Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Frauen im Marsch auf Washington

Vor hundert Jahren durften Amerikas Frauen erstmals den Präsidenten wählen. Womöglich wird Kamala Harris die erste Vizepräsidentin. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Edith Wilson war zwar nicht gerade die erste Präsidentin, jedoch quasi Stabschefin im Weissen Haus.»

Das Interessanteste an Walter Mondale ist Geraldine Ferraro: So spottete die Presse 1984. Zwar erhielt «Fritz» Mondale mit der Ernennung der demokratischen Kongressabgeordneten zur «Running Mate» – eine Premiere, wenigstens was die beiden relevanten Parteien der USA betrifft – zunächst viel öffentliche Aufmerksamkeit, doch am Ende nützte ihm das Damengambit nichts, am Wahltag war der Effekt verpufft. Der frühere Vizepräsident (unter Jimmy Carter) verlor krachend gegen Präsident Ronald Reagan.

Das Interessanteste an Joe Biden, so lässt es sich heute durchaus sagen, ist Kamala Harris, die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft. Während Biden (demnächst 78) eher reif für eine gemächliche Golfrunde oder ein wohlverdientes Nickerchen im Ohrensessel scheint, wirkt Harris (56) vif, smart und energisch. Sollte sie Vizepräsidentin werden, wäre die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sie es später ins Oval Office schaffen würde, ob nun schon während der bevorstehenden Legislatur, oder auf die nächste hin.

«Hockey Mom» und Hillary

Dagegen fällt es schwer, sich an der Seite von Bidens Gegner, dem Macho Trump, eine Kandidatin für den Vizeposten vorzustellen. Das heisst nicht, dass die Republikaner darin unbedarft wären. John McCain rekrutierte 2008 Sarah Palin, um seiner Kampagne gegen Barack Obama Schub zu verleihen, ohne Erfolg. Im Gegenteil: Die Nominierung Palins weckte eher Zweifel an McCains Urteilskraft. Die damalige Gouverneurin von Alaska und, wie sie sagte, «Hockey Mom», machte nicht eben mit beeindruckend pfiffigen Aussagen von sich reden. Die Aussicht, dass eventuell sie das Land regieren müsste, war für ein breites Publikum gerade keine Wahlempfehlung für McCain.

Dem Chefschreibtisch im Weissen Haus am nächsten kam natürlich Hillary Rodham Clinton. 2008 stand ihr noch innerhalb der Demokratischen Partei Barack Obama vor der Sonne, vor vier Jahren dann erhielt sie gegen Donald Trump zwar mehr Stimmen (48,18% gegen 46,09%), doch nach Elektoren verlor sie mit 227 gegen 304. Wer erinnert sich übrigens an Clintons (männlichen) Running Mate? Richtig – Tim Kaine. Immerhin, er ist nach wie vor Senator von Virginia.

Als Gattin von Präsident Bill Clinton hatte Hillary Clinton bereits aus nächster Nähe an der Macht geschnuppert und sich nicht mit den zeremoniellen Pflichten einer «gewöhnlichen» First Lady begnügt. Im Bereich der Gesundheitspolitik war sie gar federführend. Später war Clinton Senatorin für New York und in der ersten Amtszeit Obamas Aussenministerin. Am Willen zur Macht fehlte es Hillary Clinton sichtlich nicht, ebenso wenig an Erfahrung, Intelligenz und Bildung. Sie wirkte jedoch im Wahlkampf 2016 fatalerweise mitunter eher hochnäsig als volksnah, etwa als sie Teile von Trumps Anhängerschaft als «a basket of deplorables» (etwa: ein Haufen Provinztölpel) schmähte.

Das amerikanische Volk hatte damals wortwörtlich die Qual der Wahl: Wenngleich Trumps Triumph kaum als Segen gelten kann – Clintons Niederlage war spiegelbildlich kein nationales Desaster. Umso weniger, als Dynastiebildung (erst die Bushs, dann fast die Clintons, zum Glück nun nicht die Obamas) einer Demokratie unwürdig und abträglich ist.

