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EZB verschiebt Zinswende auf 2020

Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins bei null und will ihn noch lange nicht anheben.

(Reuters) Die Europäische Zentralbank (EZB) verschiebt angesichts der zahlreichen konjunkturellen Fragezeichen die Zinswende bis weit in das nächste Jahr. Die Währungshüter um EZB-Präsident Mario Draghi stellten am Donnerstag nach ihrer Zinssitzung in Vilnius in Aussicht, ihre Leitzinsen noch bis mindestens zum Ende des ersten Halbjahrs 2020 nicht antasten zu wollen. Bislang galt dies nur bis zum Ende des laufenden Jahres.

Dies ist nach März bereits das zweite Mal, dass die Euro-Notenbank ihren Zinsausblick zeitlich nach hinten verschiebt. Ursprünglich hatte sie nur bis zum Ende dieses Sommers in Aussicht gestellt, an ihren Zinsen nicht zu rütteln. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0%.

Neuauflage der Langfristkredite an Banken

Die EZB will den Banken mit eher grosszügigen Zinskonditionen für die neuen Langfristkredite unter die Arme greifen. Bei den zweijährigen Darlehen, die in der Fachwelt «TLTRO III» genannt werden, winkt den Banken eine Prämie, wenn sie bei der Kreditvergabe nachweislich bestimmte Ziele erfüllen, wie die Europäische Zentralbank am Donnerstag mitteilte. Die Langfristdarlehen erhalten die Banken zu einem Zins, der zehn Basispunkte über dem durchschnittlichen Leitzins während der Laufzeit der Kredite liegt. Bei Erfüllung von Kreditvergabezielen werde er aber sinken. Er könne dabei so niedrig liegen, wie der durchschnittliche Einlagensatz plus zehn Basispunkte während der Laufzeit der Geschäfte. Aktuell liegt der Satz bei minus 0,4 Prozent.

Das geldpolitische Ziel der EZB bei diesen speziellen Liquiditätsspritzen ist es, die Kreditvergabe im Währungsraum zu beflügeln. Sie sind daher so gestaltet, dass Banken Anreize erhalten, Darlehen an die Wirtschaft zu geben. In der vorangegangen Serie (TLTRO II) lag die Prämie bei bis zu 0,4 Prozent, wenn sie nachweislich mehr Kredite ausreichten.

Die neuen Darlehen, die die EZB ab September auflegen will, dürften Experten zufolge wie schon die Vorgänger-Serie vor allem in südlichen Euro-Ländern abgerufen werden. Vor allem Banken in Italien, Spanien und Frankreich hatten damals zugegriffen. Auf italienische Geldhäuser entfielen nach EZB-Daten zuletzt noch ausstehende Langfristkredite in Höhe von annähernd 240 Mrd. €, spanische Institute werden mit rund 167 Mrd. € aufgeführt, Banken aus Frankreich mit etwa 112 Mrd. €.

JPMorgan hat grosszügigere Konditionen erwartet

Die Konditionen für die TLTROs der EZB seien nicht so grosszügig wie erhofft, monierten die Analysten der Bank JPMorgan. Die Geldhäuser müssten Aufschläge zum Leitzins beziehungsweise Einlagensatz zahlen. Positiv sei allerdings, dass der Leitzins bis mindestens Mitte 2020 auf dem aktuellen Niveau bleiben solle.

Der italienische Bankenindex baute seine Gewinne nach Bekanntgabe der TLTRO-Konditionen aus und legte 1,9 Prozent zu. Der Index für die Banken der Euro-Zone gewann 1,3 Prozent. Italienische Geldhäuser seien Haupt-Profiteure des billigen Notenbank-Geldes, sagte Anlagestratege Stephane Ekolo vom Brokerhaus Tradition.

Schrauben an Wachstums- und Inflationsprognose

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Wachstumsprognose für die Euro-Zone in diesem Jahr leicht angehoben. Die Volkswirte der EZB und der Euro-Notenbanken erwarten für 2019 jetzt einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,2 Prozent, wie die EZB am Donnerstag mitteilte. Im März war noch mit 1,1 Prozent gerechnet worden. Für 2020 gehen die Notenbank-Volkswirte allerdings nur noch von einem Wachstum von 1,4 (bisher 1,6) Prozent aus, ebenso für 2021 (bisher: 1,5 Prozent).

«Trotz des besser als erwartet ausgefallenen ersten Quartals deuten die jüngsten Informationen darauf hin, dass der globale Gegenwind die Aussichten für den Euro-Raum weiter belastet», sagte EZB-Präsident Draghi. «Geopolitische Unsicherheiten, zunehmende Protektionismusbedrohungen und Schwachpunkte in den Schwellenländern hinterlassen ihre Spuren in der wirtschaftlichen Stimmung.»

Ihre Inflationsprognose für das laufende Jahr hoben die Ökonomen auf 1,3 (bisher 1,2) Prozent an. Für 2020 wird ein Anstieg der Verbraucherpreise von 1,4 (bisher 1,5) Prozent erwartet, für 2021 von unverändert 1,6 Prozent. Die Euro-Wächter peilen als optimalen Wert für die Wirtschaft eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an. Diese Zielmarke wird allerdings bereits seit längerem verfehlt. Im Mai lag die Teuerung mit 1,2 Prozent deutlich unterhalb des Ziels.

Draghi gibt Einblick in geldpolitisches Arsenal

Vor dem Hintergrund des eskalierenden Zollstreits und der Hängepartie um den Brexit hält sich die EZB weitere geldpolitische Optionen offen. Laut Draghi machten die Währungshüter auf der auswärtigen Ratssitzung in Vilnius deutlich, dass sie für alle Fälle «handlungsbereit» seien. Einige Ratsmitglieder hätten die Möglichkeit von Zinssenkungen angesprochen. Weitere Handlungsoptionen seien Anleihenzukäufe und eine Ausweitung des Zinsausblicks.

Draghi sprach mit Blick auf den von US-Präsident Donald Trump geschürten internationalen Handelsstreit von einer «ausgeprägten Unsicherheit», die auch die Finanzmärkte umtreibe. Dort werde der Streit auch als eine Art Zeitenwende erlebt, in der die seit dem Zweiten Weltkrieg herrschende «multilaterale Ordnung» ins Wanken gerate. Die EZB treibt schon seit längerem die Sorge um, dass die Handelskonflikte die Stimmung in der europäische Wirtschaft eintrüben und das Wachstum bremsen könnten.

Leser-Kommentare

Patrick Haas 06.06.2019 - 14:45

Wenn der Zinssatz für TLTRO negativ wird, ist das in letzter Konsequenz nicht Fiatgeld?

Alexander Ramseyer 06.06.2019 - 16:52

Der Knall wird viel schöner wenn man vorher richtig voll pumpt. Italien wird sich für dieses schöne Geschenk artig bedanken…