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Flop mit Alzheimer-Mittel kostet Biogen-Chef den Job

Aduhelm sollte Biogen Milliarden einbringen, doch es wurde ein teurer Reinfall. Nun muss Konzernchef Michel Vounatsos gehen.

Holger Alich und Anke Fossgreen

Die Hoffnungen waren gross, doch der US-Konzern Biogen erlebte mit seinem Alzheimer-Mittel Aduhelm ein Desaster: Nun zieht Biogen die Konsequenzen und feuert Konzernchef Michel Vountatsos. Fünf Jahre hatte er das Biotechunternehmen geleitet.

Ferner teilte Biogen mit, dass das Unternehmen seine Vertriebsausgaben für das Alzheimer-Mittel «im Wesentlichen einstellen» werde. Dieser Schritt ist in so einer frühen Phase des Mittels höchst ungewöhnlich, denn Biogen hatte erst vor 10 Monaten die US-Zulassung für Aduhelm bekommen. Letztlich gibt Biogen Aduhelm damit de facto auf.

Für Millionen Menschen mit der Alzheimerkrankheit sind die Vorgänge eine grosse Enttäuschung, denn gegen den fortschreitenden Gedächtnisverlust gibt es bislang keine wirksame Therapie. Die wenigen zugelassenen Wirkstoffe bekämpfen lediglich Symptome der Alzheimerkrankheit. Aduhelm sollte das erste zugelassene Medikament werden, das die Ursache bekämpft, die krankhaften Ablagerungen im Gehirn der Betroffenen – und diese Entwicklung stammt aus der Schweiz.

So ist nun das Debakel von Aduhelm auch ein herber Rückschlag für die Firma Neurimmune aus Schlieren, die als Spin-off der Universität Zürich durch Roger Nitsch, Christoph Hock und den Neurowissenschaftler Jan Grimm gegründet wurde. Die Mediziner und Hirnforscher Nitsch und Hock sind die Väter des Alzheimer-Wirkstoffs. Sie haben die Substanz vor über 20 Jahren an der Universität Zürich zusammen mit ihren Teams entwickelt. Seit 2007 hält das US-Pharmaunternehmen Biogen die alleinige Lizenz an Aduhelm. Die Universität Zürich sowie Neurimmune sollten an den Umsätzen von Aduhelm beteiligt werden. Laut früheren Angaben von Biogen war geplant, dass das Schweizer Spin-off eine Umsatzbeteiligung von 8% bis 12% bekommt. Die Universität Zürich sollte um die 2% bekommen. Nun wird aus dem erhofften Millionensegen nichts.

Bereits die Zulassung von Aduhelm in den USA war umstritten. Die Grundlage dafür waren zwei Studien, die jedoch zunächst gestoppt worden waren. Eine Zwischenauswertung im Jahr 2019 hatte keinen Unterschied gefunden zwischen den Patienten, die den Wirkstoff, und denen, die eine Scheinsubstanz bekommen hatten. Die kognitiven Fähigkeiten beider Gruppen unterschieden sich kaum.

Ungewöhnlich war, dass Biogen weitere Daten erhob, dann bei einer der beiden Studien tatsächlich einen Effekt fand und diese Ergebnisse der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA mit dem Zulassungsantrag vorlegte. Nicht nur dieses Vorgehen war aussergewöhnlich, auch die Ergebnisse wurden von Forscherinnen und Forschern als zu wenig überzeugend kritisiert.

Später enthüllte das angesehene US-Newsportal «Stat», dass es unerlaubte Absprachen zwischen Mitarbeitern von Biogen und der US-Zulassungsbehörde FDA gegeben habe und letztlich ein Sonderverfahren, dank dem Aduhelm auf den US-Markt kam. Wie genau Aduhelm an die Zulassung kam, ist nun Gegenstand von offiziellen Untersuchungen in den USA.

Zulassung in Europa verweigert

Als Reaktion auf die Enthüllung hatte die FDA nachträglich die Zulassung abgeändert. Zuvor war das Medikament für alle Alzheimerpatienten zugelassen worden, obwohl in den Studien nur Betroffene mit frühen Formen der Krankheit eingeschlossen waren. Fortan war Aduhelm nur noch für diese Patienten in einem frühen Stadium der Alzheimerkrankheit erhältlich – eine erste empfindliche Einschränkung für Biogen.

Es kam noch dicker: Ende vergangenen Jahres verweigerte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) Aduhelm komplett die Zulassung. Biogen legte zwar noch einen Antrag auf eine erneute Prüfung vor, zog aber am 20. April 2022 den Zulassungsantrag zurück.

In der Schweiz ist hingegen über Aduhelm noch kein Urteil gefällt. Vor einem Jahr hat Biogen auch hierzulande bei der zuständigen Behörde Swissmedic einen Zulassungsantrag gestellt. Das Verfahren ist noch hängig.

Doch der Vertrauensschaden war nicht mehr wettzumachen. In den USA, dem grössten Pharmamarkt der Welt, zögerten Ärzte, das teure Mittel zu verschreiben. Ende vergangenen Jahres halbierte Biogen dann den Abgabepreis von 56’000 Dollar auf 28’200 Dollar, die Behandlungskosten pro Patient für ein Jahr.

Es half nichts: Im vergangenen Jahr erzielte Biogen nur 1,3 Mio. $ mit Aduhelm, im ersten Quartal 2022 waren es 2,8 Mio. $. Im vergangenen Monat entschied die staatliche US-Krankenversicherung Medicare, für Alzheimer-Mittel wie Aduhelm nur dann die Kosten zu übernehmen, wenn das Mittel im Rahmen einer klinischen Studie eingesetzt wird.

In der Schweiz verbanden sich auch Jobhoffnungen mit Aduhelm. Denn im solothurnischen Luterbach hat Biogen eine 1,5 Mrd. Fr. teure Produktionsanlage aufgebaut. Diese sollte das US-Werk in North Carolina bei der Produktion von Aduhelm unterstützten. Biogen will aber auch andere Medikamente in Luterbach fertigen.

Biogen hat 16 Jahre in die Entwicklung von Aduhelm investiert. Das Mittel sollte dem Unternehmen, das sich auf Medikamente für neurologische Krankheiten wie multiple Sklerose oder spinale Muskelatrophie (SMA) spezialisiert hat, neuen Schwung geben. Stattdessen bescherte es Biogen nun einen Imageschaden. Seit der US-Zulassung von Aduhelm hat Biogen rund die Hälfte seines Börsenwertes verloren.

Anfang des Jahres kündigte Biogen daher einen Kürzungsplan an, mit dem das Unternehmen 500 Mio. $einsparen will. Rund 1000 Mitarbeitende sollen ihren Job verlieren. Mit dem Stopp der Marketingkosten für Aduhelm will Biogen nun weitere 500 Mio. $ einsparen.

Dieser Artikel stammt aus dem Tages-Anzeiger, weitere Artikel finden Sie unter www.tagesanzeiger.ch