Unternehmen / Schweiz

Fondsanleger als Objekt der Forscher

Von Nelly Hasler

Trotz des durch starke Börsenschwankungen geprägten Marktumfelds ist im Jahr 2000 das schweizerische Fondsgeschäft kräftig gewachsen. Die in der Schweiz zum öffentlichen Vertrieb zugelassenen Fonds haben von 2113 auf 2571 Einheiten kräftig zugenommen. Es wurden 399 Fonds neu aufgelegt, 23 liquidiert oder mit anderen zusammengelegt. Die zum Vertrieb zugelassenen ausländischen Anlagefonds verzeichneten mit 493 Einheiten den höchsten bisher je erreichten Zuwachs, der vor allem auf ausländische Anbieter zurückzuführen ist.

468 Mrd. Fr. in Fonds

Das Gesamtvermögen erhöhte sich um 8,7% auf 467,7 Mrd. Fr. Dabei ist bemerkenswert, dass die Fondsinvestoren ihre Anlageentscheide weitgehend unabhängig von den Marktschwankungen treffen. Besonders beliebt sind Anlagestrategiefonds, während Geldmarktfonds erneut einen Mittelabfluss verzeichneten. Das höhere Zinsniveau hatte auch für die Obligationenfonds leicht steigende Zuflüsse zur Folge. Vom boomenden Fondsgeschäft profitier- te auch die Swiss Funds Association SFA als Branchenverband. Ende 2000 zählte er 64 Mitglieder, wovon 39 Fondsleitungen schweizerischer Anlagefonds, 18 Vertreter ausländischer Anlagefonds, zwei Depotbanken und fünf Passivmitglieder.
Das Schwergewicht der Verbandstätigkeit lag im Berichtsjahr in der Mitwirkung an der Vorbereitung von Gesetzesrevisionen, der Teilrevision der Anlagefondsverordnung AFV sowie einer Totalrevision der AFV der Eidg. Bankenkommission, die voraussichtlich am 1.April 2001 in Kraft tritt.Die neuen rechtlichen Grundlagen ermöglichen den einzelnen Fondsleitungen eine verstärkte Flexibilität und damit verbunden eine deutlich höhere Eigenverantwortung.
Die neuen Bestimmungen verstärken auch die Unabhängigkeit der Fondsleitung, indem die enge Anbindung des Fondsmanagements an die Depotbanken gelockert wird. Die vertragliche Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen Depotbank und Fondsleitung stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar, zu deren Lösung der Verband mit Checklisten zu Verträgen und Richtlinien Hilfe leisten wird.

Neue Richtlinien

Einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Integrität des inländischen Fondsgeschäfts bilden die im vergangenen Jahr erlassenen Verhaltensregeln für die schweizerische Fondswirtschaft. In die gleiche Richtung zielen auch die Richtlinien für die Berechnung des Inventarwerts von Immobilienfonds sowie die Richtlinien für den Fondsvertrieb, wobei mit Blick auf die unterschiedliche Funktion von Fondsleitung, Vertreter ausländischer Fonds und Vertriebsträger die Massnahmen abgestuft werden mussten. Die Teilrevision der Anlagefondsverordnung erfordert auch den Erlass eines neuen Musterprospekts mit integriertem Musterreglement für einen schweizerischen Effektenfonds durch die SFA Swiss Funds Association.
Im Mittelpunkt der Verbandstagung 2001 (Generalversammlung) in Bern stand das Referat von Prof. Klaus Spremann vom Bankinstitut der Universität St. Gallen: «Marketing-Organisation und Marketing-Kosten bei Anlagefonds». Ein erfolgreiches Marketing hat gemäss Spremann drei Ziele: Fondsvermögen, Mittelzuflüsse und Performance. Auf ausländischen Märkten sind zu diesem Problemkreis verschiedene Untersuchungen vorgenommen worden.
Was aufmerksame Fondsanleger schon längst selbst bemerkt haben, wird auch durch die Wissenschaft bestätigt. Nur wenige Fonds können den Index schlagen. Es leuchtet ein, dass gut performende Fonds sich hoher Mittelzuflüsse erfreuen können. Erstaunlich ist hingegen, dass schlecht abschneidende Fonds nur unter geringen Mittelabflüssen zu leiden haben. Auf den Mittelzufluss wirken ausser der Fondsperformance auch andere Grössen ein: Geringere Gebühren, die Grösse der Gesellschaft und eine hohe Medienpräsenz haben Auswirkungen.
Die Kundeneinstellung war ebenfalls Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung. Diese zeigte, dass die Käufer von Anlagefonds in erstaunlich hohem Masse naiv und uninformiert sind, kennen sie doch weder Anlageschwerpunkte noch Anlagestil (aktiv/passiv). Auch über Alternativanlagen wissen sie wenig. Zufriedenheit und Retention der Fondssparer hängen weitgehend von interpersonellen Kontakten ab.

Bastler und Smarties

Die erwähnten Merkmale haben jedoch nicht für alle Kunden dieselbe Bedeutung. Spremann unterscheidet fünf Kundensegmente: Schalterkunden lassen sich gerne beraten und achten wenig auf Gebühren. Auch Investoren, die ihren Kaufentscheid auf Anzeigen bzw. auf Performance-Listen abstellen, sind nicht sehr kostenbewusst.
Kostenbewusste Anleger bezeichnet Prof. Spremann als Bastler (sie hängen am Internet). Ein letztes Segment, die so genannten Smarties, verfügt selbst über Fachwissen und achtet auf das Leistungsbündel. Auch für die Smarties ist die Gebührenhöhe weniger wichtig.
Die geringe Bedeutung der Gebühren und die ungenügende Gebührentransparenz haben auch Konsequenzen für den Wettbewerb, wird doch dadurch weitgehend ein Verdrängungswettbewerb im Fondsgeschäft verhindert. Anlagefonds und E-Banking betrachtet Spremann nicht als Alternativen, weil Electronic banking und Discount brokerage nur für ein enges Kundensegment attraktiv sind. Das Internet biete dagegen eine von vielen Investoren geschätzte Ergänzung, die im Bündel mit den Anlagefonds kombiniert werden sollte. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?