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Frankreich und Italien: ungleiche Patienten

Die Konjunkturindikatoren im zweit- und im drittgrössten Euromitglied enttäuschen erneut. Die Symptome der Wachstumsflaute sind oft unterschiedlicher Natur.

Es geht einfach nicht vorwärts. Die Konjunktur in Frankreich und in Italien kommt nicht vom Fleck. Das französische statistische Amt Insee meldete am Dienstag, dass das Geschäftsklima im September unverändert geblieben ist, unverändert schlecht. Fast alle Indikatoren liegen unter dem langfristigen Mittel. Immerhin die Produktionserwartungen sind leicht höher ausgefallen. Aber dafür hat sich die Einschätzung zu den Auslandbestellungen verschlechtert. In Italien äusserte sich die Statistikbehörde Istat am Montag ähnlich verhalten: Der Umsatz in der Industrie ist im Juli um 1% gegenüber dem Vormonat gesunken. Er liegt damit wieder auf dem Stand von Oktober 2013.

Der Einkaufsmanagerindex Flash PMI legte am Dienstag offen, dass inzwischen alle Sektoren der französischen Privatwirtschaft mit einer rückläufigen Wertschöpfung kämpfen. Im September schwächte er sich bei den Dienstleistungen auf 49,4 ab. Die Industrie verbesserte sich zwar, aber der Steigerung ging bereits bei 48,8 der Sauerstoff aus. Die Wachstumsschwelle des PMI liegt indes auf 50. Frankreichs Unternehmenswelt ist geteilt: Nur der  Energie- und Versorgersektor verzeichnet ein Produktionswachstum, die übrige Industrie schrumpft.

Frankreichs Exportproblem

Seit drei Jahren stagniert Frankreichs Wirtschaft nun schon. Ebenso lange befindet sich Italien in einer Rezession. Die meisten konjunkturellen Eckdaten der beiden Länder ähneln sich, aber es gibt auch Unterschiede. In Frankreich verhinderten bisher der Konsum und staatliche Ausgaben das Schlimmste. Investiert wird nicht, und vom Ausfuhrgeschäft kommen keine Impulse. In Italien verhält es sich etwas anders: Der einzige Lichtblick ist das Exportgeschäft. Hier erzielen Italiens Unternehmen weiterhin kleine Verkaufssteigerungen, während die Konkurrenz in Frankreich kontinuierlich Marktanteile verliert.

Italiens Konjunktur leidet vor allem an der katastrophalen Einkommensentwicklung. Zwei Rezessionen in sechs Jahren, substanzielle Steuer- und Abgabenerhöhungen durch die vergangenen Regierungen sowie der weitreichende Abbau von Arbeitsplätzen haben die Budgets der Privathaushalte zusammengestrichen. Die verfügbaren Einkommen sind signifikant gesunken. Sie liegen nominal und real unter dem Niveau des Jahres 2008. Eine Besserung lässt auf sich warten. Die Regierung plant eine Steuersenkung für Haushalte mit einem jährlichen Einkommen bis 26 000 €. Aber die Binnennachfrage stockt. Der Detailhandelsumsatz gibt nach und mit ihm die Konsumentenpreise. Seit diesem Sommer liegen sie unter dem Vorjahresniveau. Zusätzlich zur zurückgekehrten Rezession ist das Land somit auch in eine Deflation gerutscht.

Frankreich ist von diesem unerfreulichen Abschwungszenario der Binnennachfrage weiter entfernt. Dank einer im Vergleich dazu günstigeren Entwicklung am Arbeitsmarkt und, damit verbunden, der verfügbaren Einkommen, die in den vergangenen Jahren zulegten. Der Detailhandel verzeichnet leichte Umsatzsteigerungen. Aber von der Lage Deutschlands trennen Frankreich mittlerweile Welten.

Italien im Inland verschuldet

Das zeigt sich auch bei der finanziellen Position. Der Abstand zu Kerneuropa hat sich vergrössert. Abgesehen vom Schuldenberg des Staates ist Italien nicht in allen Aspekten finanziell stärker exponiert als Frankreich. Die Privathaushalte und die Unternehmen sind insgesamt weniger verschuldet. Italiens Gläubiger sitzen zudem mehrheitlich im Inland, in Frankreich hingegen im Ausland. 64% der französischen Verbindlichkeiten halten internationale Gläubiger, aber nur 37% der italienischen Schulden, was die Anfälligkeit für internationale Schockreaktionen tendenziell dämpfen sollte. Italien fährt im Übrigen Überschüsse in seiner Leistungsbilanz ein, Frankreich hingegen Defizite.

Ähnlich steht es um die Wirtschaftspolitik. Nur auf den ersten Blick scheinen die Regierungschefs in beiden Ländern vor den gleichen Herausforderungen zu stehen. Staatspräsident Hollande teilte letzte Woche der Presse mit, er werde fortan dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigungslage zu verbessern, Vorrang einräumen vor einer forcierten Sanierung der Staatsfinanzen. Frankreich hat bereits ausgehandelt, den Defizitabbau zwei Jahre zu strecken. Gleichwohl bleiben Zweifel, wie fest Hollande politisch hinter den versprochenen Reformen steht, die das kürzlich erneuerte Regierungskabinett durchsetzen soll.

Zweifel an Matteo Renzis Überzeugung bestehen dagegen keine. Der italienische Premierminister ist entschlossen. Er kämpft an allen Fronten: gegen die Flügel seiner eigenen Partei, die Gewerkschaften und andere Interessengruppen sowie gegen einflussreiche Business Economists in den Finanzmetropolen im Ausland. Den einen gehen die Aktionen zu weit. Die anderen werfen ihm vor, zu wenig durchzusetzen. Italiens Reformbaustelle ist riesig: Sie reicht weit über Wirtschaftsfragen hinaus, umfasst politische Institutionen und Verfassungsorgane genauso wie die Justiz.

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