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«Frauen sind unzureichend informiert»

Laut Annina Riedi von der Graubündner KB können Berufstätige, die nicht zu 100% arbeiten, in eine Vorsorgelücke geraten, die nur schwer aufgefüllt werden kann.

Frau Riedi, Sie haben bei der Graubündner Kantonalbank (GRKP 1550 0%), GKB, ein Projektteam zum Thema Frauen und Vorsorge gegründet. Mittlerweile gehören acht weitere Kollegen aus anderen Bereichen dazu. Wie kam es zu dieser Initiative?
Beruflich und privat habe ich immer öfter beobachtet, dass viele Frauen nur unzureichend über ihre eigene Vorsorgeplanung informiert sind. Schon auf einfache Fragen, wie etwa zum bisher an­gesparten Pensionskapital in der zweiten Säule, können die meisten keine Antwort geben. Das möchten wir ändern.

Was macht die Vorsorgeplanung für Frauen so besonders?
Seit der Einführung des Individualrentensystems in der Schweiz im Jahr 1997 können berufstätige Frauen ihre Altersvorsorge mitbestimmen. Bei unseren Kundinnen begegnen wir heute einem breiten Spektrum an Lebenssituationen. Es gibt viele Selbständige, Geschiedene oder solche, die in einer Patchwork-Familie leben. Dank gesellschaftlichen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten verfügen Frauen zudem über steigende Vermögen. Viele stehen ihr ganzes ­Berufsleben lang im Job, sei es Voll- oder Teilzeit. Die bisherigen so­genannten Lebensphasenmodelle, mit denen in der Vermögensplanung gearbeitet wird, reichen für dieses Spektrum nicht mehr aus.

Was muss geschehen?
Frauen haben nun mal einen erhöhten ­Informations- und Beratungsbedarf und kennen nicht alle Instrumente, mit denen sich ihre Vorsorgesituation optimieren liesse. Entsprechende Informationsangebote dazu sind dünn gesät. Auch das Know-how bei den Kundenberatern und den Pensionskassen kann noch verbessert werden.

Welchen Bedarf beobachten Sie ­denn ­konkret?
Die meisten Frauen kümmern sich zu spät um ihre Vorsorge. Sie werden erst dann aktiv, wenn etwas passiert ist. Etwa kurz vor der Pensionierung oder wenn eine Scheidung ansteht, beim Tod des Ehepartners, wenn Kinder geboren werden oder ein grösserer Immobilienkauf überlegt wird. Das sind alles einschneidende Ereignisse für die Vorsorgesituation. Doch häufig ist es dann bereits zu spät, die eine oder andere Chance zum Optimieren der Vorsorgevermögen wurde bereits verpasst. Gute Beratung muss früher ansetzen.

Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt?
Generell gilt, je früher, desto besser. Am besten mit dem Eintritt in den Beruf. Eine ideale Beratung begleitet die Kun­dinnen dann entlang ihres gesamten Erwerbslebens.

Was sind die dringendsten Themen, mit denen sich Ihre Kundinnen ­auseinandersetzen, und was raten Sie?
Unserer Erfahrung nach wollen Frauen mehr Verantwortung für ihre Vorsorge übernehmen. Oft wissen sie aber nicht, wie und wo sie anfangen sollen. Es geht um Lebensziele, um Wünsche und Ambitionen. Dann fragen sich viele, ob überhaupt genügend Geld für das Leben im ­Alter vorhanden ist oder ob die Risikoabsicherung ausreichend ist, etwa im Falle von Invalidität. Dies kann dann nur sehr individuell beantwortet werden.

Wo sehen Sie die grössten Wissenslücken, wenn es um die Altersvorsorge geht?
Es beginnt schon mit den Mechanismen des Dreisäulensystems. Das ist natürlich sehr komplex und nicht leicht verständlich. Vor allem die spezifischen Ausprägungen der einzelnen Säulen sind erklärungsbedürftig. Die persönliche Vorsorgesituation ist zudem oft nicht bekannt. Und mit den Möglichkeiten, die persön­liche Situation zu verbessern, sind viele gar nicht vertraut. Hier möchten wir mit massgeschneiderten Beratungen und Vorschlägen helfen.

Weshalb gibt es diese Wissenslücken gerade bei Frauen?
Frauen haben oft Hemmungen, Fragen zu ihrer finanziellen Situation zu stellen. Männer sind da viel selbständiger und mutiger. Wir möchten diese Wissens­lücken früh schliessen, denn das Wissen um die eigene Vorsorgesituation ist der erste Schritt in die Unabhängigkeit.

Gibt es eine Teilzeitfalle?
Ja, und sie ist ein grosses Problem für berufstätige Frauen. Aber hier gibt es Möglichkeiten für die Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen, daran etwas zu ändern und das Problem abzufedern.

Wie denn?
Nehmen wir den Koordinationsabzug, der sehr nachteilig bei der Berechnung der zweiten Säule ist, denn nur die Differenz zum Lohn wird in den meisten Fällen versichert. Die Pensionskassen könnten ihn ganz abschaffen oder ihn in Prozent des Pensums berechnen. Die Initiative dazu muss aber vom Arbeitgeber kommen. Bei beiden Möglichkeiten würden die  Teilzeitbeschäftigten von einem höheren einbezahlten Betrag in ihre zweite Säule profitieren. Gesetzlich ist beides erlaubt. Wir beobachten hier sehr viele Bestrebungen, und immer mehr Pensionskassen machen mittlerweile davon Gebrauch. Doch es gibt Aufklärungsbedarf bei Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen, denen diese Möglichkeiten gar nicht bekannt sind.

Wie ist es mit Erwerbslücken, falls eine Pause vom Beruf genommen wird?
Diese Erwerbslücken lassen sich, falls ­genügend Kapital vorhanden ist, gut schliessen, wenn der Ausstieg rechtzeitig geplant wird. Auch das wissen aber leider nur die wenigsten.

Was halten Sie von der Heraufsetzung des Rentenalters für Frauen?
Es gibt unterschiedliche Stellschrauben, um die Finanzierung des Rentensystems zu sichern. Das ist aber ein politischer Entscheid. Um eine Flexibilisierung des Rentenalters kommen wir wahrscheinlich nicht herum.

Ist unser Pensionssystem gerecht?
Das Dreisäulenmodell der Schweiz wird oft als das beste Pensionssystem weltweit angesehen. Zu Recht. Doch um die angesprochenen Problematiken abzuschwächen, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einem Tisch sitzen und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Es geht nicht anders.

Gibt es denn beispielsweise bei den ­Pensionskassen auch schon Arbeits­gruppen, ähnlich fokussiert wie bei der Graubündner Kantonalbank?
Ja, das beobachten wir schon. Die Pensionskassen erkennen das Thema. Aber es schadet sicher nicht, wenn noch ein bisschen mehr Druck aufgebaut wird seitens Arbeitnehmerinnen, damit etwas passiert. Auch von Seiten der kleinen und der mittleren Unternehmen wird das Gespräch zum Thema Vorsorgeplanung für Frauen oft gesucht.

Hat die Coronapandemie etwas am ­Bewusstsein der Beteiligten geändert? Ist nun mehr Panik im System?
Wir hoffen, dass das Thema Frauen und Vorsorge durch die Krise stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist. Es bringt nichts, Ängste zu schüren. Sondern es sollte möglichst früh auf die Gestaltungsmöglichkeiten hingewiesen werden.

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