Meinungen

Flüchtlinge als Wirtschaftsfaktor

Asylsuchende stammen häufig nicht aus bildungsfernen Schichten. Demografisch bedrängte europäische Staaten täten gut daran, das Potenzial dieser Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen. Ein Kommentar von Roland Berger.

Roland Berger
«Die Akademikerquote unter Flüchtlingen wesentlicher Regionen ist signifikant.»

Deutschland ist im vergangenen Jahrzehnt der Turnaround vom «kranken Mann Europas» zur Wachstumslokomotive der Europäischen Union gelungen. Wie? Erstens konnten Deutschlands hoch wettbewerbsfähige und technologisch innovative Unternehmen durch jahrzehntelange Investitionen im Ausland und durch ihren starken «Global Footprint» regionale Schwankungen ausgleichen. Zweitens haben die wirtschaftspolitischen Reformen der Regierung Schröder den Boden für neues Wachstum bereitet. Deutschland hat bewiesen, dass es, notfalls spät, aber wirksam, wirtschaftliche Herausforderungen bewältigt. Nun besteht neuer Reformbedarf.

Die demografische Entwicklung stellt Deutschland mit seiner schrumpfenden und alternden Bevölkerung zunehmend drängend vor neue Probleme. Laut Statistischem Bundesamt wird der erwerbsfähige Teil der Bevölkerung, die 20- bis 64-Jährigen, ab 2020 deutlich zurückgehen. Bis 2060 wird dieser Teil um bis zu 30% schrumpfen. 2060 wird jeder dritte Mensch in Deutschland über 64 Jahre alt sein, die Zahl derer über 80 Jahre wird sich verdoppeln. Diese Entwicklung wird sich vehement auf Wirtschaft und Beschäftigung auswirken. Die Ausgaben für die Sozialsysteme werden sich bis 2060 nahezu verdoppeln, um 497 Mrd. € auf etwa 1 Bio. € Euro im Jahr. Sie belasten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Produktivität steigern reicht nicht

Was kann Deutschland tun, um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Wohlstand zu erhalten? Erstens muss die deutsche Wirtschaft ihre Produktivität weiter erhöhen: Dafür bedarf es Investitionen in das Bildungssystem; zudem gilt es, die Chancen der digitalen Transformation zu nutzen. Dazu muss in die digitale Infrastruktur investiert, die digitale Reife der Unternehmen im Land gesteigert und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene forciert werden, zum Beispiel um gemeinsame Standards für das Datenmanagement zu schaffen. Die Digitalisierung  erweitert die Leistungsfähigkeit von Maschinen und Werkstücken, wodurch weniger Menschen mehr produzieren können.

Produktivitätssteigerung allein wird jedoch nicht ausreichen, um die deutsche Wirtschaftskraft zu erhalten. Daher gilt es, zweitens, die Zahl der Arbeitskräfte im Land zu erhöhen. Das geht einerseits über die Familienpolitik, das heisst die Geburtenzahl. Ein weiterer Faktor ist Zuwanderung. Um die Bevölkerungszahl bis 2060 stabil zu halten, müssten, bei einer Fertilitätsrate von 1,4 Kindern pro Frau, jährlich 400 000 Menschen mehr ein- als auswandern. Mit 428 000 im Jahr 2013 und mindestens 470 000 Nettozuzügen im Jahr 2014 lag diese Zahl zuletzt über dieser Quote.

Dieser Zuwanderungsgewinn geht aber, ausser auf Flüchtlinge aus globalen Krisenregionen, vor allem auf die Krisen in den südlichen EU-Ländern sowie die Ausweitung der Freizügigkeit für Bürger in Osteuropa zurück. Sobald sich die Volkswirtschaften in Südeuropa erholen, werden diese Zahlen wieder sinken und die meisten Migranten aus der Region in die Heimat zurückkehren.

Wesentlich schwerer als der reine Bevölkerungsverlust wiegt für Deutschlands Wirtschaft und Sozialsysteme die sinkende Zahl an Menschen im erwerbsfähigen Alter. Laut Statistischem Bundesamt könnte sie bis 2060 von 53 Mio. auf bis zu 31 Mio. sinken – wobei Deutschland bereits heute unter einem Mangel an qualifizierten Fachkräften leidet. Neben Arbeitskräften mit Hochschulabschluss fehlen zunehmend Mitarbeiter aus Ausbildungsberufen wie Installationstechniker oder Krankenpfleger. Mehr als hundert Tage bleiben entsprechende Stellen derzeit unbesetzt, durchschnittlich bleiben Stellen etwa achtzig Tage frei. 2004 und 2005 betrug dieser Durchschnitt noch weniger als fünfzig Tage.

