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Fondsmanager haben Glauben an Value verloren

Professionelle Investoren trauen sich langsam in Aktien zurück – obwohl jeglicher Optimismus fehlt.

Alexander Trentin

Der amerikanische Leitindex S&P 500 (SP500 3094.21 0.23%) hat erstmals die Marke von 3000 übersprungen. Doch Fondsmanager trauen dem Boom an den Aktienmärkten nicht wirklich. Das zeigt die aktuelle monatliche Umfrage von Bank of America (BAC 33.2 0.06%) Merrill Lynch (BofA ML) unter den professionellen Investoren.

Gegenüber dem historischen Durchschnitt halten die befragten Profis einen sehr hohen Cash-Bestand. Und trotz extrem niedrigen Renditen sind Anleihen in den Portfolios übergewichtet.

Aber ganz risikoscheu sind die Fondsmanager offensichtlich nicht. So sind Aktien aus den Sektoren zyklischer Konsum (Discretionary) und Basiskonsum (Staples) stark übergewichtet. Auch US-Titel bleiben trotz der Rally der vergangenen Monate für die befragten Investoren ein Kauf.

Dagegen sind Aktien insgesamt in den Portfolios untergewichtet. Und die sehr zyklischen Sektoren Grundstoffe (Materials) und Energie sind unbeliebt.

Im Vergleich zur Juni-Umfrage trauen sich die Fondsmanager eher, auf Risiko zu setzen – die weiterhin steigenden Kurse lassen wohl FOMO (Fear of Missing out) aufkommen. Die befragten Profis haben Anleihen und die defensiven Aktien wie kotierte Immobilienfonds (REIT), Versorger und Basiskonsumgüter abgebaut. Dagegen haben sie Aktien insgesamt, Titel der Eurozone und Industrievaloren aufgebaut.

Die Sorgen um die Konjunktur verhindern aber jede Euphorie. Per saldo glauben 70%, dass  die Eintrübung der Konjunktur für die Stabilität des Finanzmarktes ein Risiko darstellt. So viele waren es seit acht Jahren nicht mehr.

Für die nächsten zwölf Monate erwartet eine Mehrheit der Befragten eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums.

Und der Anteil derjenigen, die eine höhere Inflation erwarten, ist nun nur noch so gross wie der Anteil derer, die eine rückgängige Teuerung kommen sehen. Damit ist die Überzeugung unter den professionellen Investoren, dass die Inflation steigen wird, so schwach wie zuletzt vor sieben Jahren. Noch Mitte 2018 glaubte eine Mehrheit von 80%, dass die Teuerung steigen wird.

An den Märkten hat sich ein Konsens zur wirtschaftlichen Lage gebildet: 90% der Befragten glauben, dass sich die Konjunktur in einer späten Phase des Zyklus befindet. Die nächste Stufe wäre also eine Rezession. Immerhin nimmt niemand an, dass die Rezession schon still und leise angekommen ist.

Angesichts der schlechten Wirtschaftsaussichten wünschen sich die Fondsmanager mehr Engagement von der Politik – dass also Staatsausgaben eingesetzt werden, um die Konjunktur zu stützen. Eine Mehrheit von 20 Prozentpunkten erklärt, die Fiskalpolitik sei nicht locker genug. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten war der Anteil der Verfechter von lockereren Staatsausgaben immer weiter gefallen. Doch seit Ende 2018 verstärkt sich die Überzeugung der Fondsmanager, dass die Konjunktur mehr Stimulus benötigt.

Läuft die Wirtschaft schlecht, werden auch die Zinsen nicht steigen. Auf die Frage, ob die langlaufenden US-Staatsanleihen in einem Jahr höher oder gleich rentieren werden wie heute, antwortet nur noch eine knappe Mehrheit mit Ja. Vor einem Jahr dachten praktisch alle, dass die Renditen auf zwölf Monate hinaus steigen würden.

Tatsächlich wird die wachsende Aussicht auf noch weiter sinkende Zinsen den Fondsmanagern schon unheimlich. Zum zweiten Mal in Folge gaben sie an, dass US-Staatsanleihen «the most overcrowded trade» darstellen – also die von Anlegern in übertriebenem Mass eingesetzte Strategie.

Die Fondsmanager haben die hohen Bewertungen an den Aktienmärkten anscheinend resigniert akzeptiert. Eine Mehrheit der Befragten glaubt nicht mehr, dass man mit der Auswahl von günstigen Titeln besser abschneiden wird. Das war Anfang Jahr noch anders. Damals sagte eine Mehrheit mit einem Saldo von 40 Prozentpunkten, dass Value-Aktien besser als Growth-Titel rentieren werden. Der Grund liegt gemäss den BofA-Analysten in «extrem pessimistischen Inflations- und Wachstumserwartungen».

Die Bedrohungslage an den Märkten hat sich mit dem trüberen Wirtschaftsausblick gewandelt. Im Juni war das mit Abstand am häufigsten genannte Extremrisiko (Tail Risk) eine Eskalation des Handelskriegs. 60% der Befragten hatten davor Angst.

Mit dem vereinbarten Burgfrieden hat der Handelsstreit an Bedrohung verloren. Die Unfähigkeit der Geldpolitik, die Konjunktur zu stützen (Monetary Policy Impotence), hat den Handelskrieg als grösstes Risiko abgelöst. Danach folgt eine Verlangsamung des chinesischen Wachstums. Neu unter den häufig genannten Extremrisiken ist in diesem Monat eine Blase am Anleihenmarkt.

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