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EZB-Direktorin tritt vorzeitig zurück

Sabine Lautenschläger verlässt die Europäische Zentralbank überraschend. Sie hat die Geldpolitik von EZB-Chef Draghi kritisiert, war jedoch für die Bankenaufsicht zuständig.

(Reuters/BEG) Die EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger tritt vorzeitig zurück. Sie wird die Europäische Zentralbank bereits am 31. Oktober verlassen. Damit räume sie rund zwei Jahre vor dem regulären Ende ihrer Amtsperiode den Posten, teilte die EZB am Mittwochabend mit. Lautenschläger ist seit Januar 2014 Mitglied des EZB-Direktoriums.

Gründe für den Rücktritt nannte die EZB zunächst nicht. EZB-Chef Mario Draghi dankte Lautenschläger laut Pressemitteilung «für ihre bedeutende Rolle beim Aufbau und der Steuerung der europaweiten Bankenaufsicht».

Gegen Draghis Geldpolitik

Lautenschläger hatte sich Ende August gegen Draghis geldpolitischen Kurs gewandt. Kurz vor der jüngsten Sitzung der Notenbank Mitte September sprach sie sich gegen einen Neustart des milliardenschweren Anleihenkaufprogramms aus. Draghi hatte wegen der eingetrübten Konjunkturaussichten kurz vor dem Ende seiner Amtszeit noch einmal ganz tief in den Instrumentenkasten gegriffen.

Es ist unklar, ob Lautenschläger aus persönlichen Gründen zurücktritt oder aus Protest gegen das Anleihenkaufprogramm. «Letzteres würde zu einer fast schon typischen deutschen Tradition passen», schreibt ING-Chefökonom Carsten Brzeski. Schon Jürgen Stark und Axel Weber – heute UBS-Verwaltungsratspräsident – hätten den EZB-Rat aus Protest gegen die ultraexpansive Geldpolitik verlassen.

Aufbau der Bankenaufsicht

Lautenschläger war bei der EZB indes vor allem für den Aufbau der einheitlichen Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism, SSM) verantwortlich. Einige Beobachter hatten erwartet, sie werde sich als Chefin des SSM bewerben, der Posten ging dann aber Ende 2018 an den Italiener Andrea Enria.

Vor ihrem Wechsel zur EZB war Lautenschläger Bundesbank-Vizepräsidentin. Lautenschläger war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Deutschland dürfte nun wahrscheinlich Anspruch auf den Posten erheben und einen neuen Kandidaten vorschlagen. Traditionell besetzen Deutschland, Frankreich und Italien – die drei grössten Volkswirtschaften der Euro-Zone – jeweils eine Position im Direktorium.

Die EZB brachte am 12. September ein umfassendes Paket zur Stützung der Wirtschaft auf den Weg, das eine weitere Zinssenkung, erneute Anleihenkäufe und Erleichterungen für Banken enthält. Zugleich forderte Draghi von Staaten wie Deutschland mehr Einsatz gegen die Konjunkturschwäche. Draghi übergibt Ende Oktober den EZB-Vorsitz an die Französin Christine Lagarde.

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