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Flexible Arbeit auf der Überholspur

Atypische Arbeitsformen schaffen zusätzlichen Freiraum – entweder für die Betriebe oder für die Angestellten. Ein Kommentar von David Dorn.

David Dorn
«Tatsächlich erreichen Uber-Fahrer einen ähnlichen Stundenlohn wie normale Taxifahrer.»

Seit Jahren sind sogenannt atypische Arbeitsformen wie beispielsweise Teilzeitarbeit oder befristete Anstellungen weltweit auf dem Vormarsch. Das traditionelle «Normalarbeitsverhältnis» mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag und Vollzeiterwerbstätigkeit bildet die Normalität des Arbeitsmarktes dagegen immer weniger ab.

Die Schweiz nimmt besonders in der Teilzeitarbeit eine Vorreiterrolle ein. Die Mehrheit der erwerbstätigen Frauen und immerhin fast 20% der Männer arbeiten Teilzeit, mit steigender Tendenz. Immer mehr Erwerbstätige in der Schweiz haben sogar gleich mehrere Teilzeitjobs.

Der Vormarsch der atypischen Arbeitsformen wird oft mit Besorgnis beobachtet. Teilzeitarbeit bringt ein niedrigeres Einkommen und verringert die Aufstiegschancen im Beruf, während befristete Anstellungen die Beschäftigungssicherheit in Frage stellen.

Besonders in Südeuropa gibt es nicht nur hohe Arbeitslosenraten, sondern auch viele atypisch Beschäftigte, die lieber eine unbefristete Vollzeitstelle hätten.

Doch die Schweiz liefert den Beleg dafür, dass neue und flexiblere Arbeitsformen nicht zwangsläufig mit einem Anwachsen des Prekariats einhergehen. Nur jede elfte  Teilzeitbeschäftigte wünscht sich hierzulande eine Vollzeitstelle, womit die Zufriedenheit mit dieser Erwerbsform höher ausfällt als überall sonst in Europa.

Hohes Lohnniveau begünstigt Teilzeit

Der Vormarsch der Teilzeitarbeit in der Schweiz ist vielmehr auf ein grosses Interesse der Erwerbstätigen an flexibleren Arbeitszeiten zurückzuführen. Ein Elternpaar mit zwei Teilzeitjobs teilt sich Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung gleichmässig auf, eine Studentin finanziert ihr Studium mit einer Forschungsassistenz, und ein Teilzeitbuchhalter wird abends zum Tanzlehrer.

Ermöglicht wird die Popularität der Teilzeitarbeit durch das relativ hohe Lohnniveau der Schweiz. Der mittlere Lohn einer Vollzeitstelle entspricht dem Zweieinhalbfachen des Existenzminimums für einen Einpersonenhaushalt. Dementsprechend genügt oft schon eine Teilzeitstelle, um die Lebenskosten ausreichend abzudecken.

Das weltweite Wachstum der atypischen Arbeitsformen ist eng verbunden mit dem strukturellen Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie. Die industrielle Fertigung in der Fabrik erforderte die gleichzeitige Präsenz vieler Arbeiter, um alle Arbeitsstationen zu besetzen und den Produktionsfluss im Gang zu halten.

Bei Dienstleistungen schwankt dagegen der Arbeitsbedarf der Unternehmen häufig über Monate, Wochentage und Tageszeiten hinweg. So verändert sich etwa im Supermarkt die Zahl der Kunden je nach Tag und Uhrzeit, weshalb Teilzeitstellen geschaffen werden, die den zusätzlichen Arbeitsbedarf zu Spitzenzeiten abdecken.

Zu den etablierten Formen der atypischen Arbeit wie Teilzeit ist in den letzten Jahren ein neues, hyperflexibles Arbeitsmodell hinzugekommen, dessen bekanntestes Beispiel der Transportdienstleister Uber ist.

Uber hat eine  Smartphone-App entwickelt, die Fahrgäste mit Autofahrern verbindet, die gegen Bezahlung Personentransporte anbieten. Der Fahrtpreis wird direkt über die App vom Gast an den Fahrer überwiesen, wobei Uber für die Vermittlungsleistung eine Provision einbehält.

In der Schweiz ist die Verbreitung von Uber eingeschränkt, da gewinnorientierte Personentransporte nur von professionellen Fahrern durchgeführt werden dürfen, die eine besondere Fahrprüfung absolviert und einen Fahrtenschreiber installiert haben.

