Meinungen

Fehlt es wirklich an ICT-Fachkräften?

Der Bedarf an Spezialisten für Informations- und Kommunikationstechnologie wächst nicht im Gleichschritt mit der Digitalisierung in der Wirtschaft. Ein Kommentar von George Sheldon.

George Sheldon
«Neue Technologien setzen sich durch, indem sie sich den Menschen anpassen, und nicht umgekehrt.»

Die Nachfrage nach Fachkräften mit Kompetenzen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) wächst aufgrund der sich ausbreitenden Digitalisierung angeblich enorm in der Schweiz. Solches ist hierzulande derzeit häufig zu lesen und zu hören. Unterstützt wird die allgemeine Überzeugung durch die Ergebnisse einer Reihe von Studien.

Eine Gruppe solcher Studien stützt sich auf Expertenmeinungen, die zuweilen zwar aufschlussreich sein können, aber eher die begrenzte Erfahrungswelt der Befragten reflektieren als notwendigerweise die Wirklichkeit, und daher kaum Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben können.

Eine andere Gruppe von Arbeiten besteht aus Prognosen, die einen Mangel an ICT-Fachkräften voraussagen. Doch die Projektionen kränkeln zum einen daran, dass die gängigen Berufssystematiken ICT-Tätigkeiten zu wenig abbilden. Zum anderen lassen sie ausser Acht, dass Personen mit einer gegebenen beruflichen Qualifikation eine Vielzahl verschiedener Berufe ausüben können, wie auch umgekehrt eine gegebene Tätigkeit von einer Vielzahl unterschiedlich ausgebildeter Personen ausgeübt werden kann. In diesem Fall lassen sich die Knappheitsverhältnisse auf Arbeitsmärkten kaum verlässlich ermitteln.

Nicht knapper als andere Qualifikationen

Vor diesem Hintergrund hat unsere Forschergruppe im Rahmen einer von der Fondation CH2048 beauftragten Studie einen neuen Weg eingeschlagen. Im Unterschied zu bisherigen Studien greift sie nicht auf Expertenmeinungen oder die amtliche Statistik zurück, sondern untersucht die knapp 5 Mio. Online-Stelleninserate, die zwischen Januar 2012 und August 2019 hierzulande im Internet erschienen sind und von der X28 (Thalwil) erfasst und gesammelt wurden. Die Inserate weisen mehr als 1900 verschiedene ICT-Kompetenzen auf, die die Unternehmen suchen. Eine derart umfangreiche und detaillierte Datenbasis ist unseres Wissens noch nie in Bezug auf den Bedarf und das Angebot an ICT-Kompetenzen in der Schweiz ausgewertet worden.

Unsere Studie misst die Nachfrage nach ICT-Kompetenzen an der Wahrscheinlichkeit, dass ein Online-Stelleninserat von Stelleninteressenten eine oder mehrere ICT-Kompetenzen verlangt. Knappheit hingegen wird an der Ausschreibungsdauer der Inserate festgemacht. Der Ansatz beruht auf dem Gedanken, dass schwer zu besetzende Stellen länger ausgeschrieben bleiben, und stellt ein gängiges Vorgehen in der Arbeitsmarktforschung dar.

Die Ergebnisse unserer Studie fördern Erstaunliches zutage. Während die Zahl der Online-Stelleninserate im Untersuchungszeitraum um ein Viertel zugenommen hat, ist der Anteil der darunter befindlichen Inserate, die ICT-Kompetenzen verlangten, von 36 auf 26% zurückgefallen. Das heisst, die Inserate, die keine ICT-Anforderungen stellen, haben stärker zugenommen als diejenigen, die dies tun. Dies deutet auf eine nachlassende Nachfrage nach ICT-Fachkräften im Zeitraum 2012 bis 2019 hin, was den Resultaten bisheriger Studien für die Schweiz diametral entgegensteht. Von einer immer stärker werdenden Nachfrage nach ICT-Fachkräften kann auf Basis unserer Daten kaum die Rede sein.

Ferner deuten unsere Resultate darauf hin, dass ICT-Anforderungen nicht knapper sind als sonstige Berufsqualifikationen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum betrachtet war kaum ein statistisch gesicherter Unterschied zwischen der Ausschreibungsdauer von Online-Stelleninseraten mit und ohne ICT-Anforderungen festzustellen. Zudem nahm die Ausschreibungsdauer von Online-Stelleninseraten mit ICT-Anforderungen im Untersuchungszeitraum trendmässig ab, was auf nachlassende Knappheit an ICT-Fachkräften hierzulande hinweist.

