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Euronotenbank vermeidet neue Zinssignale

EZB-Chefin Christine Lagarde warnt vor den Folgen eines abrupten Boykotts russischer Energie. Anleger nehmen erste Zinserhöhung für Juli vorweg.

Die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) haben am Donnerstag klargemacht, dass die Inflation derzeit ihre grösste Sorge ist. Änderungen an der geldpolitischen Erklärung hat der EZB-Rat allerdings nicht vorgenommen. Dies dürfte auch daran liegen, dass für die Währungshüter bislang noch schwer einzuschätzen ist, welchen Effekt der Ukrainekrieg und die Sanktionen des Westens auf die Konjunktur im Euroraum haben.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte nach der Sitzung des Rats immerhin, dass ein abrupter Boykott russischer Energie erhebliche Auswirkungen hätte. Damit stützte sie vor allem die Regierung und Unternehmen in Deutschland, die einen schwer beherrschbaren Einbruch der Wirtschaftsleistung bei einem sofortigen Embargo erwarten.

Die jährliche Inflationsrate im Euroraum war im März von 5,9 auf 7,5% hochgeschnellt. Dies ist deutlich mehr als die 2%, die die Notenbank auf mittlere Sicht anstrebt. Allein die Preisänderungsrate für Energie beschleunigte sich von 32 auf 45%. Zur Jahreswende waren es noch zwischen 25 und 30% gewesen.

Enttäuschte Erwartungen

Anleger hatten sich offenbar stärkere Aussagen zur absehbaren Zinswende erwartet. Die Rendite zweijähriger Staatsanleihen aus Deutschland sank nach der Pressekonferenz unter die Tiefststände dieser Woche: auf 0,04%. Ähnlich erging es dem Euro, der zum Dollar von 1.09 auf 1.08 $ abrutschte.

Zu möglichen geldpolitischen Instrumenten gab es nur vage Aussagen von ­Lagarde. Zuvor hatten Berichte die Runde gemacht, wonach die EZB ein Instrument zur Kontrolle der Risikoaufschläge für Staatsanleihen plane. Die EZB-Präsidentin sagte, dass die EZB kein neues Instrument vorbereite, dies aber sehr schnell tun könne, falls erforderlich.

Die Notenbank hält den Aufschlag gegenüber den risikofreien Zinsen – auf Basis der Tagesgeldswaps – für alle Eurostaaten seit der Pandemie allerdings ohnehin in einem engen Rahmen: Im Schnitt machte er für die Laufzeit von zehn Jahren rund 0,2 Prozentpunkte aus. Dies hat sich auch mit dem Stopp des Pandemie­notprogramms Ende März nicht geändert, auch weil die Notenbank das reguläre ­Anleihenkaufprogramm (Asset Purchase Programme, APP) fortsetzt.

Normalisierungskurs intakt

Der EZB-Rat bleibt trotz aller Wachstumssorgen somit auf Kurs, seine Geldpolitik zu normalisieren. Demnach werden zunächst die Anleihenkäufe im regulären Programm auslaufen: «Der EZB-Rat ist zu dem Schluss gekommen, dass die seit seiner letzten Sitzung neu verfügbaren Daten seine Erwartung stärken, dass die Nettoankäufe von Vermögenswerten im Rahmen des APP im dritten Quartal eingestellt werden sollten», sagte Lagarde

Dies bedeutet, dass die monatlichen Nettokäufe im Rahmen des APP sich im April auf 40 Mrd. €, im Mai auf 30 Mrd. € und im Juni auf 20 Mrd. € belaufen sollen. Die EZB-Leitzinsen will die EZB erst «einige Zeit» nach dem Ende der Netto­ankäufe ändern. Theoretisch könnte es bereits im Juli so weit sein. Jedoch werde die Kaufsumme ab Juli noch von den Konjunkturdaten abhängen, sagte Lagarde.

Konkret geht es bei den Zinsen um die Anhebung des EZB-Einlagensatzes von derzeit –0,5%. Ein Wert von 0% würde eine Normalisierung der Geldpolitik bedeuten. Die Zinserwartungen sind nach der Sitzung im Schnitt allerdings um knapp 0,1 Prozentpunkte gesunken. Aus Termin­kursen geht hervor, dass Anleger bereits für Juli eine Zinserhöhung um 0,3 Prozentpunkte auf –0,2% vorwegnehmen. Bereits im Oktober 2022 würde der EZB-Rat demnach wieder einen positiven Satz auf Einlagen der Banken festlegen.

Positiver SNB-Zins in Sicht

Dies hätte weitreichende Folgen für die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 7'000.00 +1.16%)) und die Zinsen am Frankenkapitalmarkt. Am Donnerstag zeigten Kontrakte an der ­Terminbörse ICE, dass die Anleger einen Übernachtzins Saron von 0% Ende Jahres einpreisen.
An diesem Satz orientiert sich die Schweizerische Nationalbank, wenn sie ihren Leitzins festlegt. Im März 2023 könnte er bereits bei 0,4% liegen und ein Jahr später bei 0,82%.

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