Meinungen English Version English Version »

Für eine CO2-Weltbank

Die jährlichen CO2-Emissionen in Asien sind doppelt so hoch wie die Amerikas und dreimal so hoch wie die Europas. Eine Kohlenstoffdioxid-Weltbank ist Bestandteil jeder umfassenden Lösung. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«In den wachstumsstarken Ländern China und Indien entfallen über 60% der Stromerzeugung auf Kohle.»

Trotz all des unnötigen Abfalls, den Amerikas unersättliche Konsumkultur hervorbringt, ist es so, dass die asiatischen Schwellenländer der deutlich grösste Faktor für die steigenden weltweiten CO2-Emissionen sind. Auch mit noch so viel Lamentieren lässt sich das Problem nicht lösen. Die einzige Lösung ist, Ländern wie China, Indien, Vietnam, Indonesien und Bangladesch die richtigen Anreize zu setzen.

Es ist schwer ersichtlich, wie man das im Rahmen der bestehenden multilateralen Hilfseinrichtungen tun soll, die nur über begrenzte Kompetenz in Klimafragen verfügen und von ihren verschiedenen Interessengruppen in jeweils unterschiedliche Richtungen gezerrt werden. So hat die Weltbank kürzlich auf recht launenhafte Weise entschieden, die Finanzierung für nahezu alle auf Basis fossiler Brennstoffe arbeitenden Kraftwerke einschliesslich von Erdgaskraftwerken einzustellen. Dank dem Ersatz schmutziger Kohlekraftwerke durch relativ saubere Erdgaskraftwerke haben es die USA geschafft, ihre Emissionen während des vergangenen Jahrzehnts drastisch zu reduzieren, und er ist das Kernstück der berühmten, als «Princeton Wedges» bezeichneten pragmatischen Optionen zur Minimierung des Klimarisikos. Man kann nicht zulassen, dass das Ideale beim Übergang zu einer CO2-neutralen Zukunft zum Feind des Guten wird.

Es ist höchste Zeit, eine neue, fokussierte Agentur – eine CO2-Weltbank – ins Leben zu rufen, die den hoch entwickelten Ländern einen Mechanismus zur Koordinierung von Hilfsleistungen und Technologietransfers bietet und die nicht zugleich versucht, auch noch alle anderen Entwicklungsprobleme zu lösen. Mir ist völlig bewusst, dass die gegenwärtige US-Regierung sich schwertut, auch nur die bestehenden internationalen Institutionen finanziell zu unterstützen. Doch der Westen kann sich nicht aus einer Welt miteinander verflochtener Verantwortlichkeiten für das Klima zurückziehen.

Es braucht Anreize

Laut der Internationalen Energieagentur – die einer der wenigen ehrlichen Makler in der weltweiten Klimawandeldebatte ist und ein Modell darstellt, auf dem die Forschungsabteilung einer neuen CO2-Weltbank aufbauen könnte – sind die jährlichen CO2-Emissionen in Asien inzwischen doppelt so hoch wie die Amerikas und dreimal so hoch wie die Europas. In den hoch entwickelten Volkswirtschaften, in denen das Durchschnittsalter eines Kohlekraftwerks bei 42 Jahren liegt, erreichen viele das natürliche Ende ihrer Betriebsdauer, und es ist keine grosse Belastung, sie nach und nach abzuschaffen. Doch in Asien, wo jede Woche ein neues Kohlekraftwerk errichtet wird, beträgt das Durchschnittsalter lediglich elf Jahre, und die meisten werden noch Jahrzehnte in Betrieb sein.

In den wachstumsstarken Ländern China und Indien entfallen über 60% der Stromerzeugung auf Kohle. Obwohl beide Länder stark in erneuerbare Energien wie Sonne und Wind investieren, wächst ihr Energiebedarf einfach zu schnell, um auf die weithin verfügbare Kohle zu verzichten.

Wie können die USA so arrogant sein, Indien, dessen CO2-Emissionen nur ein Zehntel derjenigen der USA betragen, aufzufordern, sie zurückzufahren? Wo wir schon mal dabei sind: Wie können die USA die Regierung des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro überreden, die Entwaldung und Entwicklung des Amazonasbeckens zurückzufahren (Regenwälder sind die Kohlenstoffsenke der Natur), ohne dafür konkrete Anreize zu bieten?

Kohlenstoffsteuer oder Emissionshandel

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man versuchen kann, Kohlenstoffemissionen zu reduzieren. Die meisten Ökonomen (ich auch) bevorzugen eine weltweite Kohlenstoffsteuer, auch wenn einige argumentieren, dass der politisch eher durchsetzbare Emissionshandel fast genauso wirksam sein kann. Doch für die Regierungen in den Entwicklungsländern, die verzweifelt bemüht sind, den grundlegenden Strombedarf ihrer Bevölkerungen zu decken, ist das völlig unrealistisch. In Afrika haben lediglich 43% der Menschen Zugriff auf Strom, im Vergleich zu 87% weltweit.

Die meisten ernstzunehmenden Wissenschaftler betrachten die Gefahr eines katastrophalen Klimawandels als vielleicht existenziellste Bedrohung, vor der die Welt im 21. Jahrhundert steht. Die Auswirkungen sind schon jetzt zu spüren, sei es in Gestalt der Rekordhitze an der Westküste der USA und in Europa, der enormen Überflutungen in Iowa oder der Auswirkungen der Klimarisiken auf den Preis der Eigenheimversicherung, die für viele Menschen zunehmend nicht mehr bezahlbar ist. Das heutige Flüchtlingsproblem ist nichts im Vergleich zu dem, was der Welt bevorsteht, wenn die Äquatorregionen zu heiss und trocken werden, um Landwirtschaft zu ermöglichen, und die Zahl der Klimaflüchtlinge gegen Ende des Jahrhunderts auf 1 Mrd. oder mehr steigt.

Asien und Afrika brauchen neuen Entwicklungskurs

Das amerikanische Militär bereitet sich bereits vor auf die Bedrohung. Schon 2013 nannte der Oberbefehlshaber der US-Pazifikstreitkräfte, Admiral Samuel J. Locklear, den langfristigen Klimawandel als grösste Bedrohung der nationalen Sicherheit. Angesichts gravierender Zweifel daran, dass bestehende Massnahmen wie das Pariser Klimaabkommen von 2015 mehr tun werden, als die globale Erwärmung leicht zu reduzieren, betrachten Pragmatiker die Vorbereitung auf den schlimmsten Fall zu Recht als grimmige Notwendigkeit.

Die hoch entwickelten Volkswirtschaften müssen ihr eigenes Haus in Ordnung bringen. Aber das reicht nicht annähernd, wenn die Entwicklungsländer Asiens, und vielleicht eines Tages Afrikas, nicht auch auf einen anderen Entwicklungskurs gesetzt werden. Eine neue CO2-Weltbank ist fast mit Sicherheit ein notwendiger Bestandteil jeder umfassenden Lösung, selbst angesichts der wundersamen technologischen Entwicklungen, auf die alle hoffen.

Wie viel es kosten wird, hängt von Annahmen und Zielen ab, aber 1 Bio. $ über zehn Jahre ist problemlos vorstellbar. Verrückt? Vielleicht nicht, wenn man es mit den Alternativen vergleicht.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare