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«Finanzplatz Schweiz besser vernetzen»

Michael Benz, Chef Private Banking von Standard Chartered, spricht im Interview mit der FuW über Chancen und Versäumnisse.

Das ausgehöhlte Bankgeheimnis, das Aufkommen von Fintech, eine verschärfte Marktaufsicht und der intensivere internationale Wettbewerb haben den Finanzplatz Schweiz innerhalb weniger Jahre markant verändert. Der Strukturwandel lässt sich auch an der schwindenden Zahl der in der Schweiz niedergelassenen Auslandsbanken ablesen. Nach Ansicht von Michael Benz, globaler Chef Private Banking der britischen Grossbank Standard Chartered (STAN 443.6 -0.25%), ändern nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses immer mehr Kunden ihr Verhalten: Bei der Wahl ihres Finanzdienstleisters ist das Argument Verbuchung der Vermögen in der Schweiz nicht mehr das primäre Kriterium.

Standard Chartered hat daraus Konsequenzen gezogen und verkaufte 2013 eine im Zuge einer Übernahme erworbene Genfer Privatbank. Benz, der vor seinem Wechsel zum britischen Traditionskonzern das Privatbankengeschäft des US-Finanzhauses Merrill Lynch Bank of Amerika in der Region Asien-Pazifik führte, war das aber nicht eine allgemeine Absage an den Finanzplatz Schweiz.

Grösste Trumpfkarte ist weg

«Die Schweizer Einheit war angesichts steigender Kosten vor allem im Bereich Compliance einfach zu klein gewesen», führt der Absolvent der Hochschule St. Gallen aus. Das falle umso mehr ins Gewicht, weil der Finanzplatz Schweiz ohne sein Geheimnis seine bisher grösste Trumpfkarte verloren habe. Für Standard Chartered, die ihr Hauptgeschäft in Asien und Afrika macht, sei die Schweiz indes auch wegen des grossen Zeitunterschieds zu Asien als Buchungszentrum so oder so nicht ideal gewesen. Dubai, Hongkong und Singapur passen alleine schon wegen der Geschäftszeiten besser.

London wiederum, wo Standard Chartered vor 162 Jahren gegründet worden ist, sei als Grossstadt sehr attraktiv. «Für viele ausländische Kunden ist auch der dortige Immobilienmarkt, dessen Grösse und vor allem auch Liquidität nicht mit Zürich oder Genf verglichen werden kann, sehr wichtig.»

Dabei hat die Schweiz in den Augen von Benz dank ihrer Stabilität gegenüber relativ jungen asiatischen Finanzplätzen weiterhin Standortvorteile. Tradition lasse sich nun eben nicht kopieren, sagt er etwa in Bezug auf Singapur. «Ihre über lange Zeit erworbenen Vorteile müssen Schweizer Banken aber auch nutzen, vor allem im hochprofessionellen Umgang mit den Kunden», unterstreicht Benz, der auf der Stufe Managing Director lange Jahre Chef Finanzprodukte der UBS (UBSG 11.31 0.98%) in Asien war. Als klare Standortvorteile sieht er die Mehrsprachigkeit und die politische sowie kulturelle Vielfalt der Schweiz an. Damit könnten die spezifischen Bedürfnisse ausländischer Kunden auch besser verstanden werden, was in einer Zeit, wo sich die Bankmodelle auf globaler Ebene kaum mehr voneinander unterscheiden, von zentraler Bedeutung sei.

Es stellt sich damit die Frage, wie sich der Bankenplatz Schweiz positionieren muss, um global an der Spitze mithalten zu können. Benz sieht nicht nur den Privatsektor, sondern vor allem auch die offizielle Schweiz gefordert. Der Finanzplatz müsse besser mit dem Ausland und dabei insbesondere mit dem aufstrebenden Asien vernetzt werden. Die Schweizer Banken hätten das durch ihre Expansion nach Fernost erfolgreich getan.

Der Tiefe und Breite ihres Angebots verdanken sie gerade in Asien denn auch ihren sehr guten Ruf. Einen Imageverlust habe dagegen der Schweizer Finanzplatz erlitten. Benz weist dabei auf die Enthüllungen über in der Schweiz verbuchte Gelder zweifelhafter Herkunft. «Das hat nicht nur bei den ausländischen Kunden, sondern auch dem Bankpersonal wie auch der breiten Öffentlichkeit einen wohl länger anhaltenden negativen Eindruck hinterlassen», meint Benz.

Die Schweizer Finanzpolitik war in den letzten Jahren vor allem beschäftigt mit dem Abbau von Altlasten wie eben dem Steuerstreit. Dabei seien auch grosse Chancen im Bereich Devisenhandel verpasst worden. «Ich hätte mir gut vorstellen können, dass die Schweiz eine Pionierrolle in der Internationalisierung der chinesischen Währung hätte spielen können», kritisiert der Rheintaler.

Möglichkeiten mit Asien

Trotz des angeblich frühen Interesses Pekings ist letztlich nicht die Schweiz, sondern London das grosse europäische Renminbi-Offshore-Zentrum geworden. Das sei ein klares Zeichen dafür, wie hartnäckig und erfolgreich England, ähnlich wie auch Singapur, die Interessen des eigenen Finanzplatzes verteidigt.

Benz, der 2012 aufseiten der Bank of  America Merrill Lynch massgeblich an der Überführung eines Teils ihres Privatbankengeschäfts zur Bank Bär beteiligt war, sieht mit Blick auf die Zukunft in der Partnerschaft zwischen asiatischen und westlichen Börsen erhebliches Potenzial. Schanghai und Hongkong haben seit Ende 2014 im Rahmen einer engen Partnerschaft den grenzüberschreitenden Aktienhandel möglich gemacht. «Hier muss sich die Schweiz ernsthaft die Frage stellen, ob eine solche Verbindung nicht auch nach Zürich möglich sein könnte.» Für Kunden könnte ein solches Angebot etwa den Ausschlag für die Wahl eines Finanzzentrums sein.