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EZB: Es geht um mehr als Anleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank umreisst ihren künftigen Kurs und nimmt damit Ungewissheit aus dem Markt. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Der EZB-Chef bezeichnet die Wertschriftenkäufe erstmals nicht mehr als unkonventionelle Massnahme.»

Mario Draghi hat der Öffentlichkeit heute einen guten Dienst erwiesen. Die von ihm geführte Europäische Zentralbank (EZB) hat nicht nur den Schleier gelüftet, wie es mit ihrem Anleihenkaufprogramm weitergeht, sondern sie hat auch klare Eckdaten gesetzt: Die Nettozukäufe werden ab Oktober halbiert und hören dann Ende des Jahres ganz auf.

Die Leitzinsen werden mindestens bis Sommer 2019 nicht erhöht. Die Spekulationen an den Märkten über die künftige Geldpolitik wird er damit zwar nicht stoppen, aber zumindest hat er viel Ungewissheit aus dem Markt genommen.

Die EZB wird die Überschussliquidität noch lange nicht abschöpfen. Sie endet nur den Nettoneuzukauf von Wertschriften, also den Anstieg der überschüssigen Liquidität. Ab 2019 wird sie also das Anleihenportefeuille nicht verringern, sondern es weiter bewirtschaften. Auslaufende Titel werden reinvestiert.

Wie sie genau vorgehen wird, definiert sie erst zu gegebener Zeit. Entscheidend ist, dass sie das Liquiditätsvolumen aufrechterhält. Und dass sie weiter am Markt als Käufer auftreten wird: Schätzungen gehen davon aus, dass sie monatlich rund 10 Mrd. € reinvestieren dürfte. Die EZB verspricht, dies für lange Zeit zu tun.

Diese Zusicherung gibt sie derzeit auch, weil nicht die EZB darüber bestimmt, wann sie ihre Bilanz zurückführt, sondern der Markt. Oder besser: die Banken. Denn 750 Mrd. € in der EZB-Bilanz stehen in Form von mehrjährigen Geldkrediten an die Banken aus, den sogenannten TLTRO.

Ab Ende Juni können die Banken damit beginnen, sie zurückzuzahlen, das heisst, die Notenbankbilanz zu verkürzen. In Zukunft sollte also etwas mehr über die TLTRO-Rückzahlungen debattiert werden als über die EZB-Anleihenkäufe. Erstere sind für die Abschöpfung der Überschussliquidität unmittelbar relevanter als Letztere.

Darüber hinaus hat Mario Draghi heute den Anpfiff gegeben für die Debatte über Zinserhöhungen in der Eurozone. Sie ist auch für die Schweiz relevant: Je früher und mutiger in der Eurozone die Geldmarktsätze angehoben werden, umso leichter fällt es der Nationalbank, hierzulande das Minuszinsregime zu verlassen.

Die Forward Guidance, die Draghi diese Woche geliefert hat, deutet auf einen ersten Zinsschritt im September 2019 hin. Je länger er zuwartet, umso besser für die Finanzmärkte, dürfte mancher Investor denken. Aber das ist nicht richtig. Wenn die EZB zu spät beginnt, das Zinsniveau zu erhöhen, ist sie nicht gewappnet, wenn der nächste wirtschaftliche Abschwung einsetzt. Dann muss sie andere Instrumente finden, um die Bedingungen zu lockern und gegenzusteuern.

Vielleicht hat der EZB-Chef deshalb zum ersten Mal davon gesprochen, dass Wertschriftenkäufe zu einem «normalen Instrument der Geldpolitik» geworden seien und die EZB sie nicht mehr als unkonventionelle Massnahme bezeichne.

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