Meinungen

EZB: Ein Entscheid für die Bühne

Mit der Lockerung löst die EZB die Erwartungen der Märkte ein. Sie bleibt aber die Antwort über den Sinn und Nutzen dieser Politik schuldig. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die EZB entschied sich dafür, die Finanzmärkte nicht zu enttäuschen und es doch mit der zusätzlichen Lockerung nicht zu übertreiben.»

Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag nicht die ganz grosse Bazooka ausgepackt. Sie senkte den Einlagensatz von –0,4 auf –0,5%. Das hatten die Märkte so erwartet. Ausserdem kündigte sie ein neues Wertschriftenkaufprogram an. Ab November will sie dafür monatlich 20 Mrd. € aufwenden. Das Volumen liegt etwas unter den Markterwartungen, viele Beobachter waren von 30 Mrd. € ausgegangen.

Überrascht hat die EZB die Märkte mit dem Termin: Sie will bereits im November mit dem Wertschriftenkauf beginnen, während die meisten «ECB Watchers» den Januar 2020 angepeilt hatten. Und die Zentralbank hat kein Enddatum festgelegt.

Der EZB-Entscheid ist ein Kompromiss. Es galt, die Finanzmärkte nicht zu enttäuschen und es doch mit der zusätzlichen Lockerung nicht zu übertreiben. Mehrere Zentralbanker hatten sich in den vergangenen Wochen diesbezüglich skeptisch geäussert. Im EZB-Rat hat das offenbar zu mehr Vorsicht geführt: Mario Draghi erhielt kein Plazet, die Öffentlichkeit auf Zinssenkungen im Dezember und später einzustimmen. An der Medienkonferenz hielt sich der EZB-Präsident mit entsprechenden Signalen zurück.

Die EZB-Politik bleibt indes viel wichtigere Antworten schuldig. Welchen Sinn macht die immer expansivere Geldpolitik der Notenbanken überhaupt noch? Bringen 0,1 Prozentpunkte tiefere Leitzinsen tatsächlich die Wende? Und ist es wirklich unerlässlich, dass die Zentralbank erneut Staatsanleihen am Markt aufkauft in einem Umfeld, in dem die Kapitalmarktzinsen bereits mehrheitlich auf oder unter null liegen?

Die Wirkung – der Grenznutzen – jeder weiteren Lockerung der bereits ultraexpansiven Geldpolitik nimmt ab. Untersuchungen bezweifeln inzwischen sogar, dass diese Politik überhaupt einen volkswirtschaftlichen Nutzen liefert. Realwirtschaftlich wirksam sind allein die Gelddarlehen der EZB an Banken, die als Kredite an Kunden weitergegeben werden müssen (TLTRO). Die EZB verspricht, sie noch wirkungsvoller zu machen.

Der Rest ist Geldpolitik für die Bühne: die Aktien- und die Anleihenmärkte rund um den Globus. Das von der Zentralbank geschaffene Geld fliesst dort hin und lässt die Kurse steigen. Gleichzeitig weckt es die Erwartung neuen Geldes, damit die überhöhten Notierungen nicht einbrechen.

Mario Draghi und die Mehrheit des EZB-Rats haben diesem Druck von aussen am Donnerstag noch einmal nachgegeben. Aber engste Mitstreiter, wie der frühere EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio, warnen, dass das Limit erreicht sei. Man darf gespannt sein, wie ab November Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde die exponierte Zentralbank strategisch ausrichten wird.

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