Die Ergebnisse zeigen weiter, dass die Wahrscheinlichkeit, dass von Stelleninteressenten ICT-Kompetenzen verlangt werden, in erster Linie von der angebotenen Tätigkeit und in zweiter vom erwünschten Bildungsstand der Stelleninteressenten abhängt. Dabei werden ICT-Kompetenzen am häufigsten von Arbeitskräften mit einer universitären Berufsausbildung verlangt.

Eher einen mässigen Einfluss haben die Branche oder der Arbeitskanton auf die Wahrscheinlichkeit, dass ein Inserat von den Stelleninteressenten ICT-Kompetenzen verlangt. Dabei zeigt sich, dass solche Qualifikationen eher im Dienstleistungssektor, vor allem in technischen Branchen, und in der lateinischen Schweiz gefordert werden. Die hierarchische Position einer ausgeschriebenen Stelle hat einen noch kleineren Einfluss, wobei der Forderung nach ICT-Kompetenzen mit der Höhe der Position nachlässt. Dementsprechend werden ICT-Qualifikationen am häufigsten von Berufseinsteigern verlangt.

Ferner deuten unsere Daten nicht darauf hin, dass sogenannte Soft Skills bei Stelleninseraten, die ICT-Kompetenzen verlangen, verstärkt nachgefragt werden, was in manchen Fachkreisen behauptet wird.

Unsere Resultate scheinen der allgemeinen Beobachtung, wonach die Digitalisierung der Wirtschaft immer weiter voranschreitet, zu widersprechen. Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu erklären? Dazu bieten sich mehrere Möglichkeiten an.

Zum einen ist darauf hinzuweisen, dass eine sich ausbreitende Digitalisierung nicht heisst, die Nachfrage nach ICT-Fachkräften müsse im gleichen Masse zunehmen. Die starke Ausbreitung bedeutet lediglich, dass immer mehr Personen mit ICT in Kontakt kommen und sie bedienen. Aber bedienen heisst nicht beherrschen. Die Google-Suchmaschine hat die Welt erobert, aber gerade mal zwei Personen, nämlich die Gründer, haben die Originalsoftware geschrieben. Die grosse Mehrheit der Menschen benutzt die Suchmaschine nur und muss nicht wissen, wie der dahinterstehende Suchalgorithmus funktioniert, geschweige denn ihn programmieren können.

Das Beispiel weist auf eine andere besondere Eigenschaft von ICT hin. Die Entwicklung von Software hat einen starken Fixkostencharakter. Das bedeutet, dass der Bedarf an ICT-Fachkräften nicht proportional zum Ausmass der Digitalisierung in der Wirtschaft wächst. Es ist mit anderen Worten nicht notwendigerweise ein Widerspruch, wenn sich die Digitalisierung stark verbreitet und der Bedarf an ICT-Fachkräften nicht Schritt hält.

Immer simpler, immer verbreiteter

Es ist ferner zu beachten, dass ICT immer benutzerfreundlicher geworden ist. Um beispielsweise in den Siebzigerjahren eine ökonometrische Untersuchung durchzuführen, musste man vielfach die Programmiersprache Fortran beherrschen und die benötigte Software selbst schreiben. Heutzutage hingegen kann man eine hoch komplexe ökonometrische Auswertung in kürzester Zeit mit benutzerfreundlicher Software und ohne ICT-Kenntnisse durchführen. Gerade deshalb hat sich die Digitalisierung so stark verbreitet. Neue Technologien setzen sich durch, indem sie sich den Menschen anpassen, und nicht umgekehrt. Wenn man immer noch seine Software selber schreiben müsste, hätte sich ICT nicht so weit verbreitet.

Schliesslich ist zu bedenken, dass viele ICT-Kompetenzen zunehmend selbstverständlich sind und deshalb in Stelleninseraten möglicherweise immer weniger gesondert gefordert werden. Auch die Bedienung von Microsoft Office gehört zu den ICT-Kompetenzen, die in den von uns untersuchten Online-Stelleninseraten zuweilen verlangt werden. Doch diese Forderung dürfte immer mehr verschwinden, da es beispielsweise kaum noch Hochschulabgänger gibt, die Microsoft Office nicht bedienen können.

Unsere Studie liefert allerdings lediglich einen Gesamtüberblick über das aktuelle Marktgeschehen. Ob unsere Befunde auch für spezifische Branchen, Berufe oder Kantone gleichermassen gelten, wird künftigen Auswertungen unserer Daten vorbehalten bleiben müssen.