Deutschland muss deshalb die Zuwanderung fördern. Mit Blick auf die Einwanderungspolitik sind wir dabei übrigens schon auf gutem Weg: Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat in einer umfassenden Studie Deutschland mit anderen Einwanderungsländern – inklusive der klassischen wie der USA und Kanadas – verglichen. Fazit: Dank vieler Reformen reiht sich Deutschland bereits in die Riege fortschrittlicher Einwanderungsländer ein. Die Einführung eines Visums zur Arbeitsplatzsuche für qualifizierte Fachkräfte, die kürzeren Mindestaufenthaltszeiten für Halter einer Blue Card und die weitere Öffnung des Arbeitsmarktes für nichtakademische Fachkräfte sind grosse Fortschritte.

Flüchtlinge – Pflicht und Chance

Handlungsbedarf besteht hingegen noch in der Migrationspolitik mit Blick auf bei uns eintreffende Flüchtlinge. Etwa 200 000 Menschen kamen auf der Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung und wirtschaftlichem Elend im vergangenen Jahr zu uns und stellten einen Antrag auf Asyl. Dieser Flüchtlingsstrom dürfte kaum nachlassen: Bis April 2015 haben schon mehr als 100 000 Personen Asyl beantragt. Neben der humanitären Verpflichtung, diesen Menschen zu helfen, gilt es zu bedenken, welche Chancen dieser Zustrom für den Arbeitsmarkt bietet und wie sie effizient realisiert werden können.

Denn bei vielen Migranten, zumal aus dem Nahen Osten und Afrika, handelt es sich um Menschen aus der «Mitte der Gesellschaft» – eben nicht um Angehörige bildungsferner Schichten. Die Akademikerquote unter ihnen ist fast doppelt so hoch wie diejenige der deutschen Bevölkerung, wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ermittelt hat. Gerade afrikanischen Migranten fällt es aber schwer, ihren teils guten Bildungsstand erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt einzubringen. Wie bei Migranten aus dem Nahen Osten sind rund 20% dieser Bevölkerungsgruppe arbeitslos, was deutlich über dem Bundesschnitt liegt.

Hier besteht dringender Handlungsbedarf, etwa bei den langen Entscheidungsprozessen für Aufenthaltserlaubnisse sowie bei zusätzlichen Qualifizierungsmassnahmen, allen voran dem Unterricht in deutscher Sprache. Auch müssen ausländische Abschlüsse rascher anerkannt werden. Dann können mehr dieser Menschen einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beitrag zum Wohlstand unserer Gesellschaft leisten und fallen nicht den Sozialsystemen zur Last – ganz zu schweigen vom Gewinn für ihr persönliches Leben.

«Wir vergeuden Talente!»

Deutschlands Wirtschaft weist bereits vehement auf dieses Potenzial hin. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert deshalb völlig zu Recht, Asylsuchenden spätestens ab dem sechsten Monat und nach Erteilung der Duldung ohne Vorrangprüfung zu erlauben, erwerbstätig zu sein. Auch Christine Hohmann-Dennhardt, die im Vorstand von Daimler (DAI 82.37 +0.51%) für Integrität und Recht zuständig ist, fordert lockerere Regelungen bei der Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge. Sie macht sich zudem für ein Bleiberecht während der Ausbildung stark. Achim Dercks, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, schlägt zudem vor, jungen geduldeten Flüchtlingen im Anschluss an ihre Ausbildung eine zweijährige Arbeitserlaubnis zu erteilen. Und Herwarth Brune, Deutschlandchef des Zeitarbeitsunternehmens Manpower, bringt es auf den Punkt: «Wir vergeuden Talente!»

Die Roland Berger Stiftung setzt sich seit Beginn dieses Jahres mit einem speziellen Förderprogramm für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein. Diese jungen Menschen zeigen uns täglich ihre beeindruckende Willenskraft und Lernbereitschaft. Es muss uns gelingen, sie zu ihrem wie zu unserem Wohl sinnvoll und nutzbringend in unsere Gesellschaft zu integrieren.