In den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern kann jedoch jeder zum Fahrer werden, der über ein gepflegtes Auto und einen guten Leumund verfügt. Ein registrierter Fahrer geht keine Verpflichtung zu einem bestimmten Arbeitsumfang oder zu festgelegten Arbeitszeiten ein. Er kann stattdessen völlig frei wählen, wann er sich auf der Smartphone-App anmelden und Fahrdienste anbieten möchte.

Dieses neuartige Arbeitsverhältnis ist derart atypisch, dass juristisch umstritten ist, ob es sich um eine selbständige Erwerbstätigkeit oder um ein Angestelltenverhältnis handelt.

Auf Neuland

Auf alle Fälle hat sich die neue Arbeitsform jedoch in Kürze zu einem viel beachteten Studienobjekt der Arbeitsmarktökonomik entwickelt. Ein bekannter Professor der Eliteuniversität MIT ist sogar gleich selbst zum Uber-Fahrer geworden.

Er und andere Kollegen haben nun wissenschaftliche Studien veröffentlicht, die untersuchen, wie mit einer äusserst flexiblen Gestaltung der Arbeitszeiten und der Möglichkeit zu spontanen Kurzeinsätzen Neuland beschritten wird.

Tatsächlich fallen die Uber-Fahrer durch eine extreme Fluktuation ihrer selbst gewählten Einsatzzeiten auf: Fast die Hälfte der Fahrer verdoppelt oder halbiert die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden von einer Woche auf die nächste. Viele Fahrer schätzen auch die Freiheit, nach jeder geleisteten Fahrt den Arbeitstag spontan beenden zu können.

Diese Flexibilität ist unüblich im traditionellen Taxigewerbe der USA. Dort vermieten die Inhaber von Taxilizenzen ihre Autos tagesweise für einen Fixpreis an die Fahrer, die anschliessend den ganzen Tag über fahren und die vollen Fahrtpreise einbehalten.

Ein solches Bezahlungssystem wurde auch von Uber experimentell  erprobt, aber es fand wenig Anklang selbst bei Fahrern, die normalerweise den ganzen Tag über unterwegs sind. Das alternative System hätte ihnen zwar ein höheres Einkommen gebracht, aber die Flexibilität genommen, den Arbeitseinsatz jederzeit abzubrechen.

Tatsächlich erreichen Uber-Fahrer einen ähnlichen Stundenlohn wie normale Taxifahrer, wenn man von den Fahrtpreisen die Provision von Uber und die Kosten für den Unterhalt der Autos abzieht. Der flexible Job des Uber-Fahrers zieht jedoch andere Erwerbstätige an als das traditionelle Taxigewerbe.

Uber-Fahrer sind deutlich jünger, und die meisten von ihnen besitzen einen Studienabschluss. Für viele von ihnen dürften der unkomplizierte Zugang zum Uber-Job und die Möglichkeit zur flexiblen Zeiteinteilung wichtigere Gründe für die Wahl dieser Erwerbstätigkeit sein als die Lohnhöhe.

Nachfrage nach Flexibilität wächst

Während das Taxigewerbe fest in Männerhand ist, sitzt in immerhin jedem vierten Uber-Auto eine Frau am Steuer. Die Frauen absolvieren jedoch deutlich weniger Fahrten pro Woche als die männlichen Kollegen.

Das liegt wohl auch daran, dass sie weiterhin einen grossen Teil der Betreuungsaufgaben in der Familie übernehmen, womit bei ihnen die Nachfrage nach zeitlicher Flexibilität besonders gross ist.

Dieser Befund bedeutet jedoch nicht, dass eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten immer im Interesse der Arbeitnehmer ist. 5% aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten auf Abruf, womit der Arbeitgeber die Flexibilität hat, den Zeitplan der Angestellten kurzfristig an den aktuellen Arbeitsbedarf anzupassen.

Viele Erwerbstätige haben jedoch wenig Freude an einem schwer voraussagbaren und verpflichtenden Arbeitsplan. Sie sind bereit zu einem deutlichen Lohnverzicht  für einen besser planbaren Job, der sie nicht zu gelegentlichen Abend- oder Wochenendeinsätzen zwingt.

Bei der Beurteilung von flexiblen Arbeitsformen gilt es also zu berücksichtigen, ob die Flexibilität primär den Unternehmen oder den Angestellten zusätzlichen Handlungsspielraum einräumt.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es wünschenswert, wenn ein Arbeitsmarkt vielfältige Arbeitsformen zulässt. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass sowohl aufseiten der Unternehmen als auch aufseiten der Erwerbstätigen eine wachsende Nachfrage nach flexiblen Arbeitsverhältnissen besteht.

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