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Yellen signalisiert Zinserhöhung

Die Präsidentin der US-Notenbank hat sich am Symposium in Jackson Hole zu den weiteren Zinsplänen des Fed geäussert. Den Zeitpunkt für eine allfällige Zinserhöhung hat sie aber offengelassen. Wallstreet reagiert irritiert.

Christoph Gisiger und Tina Haldner

«Die Argumente für eine Zinserhöhung haben sich in den vergangenen Monaten verstärkt», erklärte Janet Yellen, Präsidentin der amerikanischen Notenbank (Fed), an ihrer Rede in Jackson Hole. Sie verwies auf die weiteren Fortschritte am Arbeitsmarkt und das robuste Wachstum bei den Konsumausgaben.

«Die US-Wirtschaft nähert sich dem Fed-Mandat, das sich Vollbeschäftigung und Preisstabilität zum Ziel setzt», sagte Yellen. Gleichzeitig betonte sie, dass die geldpolitischen Entscheide des Gremiums von den weiteren Wirtschaftsdaten abhängen.

Trotz dieser zuversichtlichen Aussagen signalisiert Yellen aber keine Eile. Ein Hinweis zum Zeitpunkt für die anvisierte Zinserhöhung fehlte in ihrer Rede vor Zentralbankern aus der ganzen Welt komplett. Stattdessen konzentrierte sie sich in ihren Ausführungen auf die Frage, mit welchen Instrumenten die US-Notenbank einen künftigen Wirtschaftsabschwung bremsen könnte.

Mit Anspannung hatten die Finanzmärkte zuvor dem Auftritt der Fed-Chefin entgegengefiebert, in der Hoffnung, dass sie einen Einblick in die Zinspläne der Währungshüter geben wird. Am jährlichen Symposium in Wyoming hat sich die Elite der Notenbanker versammelt, um über die Zukunft der Geldpolitik zu diskutieren.

Irritation an Wallstreet

Wallstreet interpretierte Yellens Referat zunächst als Wink, dass das Federal Reserve kaum schon an der nächsten Zinssitzung vom 20. und 21. September mit einer weiteren Straffung der Geldpolitik Ernst machen wird. An den Börsen in New York zogen die Aktienkurse am Freitagmorgen nach einer Vorabpublikation von Yellens Referat an.

Auf die Stimmung drückten dann aber Äusserungen von Fed-Vizepräsident Stanley Fischer, der in einem TV-Interview einen strengeren Ton anschlug. «Wir sind dem Niveau ziemlich nahe, das man als Vollbeschäftigung erachtet», sagte er dem Börsensender CNBC. «Die Inflationsrate ist in diesem Jahr höher als im letzten», fügte er hinzu.

Gegen Handelsschluss fingen sich die Aktienkurse wieder etwas. Der US-Leitindex S&P 500 (SP500 2888.68 1.44%) beendete die Woche dennoch leicht tiefer. Die Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen zog sechs Basispunkte auf 1,64% an. Der Goldpreis veränderte sich kaum, und der Dollar tendierte gemessen an den wichtigsten Währungen 0,7% fester.

Schwaches Wirtschaftswachstum

«Yellen hat auf die Unsicherheit bezüglich der Konjunkturdaten hingewiesen und keinen speziellen Zeitplan für eine Straffung der Geldpolitik präsentiert», denken die Ökonomen von Bank of America (BAC 27.03 2.97%) Merrill Lynch. «Die Rede hat das Risiko einer Zinserhöhung im September zwar marginal erhöht. Unser Basisszenario für den nächsten Schritt bleibt jedoch Dezember», meinen sie weiter.

Für ein gemächliches Tempo mit Blick auf eine Zinserhöhung sprechen beispielsweise die neusten Daten zur Gesamtwirtschaft. Die ohnehin bereits enttäuschenden Zahlen zum Bruttoinlandprodukt für das vergangene Quartal sind in der zweiten Lesung am Freitag sogar noch etwas schwächer ausgefallen. Demnach ist die US-Wirtschaft nur 1,1% gewachsen, nachdem sie bereits im ersten Quartal lediglich 0,8% expandierte.

Für die laufende Berichtsperiode zeigen Prognosemodelle wie GDPNow der Atlanta Fed immerhin ein Wachstum auf gut 3%. Unklar ist aber, ob es sich dabei nur um einen kurzfristigen Kompensationseffekt handelt. Auch hätte die Konjunkturleistung seit Anfang Jahr im Schnitt trotzdem weniger als 2% zugenommen.

Jobdaten stehen im Fokus

Entsprechend wichtig wird die nächste Woche. Mit den Konsumausgaben, dem ISM-Index zur Industrie und vor allem dem Arbeitsmarktbericht für August steht gleich eine ganze Reihe von Schlüsselindikatoren an.

Überraschend gute Jobdaten könnten die Spekulation über einen baldigen Zinsschritt neu aufheizen. Es handelt sich um den letzten Bericht zum Jobmarkt vor der nächsten Fed-Sitzung. Ökonomen rechnen im Schnitt mit 160’000 neuen Jobs und einem leichten Rückgang der Arbeitslosenquote auf 4,8%.

An der Chicagoer Terminbörse CME kam es im Verlauf vom Freitag zu Bewegungen. Investoren messen einer Zinserhöhung am nächsten Fed-Treffen neu eine Chance von rund 30% bei, nachdem es am Vortag knapp 20% waren. Was die Zinssitzung vom Dezember betrifft, wird einer geldpolitischen Straffung inzwischen eine Chance von rund 60% eingeräumt.

Fed-Vertreter unterstützen Zinsanstieg

Auch andere Vertreter aus dem Fed-Gremium nutzten die Plattform in Jackson Hole, um sich zu den Zinsplänen zu äussern.

Die Präsidentin der Distriktnotenbank Cleveland, Loretta Mester, hat sich für eine allmähliche Anhebung der US-Leitzinsen ausgesprochen. Es mache Sinn, damit zu beginnen, die Sätze behutsam hochzusetzen, sagte sie gegenüber dem Fernsehsender CNBC. «Ich sehe einen graduellen Pfad der Zinsen nach oben als angemessen an.»

Der Präsident der Fed von Atlanta, Dennis Lockhart, hält mindestens einen Zinsschritt in diesem Jahr für angebracht, sollte sich die Wirtschaft weiter verbessern. Möglich seien aber auch zwei Schritte, sagte er gegenüber Bloomberg TV.

Der Chef der Distriktnotenbank St. Louis, James Bullard, liess es im Gespräch mit CNBC hingegen offen, wann für ihn der richtige Moment gekommen ist. Aber auch er schliesst eine Zinserhöhung durch das Fed im laufenden Jahr nicht aus.

Gespaltenes Fed-Gremium

Die Unterlagen zum letzten Fed-Treffen von Ende Juli legen allerdings nahe, dass die Meinungen unter den Währungshütern gespalten sind.

Die Zinsfalken führen zwar an, dass zwei zentrale Unsicherheitsfaktoren inzwischen entschärft seien. So haben sich die Finanzmärkte nach der Brexit-Abstimmung rasch erholt, und der Jobmarkt entwickelt sich nach einem kurzen Rückschlag im Mai solid. Dennoch wollen viele Fed-Mitglieder zuerst «zusätzliche Informationen» abwarten, um die Lage besser einschätzen zu können.

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