Meinungen

Falsch wahrgenommene Präferenzen

Die pluralistische Ignoranz bezeichnet falsch wahrgenommene Präferenzen anderer. Sie beeinflusst auch das eigene Verhalten – mitunter negativ. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Die Meinung der anderen hat also viele Ineffizienzen zur Folge.»

Nehmen Sie gerne mal etwas Bier oder Wein zu sich? Ja? Wie viel darf es denn sein? Amerikanische College-Studenten, so befragt, antworten typischerweise, dass sie gern mal ein Glas oder zwei trinken, doch mehr sei dann zu viel. Fragt man aber, was denn – nach Meinung der College-Studenten – ihre Kommilitonen idealerweise konsumieren, so kommen sehr hohe Werte heraus. Ein netter Abend, so die Einschätzung, muss nach Meinung der anderen ein richtiges Gelage sein.

Es klafft also ein eklatanter Abstand zwischen der privaten Präferenz der Studenten und dem, was unter Studenten als allgemein verbreitete Vorliebe gehandelt wird. Schaut man nun auf das, was tatsächlich passiert, so zeigt sich, dass nicht die privaten Präferenzen, sondern die (falsch wahrgenommene) soziale Norm das Verhalten bestimmt. Mit anderen Worten: College-Studenten fänden es zumeist besser, nicht ganz so tief ins Glas zu gucken, tun es aber doch, um «cool» zu wirken und nicht hinter dem zu bleiben, was angeblich alle anderen toll finden.

Soziologen nennen dieses Verhalten pluralistische Ignoranz – falsch wahrgenommene Präferenzen anderer formen das Verhalten. Beim Trinken von College-Studenten sind die Folgen eindeutig negativ. Dies gilt auch in anderen Lebensbereichen. So sind Männer in Saudi-Arabien privat häufig der Ansicht, dass gegen eine bezahlte Erwerbstätigkeit ihrer Frauen nichts einzuwenden ist.

In einer kürzlich abgeschlossenen Studie zeigen Leo Bursztyn von der Universität Chicago und David Yanagizawa-Drott von der Universität Zürich, dass dieselben Männer jedoch völlig falsche Erwartungen in Bezug auf die Einstellung anderer Familienoberhäupter haben – und ohne die Zustimmung von Ehemann oder Vater darf in Saudi-Arabien keine Frau arbeiten.

Klärt man die Männer über die (privaten) Meinungen anderer auf, so sind sie schnell dafür, dass ihre Frauen arbeiten gehen. Es zeigt sich, dass sich nicht nur die Einstellung noch einmal stark Richtung Erwerbstätigkeit ändert – Frauen von Versuchsteilnehmern bewerben sich tatsächlich um mehr Arbeitsplätze ausserhalb des eigenen Heims.

Privat und öffentlich

Wie sehr unsere Erwartungen in Bezug auf die Präferenzen anderer zu unbefriedigenden Situationen führen können, verdeutlicht eine dritte Studie. Wer es in der Arbeitswelt ganz nach oben schaffen will, der muss, vor allem in den USA, einen Abschluss als Master of Business Administration vorweisen können.

MBA-Studenten sind fast ausnahmslos hochmotiviert und stark karriereorientiert. Gleichzeitig aber sind viele MBA-Studenten noch alleinstehend – und die Universität ist ein Ort, an dem viele Menschen ihren künftigen Lebenspartner kennenlernen.

Als Teil eines MBA-Programms wird häufig Unterstützung bei der Suche nach einem Job angeboten. Dazu werden Fragebögen verwendet, auf denen die Studenten ihre Präferenzen für die ideale Stelle angeben: Sind sie bereit, lange zu arbeiten? Häufig zu reisen? Wie wichtig ist ihnen die Entlohnung? Die «richtigen» Antworten hier sind natürlich diejenigen, die die eigenen Präferenzen exakt wiedergeben – sonst kann der Placement Officer an der Universität nicht die Kontakte zu den richtigen Firmen vermitteln.

Wissenschaftler teilten nun nach Zufallsprinzip weibliche Studenten in zwei Gruppen ein – solche, bei denen es 100% klar war, dass der Fragebogen nur von ihnen und dem Placement Officer gesehen würde, und solche, bei denen es auch die Möglichkeit gab, die eigenen Präferenzen vor anderen Studenten darlegen und erklären zu müssen.

Solange die weiblichen MBA-Studenten sich in einer privaten Gesprächssituation wähnten, waren sie genauso ambitioniert, arbeitswillig und gehaltsorientiert wie ihre männlichen Kommilitonen. Sobald man jedoch die Möglichkeit einer öffentlichen Diskussion einführte, ging die (dargelegte) Bedeutung von Gehalt ebenso stark zurück wie die Reisewilligkeit und die Bereitschaft, lange Stunden zu arbeiten.

Warum? Weil die MBA-Schule auch als Heiratsmarkt funktioniert, liegt es nahe, anzunehmen, dass Frauen ihre wahren Ambitionen versteckten, um «weiblicher» – weniger aggressiv und karriereorientiert – zu erscheinen. Dazu passt, dass nur unverheiratete MBA-Studenten ihre Präferenzen stark änderten, wenn sie öffentlich gemacht wurden, und dies umso mehr, je mehr unverheiratete Männer es in ihrem Kurs gab.

Die Meinung der anderen – oder genauer gesagt das Nachdenken darüber, was andere wohl meinen – hat also viele Ineffizienzen zur Folge: studentische Saufgelage, die viel zu weit gehen und niemanden glücklich machen, saudische Frauen, die nicht arbeiten dürfen, obwohl viele Männer damit kein Problem haben, MBA-Studentinnen, die möglicherweise den falschen Job bekommen, um vor ihren Kommilitonen ja besonders feminin zu erscheinen.

So weit, so einfach, könnten man meinen – die Lösung in allen Fällen heisst Aufklärung, Kommunikation, Austausch. Pluralistische Ignoranz überlebt nur im Dunkeln, dort, wo niemand sie sieht. Sobald Menschen sich leicht über ihre wahren Präferenzen austauschen, kann vieles schnell besser werden.

Doch leider sind die Ergebnisse nicht immer gutartig. In einer anderen Studie wurden US-Wähler (vor der Wahl von Donald Trump) gefragt, ob sie eine Stiftung zur Reduktion der Einwanderung in die USA unterstützen würden, deren Programm hart an der Grenze zur Fremdenfeindlichkeit ist. Wurde die Frage nur privat gestellt, d. h. ohne jede Gefahr, auf die eigene Antwort angesprochen zu werden, so war ungefähr die Hälfte der Wähler bereit, Geld an die xenophobe Stiftung zu verteilen.

Wurde ihnen aber angedeutet, dass sie ihre Entscheidung einer dritten Person würden erklären müssen, sank der Anteil auf ein Drittel. Da offen xenophobes Verhalten – zumindest bis zur Wahl von Trump – in den USA verpönt war, änderte offensichtlich ein erheblicher Teil der Wahlbevölkerung das Verhalten.

Interessant ist nun, was nach der (überraschenden) Wahl von Trump passierte. Plötzlich wurde klar, wie viele Bürger insgeheim mit den migrantenfeindlichen Einstellungen des neuen Präsidenten sympathisieren. Als die Wissenschaftler das Experiment nach der Wahl wiederholten, war die Hälfte der Teilnehmer auch bei der öffentlich geteilten Antwort bereit, die xenophobe Stiftung zu unterstützen.

Genau das Gleiche passierte, wenn man den Wählern schon vor der Wahl sagte, dass sie in einem Bundesstaat leben, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 100% der Wahlmänner für Trump entsenden würde.

Gruppenzugehörigkeit

Hier führte pluralistische Ignoranz zur Aufrechterhaltung eines schönen Scheins – einer toleranteren, weltoffeneren Einstellung, als es den Präferenzen der Wähler eigentlich entsprach. Der gleiche Mechanismus, der saudische Frauen von der Arbeit fernhält und für den «Kater» der College-Studenten sorgt, hat in diesem Fall das Verhalten von amerikanischen Wutbürgern gezügelt. Mehr Austausch und Offenheit ist in einer solchen Situation nicht unbedingt von Vorteil; der unverstellte Blick auf die Meinung der anderen legitimiert die eigene Xenophobie.

Pluralistische Ignoranz spielt mit menschlichen Grundbedürfnissen, der Neigung, zu einer Gruppe zu gehören, indem man ihre Werte und Präferenzen übernimmt. Hier wird die Zweischneidigkeit sozialer Medien erkennbar – wo der Austausch direkt stattfinden kann, können Meinungen über Trinkverhalten oder Frauenarbeit leichter ausgetauscht werden, als wenn Informationen überwiegend über Radio, Fernsehen oder die Zeitungen bezogen werden.

Gleichzeitig geht der «zivilisierende» Einfluss der Meinungseliten verloren, wie das Beispiel der xenophoben Stiftung klarmacht – Volkes Stimme ist nicht immer wohlklingend.

Leser-Kommentare

Markus Saurer 13.07.2018 - 17:10

Sehr interessanter Beitrag – wenn auch mit etwas elitärem Dünkel…