 582 Mio. $ ebenfalls eine Fristverlängerung bis zum Jahresende durchsetzen. Andere versuchen sich durch den Verkauf von Aktien Luft zu verschaffen: Sunac China Holdings nahm dadurch umgerechnet gut eine 0,5 Mrd. $ ein, um Zinsen und Kredite zurückzahlen zu können.

Die Analysten der Investmentbank Nomura schätzen, dass sich die Liquiditätskrise weiter verschärft, da die Unternehmen im ersten und zweiten Quartal Zinsen oder Rückzahlungen von jeweils rund 210 Mrd. Yuan leisten müssen. Im vierten Quartal beliefen sich die Fälligkeiten auf 191 Mrd. Yuan.

Ratingagenturen stuften längst ihre Bonitätsnoten für Immobilienunternehmen zurück, was bei Banken und Investoren zu Problemen führen kann. Die Aktien der Firmen sind im freien Fall. Evergrande-Titel verloren in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 90% auf 1,62 Dollar. Am Donnerstag betrug das Minus 3,6%, bei Shimao waren es am selben Tag 9,4% und bei Sunac fast 23%.