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Freie Schulwahl ist die einzige Option

Schüler in staatlich finanzierten, aber privat betriebenen Charter Schools erreichen bessere Ergebnisse als solche in herkömmlichen staatlichen Schulen. Ein Kommentar von John B. Taylor.

John B. Taylor
«Die am wenigsten gebildeten Amerikaner wurden von der Pandemie und ihren wirtschaftlichen Auswirkungen am schwersten getroffen.»

Nach jahrelangen Hinweisen auf die Notwendigkeit von Veränderungen innerhalb des US-Bildungssystems entwickelt sich die Covid-19-Pandemie nun zum Katalysator für eine Verbesserung des Systems. Amerikas Kluft im Bereich der Bildung – insbesondere in der Schule – ist inzwischen für alle klar erkennbar. Die Unterschiede bei der Qualität und beim Zugang zur Bildung sind eine wichtige Quelle der wirtschaftlichen, sozialen und ethnischen Ungleichheit, die von Austin und Oakland bis Portland und Seattle so viel soziale Unruhe auslöst. Ganz gleich, ob sie aus verarmten Innenstadtvierteln oder den Vororten stammen: Die am wenigsten gebildeten Amerikaner wurden von der Pandemie und ihren wirtschaftlichen Auswirkungen am schwersten getroffen.

Zum Glück hat der Ökonom Thomas Sowell (ein Kollege von mir an der Hoover Institution) eine Lösung angeboten. In seinem neuen Buch «Charter Schools and Their Enemies» zeigt er, dass Schulen mit mehr Autonomie und Flexibilität als herkömmliche staatliche Schulen die Bildungskluft schliessen und dringend benötigte Entscheidungsfreiheit, Chancen und Wettbewerb bieten.

Sowells sorgfältige Analyse der vor Ausbruch der Pandemie verfügbaren Daten zeigt, dass Schüler in staatlich finanzierten, aber privat betriebenen Charter Schools wie der Success Academy in New York City bei standardisierten Leistungstests bemerkenswert bessere Ergebnisse erzielen als solche in herkömmlichen staatlichen Schulen. Das Buch enthält eine Vielzahl überzeugender Belege.

Politik bewegt sich

Sowell bereinigt seine Daten um viele Faktoren, darunter auch den Schulstandort: Schüler in Charter Schools unter einem Dach mit herkömmlichen staatlichen Schulen schneiden bei denselben Tests um ein Vielfaches besser ab. Und er ergänzt die harten Daten mit simplen Belegen wie den langen Wartelisten für leistungsstärkere Charter Schools. Aber wenn Charter Schools so gut funktionieren, was erklärt dann ihre im Titel des Buches erwähnten Feinde? Die Kritiker von Charter Schools führen viele Gründe auf, doch der Hauptgrund, so beklagt Sowell, sei, dass die staatlichen Schulen einfach keine Konkurrenz wollten.

Wird die Covid-19-Krise endlich etwas an der Lage ändern? Es gibt bereits positive Anzeichen dafür. Im Juli hat US-Bildungsministerin Betsy DeVos einen neuen, auf fünf Jahre angelegten Stipendienfonds im Volumen von 85 Mio. $ vorgestellt, der Schülern aus einkommensschwachen Familien in Washington, D.C. helfen soll, die Schule ihrer Wahl zu besuchen. Der Fonds ist Bestandteil des Opportunity Scholarship Program ihres Ministeriums, der einzigen vom Bund finanzierten Initiative für freie Schulwahl in den USA. Das Durchschnittseinkommen der an dem Programm teilnehmenden Familien liegt unter 27’000 $ pro Jahr, und mehr als 90% der teilnehmenden Schüler sind Afroamerikaner oder Latinos.

Ein weiteres vielversprechendes Zeichen ist der von den Senatoren Tim Scott (Rep., South Carolina) und Lamar Alexander (Rep., Tennessee) vor kurzem vorgelegte Gesetzesentwurf, der einige der Hilfsgelder für die Bildung aus dem diesjährigen US Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security (Cares) Act in Programme zur freien Schulwahl leiten soll. Dieses Geld würde von der Pandemie schwer getroffene einkommensschwache Familien in die Lage versetzen, ihre Kinder auf alternative Schulen zu schicken. Unter anderem würde das Gesetz 10% der Bildungsgelder aus dem Cares Act in Stipendien für die Schulgebühren von Privatschulen oder zur Entschädigung für die mit dem Heimunterricht verbundenen Kosten lenken.

Bürgerinitiativen

Am womöglich vielsagendsten jedoch ist, dass viele Menschen eigene Lösungen entwickeln. Man denke an die während der Pandemie plötzlich an vielen Stellen aufblühenden Learning Pods, bei denen Eltern zusammenkommen, Lehrkräfte finden und eine Klasse für Kinder in der Nachbarschaft bilden. Learning Pods sind eine natürliche Reaktion der Zivilgesellschaft auf die Schliessung von Schulen in vielen Bezirken Kaliforniens und anderswo. Wenn Schulen ihre Leistungen einstellen, bemühen sich die Eltern sofort um alternative Lösungen, insbesondere wenn sie sich Sorgen über die Fähigkeit ihrer Kinder zum Fernunterricht machen.

Natürlich haben auch die Learning Pods ihre Gegner; die Kritiker beschweren sich, dass die Praxis unfair sei, traditionellen Schulen schade oder nur denjenigen zur Verfügung stehe, die es sich leisten können, Lehrer einzustellen. Doch ist dies umso mehr Grund, qualitativ hochwertige, effektive Schulen in breiterem Umfang verfügbar zu machen. Neue Ideen zu unterdrücken, ist keine Antwort.

Der Kampf um die Bildung in Zeiten der Pandemie verlagert sich mit grosser Geschwindigkeit in die Parlamente der US-Bundesstaaten. Im Juni haben die kalifornischen Abgeordneten im Rahmen des neuen Staatshaushalts die sogenannte Senate Bill 98 verabschiedet, die die staatliche Förderung für Charter Schools und staatliche Schulen auf das Finanzierungsniveau des Vorjahres begrenzt. Das Gesetz soll in einer Zeit, in der die Nachfrage nach Alternativen zu den herkömmlichen staatlichen Schulen steil steigt, die Anmeldungen für die Charter Schools begrenzen. Doch wenn diese staatlichen Schulen schliessen und auf Fernunterricht zurückgreifen, sind Schüler aus einkommensschwachen Haushalten die letztlichen Leidtragenden.

Pandemie eröffnet Chancen

Schon heute warten in Kalifornien mindestens 13’000 Schüler darauf, sich in Charter Schools anmelden zu können. Doch wegen SB98, so die Senatorin im kalifornischen Landesparlament Melissa Melendez, gilt: «Wenn Sie auf eine Schule gehen, die scheitert, dann ist das eben Pech. Sie müssen dort bleiben und damit klarkommen. Das ist weder den Schülern noch den Eltern gegenüber fair.»

In seinem Buch schreibt Sowell: «Wer in einkommensschwachen Quartieren eine hochwertige Bildung aufrechterhalten will, muss, wenn verschiedene Politiken und Praktiken vorgeschlagen werden, immer wieder die Frage aufwerfen: Wie beeinflusst dies die Bildung der Kinder?»

Wenn wir uns klar auf diese Frage konzentrieren, könnten sich die langfristigen Folgen der Pandemie als hochgradig günstig erweisen.

Copyright: Project Syndicate.

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