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Fintech – (R)evolution der Schweizer Finanzindustrie

Alle reden über Fintech. Doch woher kommt das Wort, was steckt dahinter, und welche Geschichte nahm die Digitalisierung der Schweizer Finanzbranche bis heute?

Thomas Puschmann

Der Begriff Fintech ist ein Akronym der Begriffe Fin(anz) und Tech(nologie). Er wurde höchstwahrscheinlich erstmals 1993 von John Reed, dem damaligen CEO von Citicorp, im Zusammenhang mit dem neu gegründeten Konsortium Smart Card Forum benutzt. Reed verwies auf ein Forschungsprojekt seines Instituts mit eben dem Namen Fintech (für das ausführliche Zitat vgl. die englische Version).

Fintech ist eng verbunden mit dem Begriff der Finanzinnovation, der definiert ist als «(…) act of creating and then popularizing new financial instruments as well as new financial technologies, institutions and markets.» (Tufano 2003, p. 310). Anknüpfend an dieses Verständnis werden unterschiedliche Kategorien an Innovationsobjekten in der Finanzindustrie unterschieden (Frame and White 2014, p. 4):

(1) Produkte und Dienstleistungen (z. B. Robo Advisor), (2) Organisationsstrukturen (z. B. Outsourcing von Organisationseinheiten) und (3) Prozesse (z. B. Online-Kreditbeantragung und -abwicklung). Da Fintech auf dem engen Zusammenspiel mit Informationstechnologie (IT) beruht und zu neuen Geschäftsmodellen führen kann, lassen sich diese drei objektbezogenen Bereiche um (4) Systeme (z. B. Blockchain als neue Finanzinfrastruktur) sowie (5) Geschäftsmodelle (z. B. Crowdlending) als weitere zwei Innovationsobjekte erweitern.

Neben dieser objektbezogenen Dimension spielen zwei weitere eine wichtige Rolle: der Innovationsgrad (inkrementelle vs. disruptive Fintech-Innovation) sowie die Innovationsreichweite (intra- und interorganisationale Fintech-Innovationen) (Puschmann 2017).

Die Geschichte der Digitalisierung der Schweizer Finanzindustrie

In der Finanzindustrie hat der Einsatz von IT eine lange Geschichte. Einige wesentliche Meilensteine der frühen Fintech-Entwicklung im letzten Jahrhundert umfassen die Einführung des Geldautomaten im Jahr 1959 in Arlington, Ohio. In Europa wurde der erste Geldautomat 1967 durch die Barclays Bank in London installiert. 1971 wechselte die New Yorker Börse Nasdaq vom physischen zum elektronischen Wertpapierhandel. 1981 führten Citibank und Chase Manhattan das erste Home Banking ein. 1994 lancierte die Stanford Credit Union das erste Internet Banking. Nur fünf Jahre später folgte das erste Mobile Banking, dasjenige der norwegischen Fokus Bank.

Aber wie verliefen die Phasen der Fintech-Entwicklung in der Schweiz? Grundsätzlich lässt sich die Schweizer Fintech-Entwicklung in drei Phasen einteilen, wobei jede auf unterschiedliche Bereiche der Digitalisierung zielt:

  1. Interne Digitalisierung (Phase 1): Die erste Phase der Digitalisierung konzentrierte sich primär auf interne Prozesse wie etwa Zahlungstransaktionen oder das Portfoliomanagement. Den Ausgangspunkt nahm diese Entwicklung mit den ersten Telex-Transaktionen der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) im Jahr 1951 sowie der Inbetriebnahme der ersten Computer der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) und der SKA im Jahr 1956. In diesem Bereich fokussierten sich Banken und Versicherer auf die Automatisierung von Geschäftsprozessen wie beispielsweise im Zahlungsverkehr durch die Einführung des ersten Geldautomaten 1967 an der Zürcher Bahnhofstrasse durch die SBG oder die Einführung von CS-Firstphone, einer Lösung, die erstmals alle Basistransaktionen via Telefon anbot.
  2. Dienstleisterorientierte Digitalisierung (Phase 2): Die zweite Phase widmeten die Finanzdienstleister der Integration von Kernbankensystemen. Hierfür mussten sie Prozesse und Applikationsfunktionen standardisieren, die von Schweizer Standard-Kernbankensystem-Anbietern wie beispielsweise Avaloq im Jahr 1996, Finnova im Jahr 2003 oder Temenos im Jahr 2005 entwickelt und implementiert wurden.
    Zusätzlich fiel der Dotcom-Boom in diese Phase, in der verschiedenste Fintech-Innovationen im Bank- und Versicherungsbereich ihren Ursprung haben. Beispiele hierfür sind das erste Schweizer Internet Banking Direct Net der Credit Suisse aus dem Jahr 1997, das erste mobile WAP-Banking der UBS aus dem Jahr 2000 sowie die Lancierung von Swiss Lifes Redsafe.com im Jahr 2001.
  3. Kundenorientierte Digitalisierung (Phase 3): Diese dritte Phase an Fintech-Anwendungen entwickelt sich derzeit um Kundenprozesse herum, die die heutige produkt- und anbieterzentrierte Sicht zu einer kundenfokussierten Logik umkehren. Diese Phase ist charakterisiert durch die Adaption neuer IT-Entwicklungen wie etwa Social Media, Smartphones, Cloud Computing, Big Data, künstliche Intelligenz etc. Frühe Beispiele dieser Phase waren die Lancierung der Peer-to-Peer-Lending-Plattform Cashare im Jahr 2008, die Smartphone-App der PostFinance im Jahr 2010, die Online-Autoversicherungsplattform iDirect24.ch im Jahr 2012 oder die Blockchain-Plattform Ethereum im Jahr 2015. In dieser immer noch andauernden Phase entsteht derzeit eine Vielzahl an Fintech-Start-up-Unternehmen, die zusätzlich zu den etablierten Finanzdienstleistern innovative Lösungen anbieten.

Seit den ersten Schritten von Fintech in den Fünfzigerjahren hat sich der Schweizer Finanzplatz immer als Triebfeder oder früher Verfolger von Innovationen in der Finanzindustrie positioniert, nicht zuletzt weil das Land Heimat vieler Wissenschaftler und Unternehmer ist. Es ist erfreulich, dass sich mit diesem neuen Blog nun die Gelegenheit bietet, die besten Ideen für die Fintech-Zukunft zu positionieren und die Schweizer Fintech-Erfolgsgeschichte fortzuschreiben.

Alt R, Puschmann T (2016) Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution. SpringerGabler, Berlin/Heidelberg
Arner D, Barberis J, Buckley R (2015) The Evolution of Fintech: A new Post-Crisis Paradigm. Hong Kong & Sydney
Kutler J (1993) Citibank Is Shedding Individualistic Image. Am. Bank.
Tufano P (2003) Finanical Innovation. In: Constantinides GM, Harris M, R.M. Stulz (eds) Handbook of the Economics of Finance. Elsevier, Amsterdam, pp 307–335
Zavolokina L, Dolata M, Schwabe G (2016) FinTech – What’s in a Name? In: Proceedings of the 37th International Conference on Information Systems. Dublin

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