Die Präsidentschaftswahl von 1920 war die erste, an der Amerikas Frauen teilnehmen durften. Es kann also sein, dass hundert Jahre später erstmals eine Frau zur Vizepräsidentin gewählt wird. Seinerzeit wurde der entsprechende Verfassungszusatz während der Präsidentschaft des Demokraten Woodrow Wilson beschlossen und ratifiziert – ein zähes Hin und Her.

Der Fall Wilson ist jedoch gerade aus fraulicher Sicht interessant: Der Präsident, ohnehin körperlich geschwächt, erlitt im Oktober 1919 einen Schlaganfall und war linksseitig gelähmt, damit kaum noch in der Lage, seine Pflichten wahrzunehmen. Sein Leibarzt war zu loyal, um ihn für amtsunfähig zu erklären, was ordnungsgemäss den Weg für Vizepräsident Thomas Marshall freigemacht hätte (der dezent stillhielt). Die bedenkliche Folge: Bis zum Ende seiner Amtszeit im Frühjahr 1921 erledigte Wilsons Frau Edith viele exekutive Routinegeschäfte; sie bestimmte, welche Akten dem Präsidenten vorgelegt wurden und wer ihn aufsuchen durfte. Sie war zwar nicht gerade die erste Präsidentin der USA, jedoch quasi die erste – mächtige – Stabschefin im Weissen Haus.

First Ladies mit nicht nur persönlichem, sondern auch politischem Einfluss hat es immer wieder gegeben; wer in welchem Mass einwirkte, lässt sich nicht bemessen. Bekannt ist zum Beispiel, dass Jimmy Carter (von 1977–1981) seine Gattin Rosalynn – die sich nicht mit der traditionellen, auf Repräsentation und Gesellschaftliches beschränkten Rolle zufriedengeben mochte – sogar an Kabinettssitzungen teilnehmen liess. 1977 besuchte sie als persönliche Vertreterin des Präsidenten eine Reihe karibischer und südamerikanischer Staaten und führte mit deren Regierungen politische Gespräche. Was Aussenminister Cyrus Vance und überhaupt die Diplomatie davon hielt, lässt sich denken.

Verfassungsmässig ist solcherlei problematisch; schliesslich ist eine First Lady – oder vielleicht bald ein Second oder gar First Gentleman (Harris’ Gatte heisst Douglas Emhoff) – ungewählt, sie oder er versieht nur ehrenamtliche Aufgaben. Haarscharf abgrenzen lässt sich das von politischer Relevanz freilich wohl nicht immer, was naturgemäss von den Persönlichkeiten des First Couple abhängt.

Jackie und Michelle

Die alles überstrahlende «klassische» First Lady war Jackie Kennedy. Sie hatte stilbildende Starqualitäten auf höchstem Hollywood-Niveau; das tragische Schicksal ihres Gatten, der 1963 ermordet wurde, die Tapferkeit der jungen Mutter in diesen Tagen – kein Romancier hätte das eindringlicher ersinnen können. Was Glamour und Geist betrifft, wusste in jüngerer Zeit auch Michelle Obama zu überzeugen; kein Wunder, dass sie gelegentlich eben gar als Hoffnungsträgerin der Demokraten gehandelt wurde. Sie war aber weise genug, das klar auszuschliessen.

Mehrere Präsidenten waren verwitwet – kurzzeitig auch Wilson, der jedoch bald die erwähnte Edith ehelichte; als einziger nie verheiratet war James Buchanan (von 1857–1861). Der gegenwärtige französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat in gewisser Weise ein frühes amerikanisches Vorbild: Präsident Millard Fillmore (von 1850–1853) war mit einer Dame, Abigail, verheiratet, die seine Lehrerin gewesen war. Allerdings war sie nur zwei Jahre älter als er.

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