Meinungen

EZB-Entscheid: Balsam für die Wirtschaft

Die Europäische Zentralbank hat sich für ein grosszügiges Lockerungspaket entschieden. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die Schweizerische Nationalbank muss den Leitzins wohl nicht mehr tiefer setzen, um die Zinsdifferenz zur Eurozone aufrechtzuerhalten. »

Der geldpolitische Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag war nicht die blosse Erfüllung der Markterwartungen. Vielmehr setzte der Zentralbankrat neue Akzente und übertraf die hochgesteckten Antizipationen in einigen Fragen noch.

Vor allem die Aktionen, die den Kapitalmarkt betreffen, fallen grosszügiger als erhofft aus. Das monatliche Volumen der Anleihenkäufe wird ab April um 20 Mrd. € aufgestockt. Beobachter waren von 10 Mrd. ausgegangen. Darüber hinaus verlor sich die EZB nicht in technischen Änderungen, um den Pool für Ankäufe zu erweitern, sondern beschloss, künftig auch Unternehmensanleihen zu erwerben. Eine ganze Anlageklasse kommt damit neu in den Genuss eines kontinuierlichen Nachfrageschubs.

Zurückhaltender blieben die Währungshüter in Sachen Zinsen. Der ökonomisch relevanteste der drei Leitzinsen (Einlagensatz) wurde von –0,3 auf –0,4% gesenkt. Die beiden übrigen Sätze wurden aber nur marginal tiefer gesetzt. Draghi schloss aus, dass die Zinsen noch weiter reduziert werden (ceteris paribus!). Er begründete diese Zurückhaltung mit den Gefahren, die immer tiefere Negativzinsen mit sich bringen.

Das ist auch ein Signal an die Schweizerische Nationalbank. Sie muss den Leitzins wohl nicht mehr tiefer setzen, um die Zinsdifferenz zur Eurozone aufrechtzuerhalten. Das Schlimmste in Sachen Euroabwertung könnte gar vorüber sein. Tatsächlich erholte sich die Gemeinschaftswährung im Laufe der Pressekonferenz.

EZB-Chef Mario Draghi bezeichnete die Massnahmen als substanzielle monetäre Stimulierung, um die erhöhten Risiken einer zu tiefen Inflation zu bekämpfen. Häufiger als in der Vergangenheit erwähnte er in der Medienkonferenz aber auch das zu geringe Wirtschaftswachstum.

Ab Juni werden denn auch vier neue und diesmal auf vier Jahre verlängerte TLTRO geschaltet. Das sind Geldkredite an Banken, die einen finanziellen Anreiz enthalten, falls die Institute sie als Kredit an die Wirtschaft weiterverkaufen. Die EZB kehrt damit in der Tat zu ihrem im Sommer 2014 eingeleiteten konjunkturpolitischen Ansatz zurück.

Leser-Kommentare

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Stephan Zimmerli 10.03.2016 - 17:42

Wo dieser monetäre Wahnsinn in einigen Jahren für Europa enden wird: Stagflation wie in den 70er-Jahren. Denn Wachstum kann man so nicht erzeugen, das Geld entwerten hingegen schon. Konzerne aus den EM werden europäische Firmen aufkaufen und irgendwann wird das verarmte Europa mit seinen bankrotten Staaten saniert, von wem auch immer.

Pierre Zinggeler 10.03.2016 - 23:07
Die Weltwirtschaft, davon bleibt Europa nicht verschont, muss sich auf tiefere Wachstumsraten einstellen. Draghi glaubt, mit seinem neuesten Coup die schwache Wirtschaft in Europa ankurbeln zu können. Seine Massnahmen werden dieses Ziel verfehlen. Wenn in Europa keine stärkere Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen besteht, kann eine EZB noch so vehement den Euro schwächen und das Kreditumfeld begünstigen, welches durch die… Weiterlesen »