Unternehmen / Ausland

Wechsel an Renault-Spitze kaum zu vermeiden

Der Druck auf Carlos Ghosn, dem einst mächtigsten Automanager der Welt, wächst nach seinem Auftritt vor Gericht.

Martin Fritz, Tokio

Nach dem ersten Auftritt von Carlos Ghosn vor einem Gericht in Japan wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der einst mächtigste Automanager der Welt nach seinem Amt als Verwaltungsratschef von Nissan auch seine Posten als Vorstands- und Verwaltungsratschef von Renault (RNO 66.8 2.06%) verliert. Zwar erklärte die französische Arbeitsministerin Muriel Penicaud, Ghosn bleibe Chef von Renault. Der französische Staat ist der grösste Renault-Aktionär, Nissan ist eine Renault-Tochter.

Doch der 64-jährige Manager muss sich auf seinen Prozess in Japan konzentrieren und kann seine Führungsaufgaben nicht mehr wahrnehmen. Eine erste Anklage gegen ihn wegen falscher Gehaltsangaben in Finanzberichten von Nissan an die Börse wurde bereits im Dezember erhoben. Am Freitag droht eine zweite Anklage wegen Veruntreuung von Firmenvermögen, weil Ghosn Verluste aus Wechselkursabsicherungen zeitweise an Nissan übertragen hatte.

Ende der Untersuchungshaft beantragt

Vor allem ist unsicher, ob Ghosn überhaupt auf freien Fuss kommen kann. Sein Chefanwalt Motonari Otsuru beantragte zwar ein Ende der Untersuchungshaft und will bei einer zweiten Anklage am Freitag Haftentlassung auf Kaution fordern. Jedoch warnte Otsuru, dass dies beim Vorwurf der Veruntreuung normalerweise nicht gewährt werde. Diese Aussicht quäle Ghosn, berichtete der Anwalt. Der erste Prozess gegen Ghosn werde zudem frühestens in sechs Monaten beginnen.

Zuvor war der verhaftete Manager erstmals vor Gericht in Japan erschienen. «Ich wurde zu Unrecht angeklagt und ungerechtfertigerweise verhaftet», sagte Ghosn dem Richter mit fester Stimme. Die fünfzig Tage in Untersuchungshaft hatten ihn sichtbar gezeichnet: Spitze Wangeknochen zeigten den Gewichtsverlust, ein grauer Ansatz der sonst schwarz gefärbten Haare war sichtbar.

Ghosn beteuert seine Unschuld

Der Vorsitzende Richter Yuichi Tada erklärte, aufgrund der Aussagen von beteiligten Personen und von Ghosn selbst sei es möglich, dass Nissan Schaden zugefügt worden sei, die Untersuchungen gingen weiter. Dagegen beteuerte Ghosn seine Unschuld. Alles sei mit Wissen und Genehmigung anderer Manager geschehen. Auch sein Anwalt sieht keinen Grund für die Inhaftierung. «Nissan, Ghosn und die Bank hatten vereinbart, dass das Unternehmen für die Investitionsverluste von Ghosn nicht haftet, sodass keine Veruntreuung vorliegt», sagte Otsuru.

Überraschend verzichtete Ghosn vor Gericht auf jedes böse Wort gegen frühere Mit-Manager bei Nissan, obwohl sie ihn ans Messer geliefert hatten. Vielmehr unterstrich Ghosn seine Liebe und Wertschätzung für das Unternehmen. Er habe zwei Jahrzehnte seines Lebens für den Wiederaufbau von Nissan gegeben, Tag und Nacht, in der Luft und auf dem Boden, sagte Ghosn.

Absetzung bei Nissan endgültig

Doch Nissan teilte ungerührt mit, die Untersuchung des Fehlverhaltens von Ghosn ginge weiter und seine Absetzung sei endgültig. Nissan-Chef Hiroto Saikawa wies die Forderung von Renault nach einer ausserordentlichen Aktionärsversammlung zum zweiten Mal zurück und deutete an, die Kapitalbeziehung in der Zukunft zu ändern. Zudem wurde ein wichtiger Ghosn-Vertrauter, der Chief Performance Officer Jose Munoz aus Spanien, beurlaubt.

Leser-Kommentare

Peter W. Ulli 08.01.2019 - 16:56
Wenn Ghosn gegen eine grössere Kaution freigelassen würde, wo liegt das Fluchtrisiko. Man kennt ihn auf der ganzen Welt, wo sollte er sich auch verstecken ? Ghosn hat Nissan vor dem Untergang gerettet, aber jetzt ist ER der Japanischen Elite/Japan AG einfach zu mächtig geworden und soll jetzt nach meiner Einschätzung weichgeklopft werden. Gemäss Presseberichten wurde er ja unter dem… Weiterlesen »
Jean Ackermann 09.01.2019 - 09:09
Wenn Ghosn Japaner wäre und wie ein Japaner aussehen würde und Renault höchstens 10% Beteiligung an Nissan hätte wäre das Ganze nicht das geringste Problem. Da aber die Japaner die eitelsten Nationalisten sind und das oft bewiesen haben (zum Beispiel Einwanderungspolitik), kann man ahnen woher der Wind weht. Das Ganze ist ein reines Nationalismusproblem, das sieht man schon daran dass… Weiterlesen »