Meinungen

Für den Wiederaufschwung in Infrastruktur investieren

Infrastrukturinvestitionen schaffen Arbeitsplätze, Wohlstand, Respekt und Würde. Sie legen die Basis für unsere zukünftige Prosperität. Ein Kommentar von Michael Sieg.

Michael Sieg
«Die Geschichte zeigt, dass unser Leben nicht nur durch die Krisen, die wir durchleben, bestimmt wird, sondern vor allem dadurch, wie wir darauf reagieren.»

Die Covid-19-Pandemie hat uns alle verunsichert und bei vielen Menschen Existenzängste ausgelöst. Der Schaden, der durch das beispiellose und abrupte Zurückfahren von Produktion und Beschäftigung entstanden ist, wirft die globale Wirtschaft um Jahre zurück. Mitten in dieser düsteren Grundstimmung öffnen sich jedoch überraschend Fenster, die den Blick auf eine Welt ohne Umweltverschmutzung freigeben. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist der schneebedeckte Himalaya wieder von indischen Städten aus zu sehen, im klaren Wasser venezianischer Kanäle tummeln sich Fische, und der blaue Himmel zeigt sich frei von Kondensstreifen.

Wenn wir die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise hinter uns lassen wollen, wird es eine Herausforderung sein, diese «Kollateralgewinne» zu erhalten und die Zukunft nachhaltiger zu gestalten. Und das, ohne dabei das Wachstum, das seit mindestens dreissig Jahren auf allen Kontinenten für Arbeitsplätze, Einkommen und verbesserten Wohlstand gesorgt hat, zu opfern. Schliesslich haben die vergangenen Jahrzehnte einen Rückgang der absoluten und der relativen Armut, einen Anstieg der allgemeinen Lebenserwartung sowie Fortschritte bei Bildung und Gesundheitsversorgung gebracht. Auf diesen bereits erzielten Fortschritten müssen wir aufbauen, ohne die Grundlagen, auf denen sie beruhen, zu zerstören.

Die Krise wurde von verschiedenen wirtschaftlichen Schocks ausgelöst, die alle gleichzeitig Wirkung zeigten und sich zudem wechselseitig intensivierten und potenzierten. Der Nachfrageschock durch plötzlich einbrechende Haushaltseinkommen und Wegfall von Unternehmensumsatz wurde durch einen weltweiten Angebotsschock verstärkt, weil der globalisierte Handel plötzlich auch auf neu errichtete Grenzen und Unterbrechungen des freien Waren- und Dienstleistungsverkehrs stiess. Einen wirtschaftlichen Aufschwung dürfte zusätzlich noch ein Logistikschock behindern, da sich die Unternehmen auf neue Social-Distancing-Regeln und Arbeitsstättenrichtlinien einstellen müssen.

Energie, Wasser, Kommunikation

Wir alle erwarten Sicherheit, Schutz, Resilienz und Wohlstand – und werden diese essenziellen Lebensqualitäten auch zunehmend einfordern. Respekt vor der Umwelt, den natürlichen Ressourcen und der ökologischen Gesundheit ist integraler Bestandteil einer resilienten Zukunft.

Bisher wurden die Negativauswirkungen unseres Strebens nach persönlichem oder kommerziellem Gewinn von der Gesellschaft insgesamt ignoriert oder unterbewertet. Nicht zuletzt die Coronakrise hat dagegen das Gemeinwohl und den Respekt vor der Leistung derjenigen Menschen und Unternehmen stärker ins Rampenlicht gerückt, die sich der Pandemie entgegenstellen.

Wir haben jetzt die Chance, in eine nachhaltige Infrastruktur zu investieren. Sie umfasst eine zuverlässige und nachhaltige Energieerzeugung, die Bereitstellung sauberen, reinen Wassers, die umweltschonende Entsorgung von Abwässern und Abfällen und die Ermöglichung digitaler Kommunikation und sicheren Reisens.

Für Beschäftigung sorgen

Die Gesellschaft der Zukunft, die wir jetzt gemeinsam aufbauen müssen, darf Wirtschaftswachstum und Umweltschutz nicht gegeneinander ausspielen. Sie muss für Massenbeschäftigung bei fairen Löhnen sorgen, die allen Arbeitnehmern ein finanzielles Auskommen sichern, sowie für ein Sozialsystem, das diejenigen auffängt, die ohne eigenes Verschulden aufgrund von Alter oder Krankheit nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen.

Die Geschichte zeigt, dass unser Leben nicht nur durch die Krisen, die wir durchleben, bestimmt wird, sondern vor allem dadurch, wie wir darauf reagieren. In turbulenten Zeiten halten wir Ausschau nach Führung, Vision und Hoffnung für eine bessere Zukunft. Dies gilt gleichermassen für abgelegene Dörfer in Afrika wie für Megacities in Asien oder beschauliche Kleinstädte in Westeuropa. Alle sind mehr oder weniger stark vom Covid-Virus betroffen, und alle sind auf der Suche nach Orientierungshilfen für eine «neue Normalität».

Infrastrukturinvestitionen spielen in dieser Vision eines wirtschaftlichen und sozialen Aufschwungs eine Schlüsselrolle. Sie sind unerlässlich für den Aufbau einer widerstandsfähigen Gesellschaft und zur Unterstützung entschlossenen Handelns. Ohne Zweifel ist Infrastruktur für das Funktionieren der Gesellschaft und einer modernen Wirtschaft unerlässlich. Sie wirkt sich direkt und positiv auf die Lebensqualität aus und ist zunehmend als Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt.

Gesellschaftliche Stabilität

Nachhaltige Energie, sauberes Wasser und frische Luft sind für Lebensqualität und Lebensfreude gleichermassen wichtig, jedoch bedarf es keiner Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie. Beides lässt sich kompromisslos miteinander verbinden.

Investitionen in Infrastruktur werden für den bevorstehenden Aufschwung von entscheidender Bedeutung sein, da sie nicht nur für die von uns geforderten Funktionen und Dienstleistungen sorgen, sondern auch die Arbeitsplätze schaffen können, die für das Gefüge einer zivilisierten Gesellschaft notwendig sind. Ohne Arbeit gibt es keine finanzielle Sicherheit und kein Fundament, auf dem Menschen ihre Zukunft aufbauen können. Diese Stabilität ist unsere beste Verteidigungslinie gegen Gesetz- und Hoffnungslosigkeit und muss zwingend das Herzstück jeder Entwicklungsagenda sein.

Infrastrukturinvestitionen schaffen Arbeitsplätze, Wohlstand, Respekt und Würde, indem sie Anlagekapital sinnvoller allozieren, die Produktivität steigern sowie Einkommen und Sicherheit generieren – also insgesamt die Basis für unsere zukünftige Prosperität legen.

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