Meinungen

Fall Vincenz: Verantwortung übernehmen

Das Raiffeisen-Drama muss ein Weckruf für VR sein. Sie müssen Initiative zeigen und ihren Job ernster nehmen. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Für mich geht es um viel mehr  als um Vincenz und zwar den Ruf der Schweiz und ihrer Wirtschaft.»

Pierin Vincenz wurde der mehrfachen Veruntreuung, der mehrfachen qualifizierten untreuen Geschäftsbesorgung und der mehrfachen Urkundenfälschung schuldig gesprochen. Dafür muss er drei Jahre und neun Monate hinter Gitter. Ob das Urteil gerecht ist oder nicht, will ich hier nicht erörtern. Denn für mich geht es um viel mehr als nur um Vincenz. Es geht um den Ruf der Schweiz und ihrer Wirtschaft.

Der VR ist der Chef

Es wird immer wieder vorkommen, dass sich ein CEO, der zuvor auch noch so gut unter die Lupe genommen wurde, während seiner Amtszeit zu einem Monster entwickelt. Dass das nicht unbemerkt bleibt, dafür gibt es eine einzige Instanz, die das genau beobachten und aufdecken muss: den Chef des CEO. Und das ist in der Schweiz der Verwaltungsrat (VR).

Gemäss Obligationenrecht hat der VR «die Oberaufsicht über die mit der Geschäftsführung betrauten Personen, namentlich im Hinblick auf die Befolgung der Gesetze, Statuten, Reglemente und Weisungen». Das ist jedem einzelnen Mitglied des VR bewusst. Dennoch passiert es leider viel zu oft, dass Verwaltungsräte stumm bleiben, keine kritischen Fragen stellen, sondern oft einfach nur ihr nicht gerade tiefes Gehalt abräumen, an den Pflichtsitzungen teilnehmen – und viel zu lange zusehen.

Anpacken und nicht zusehen

Sie finden diese Verallgemeinerung ungerecht? Ja, natürlich gibt andere Verwaltungsräte. Doch insgesamt sind die Gremien in der Schweiz viel zu zahm. Das gilt übrigens nicht nur für die Banken, die da immer zuallererst genannt werden. Also (ALSN 169.20 +3.42%), liebe Verwaltungsräte. Seien Sie unbequem, nerven Sie den CEO, informieren Sie sich auf allen Ebenen und seien Sie der Chef, der die Ereignisse antizipiert und ihnen nicht hinterherläuft.