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Für die Börse Tokio sind Bad News Good News

Die enttäuschenden Makrodaten stoppen den Nikkei nicht.

Als im vergangenen Jahr an den Finanzmärkten die Angst vor einer Drosselung der Anleihenkäufe durch das Fed umging, war ein eigenartiges Phänomen zu beobachten: Gute Konjunkturzahlen schwächten die Aktienkurse, Enttäuschungen stimulierten sie. Denn mit den guten Daten rückte das Ende der expansiven Geldpolitik näher.

Ähnliches spielt sich derzeit in Japan ab. Die Ernüchterung über den nur mässigen Erfolg der von Premier Shinzo Abe initiierten Wirtschaftspolitik (Abenomics) hat die Kurse an der Börse in Tokio nicht zum Einsturz gebracht. Im Gegenteil: Der Leitindex Nikkei 225 (Nikkei 225 28'804.85 +0.34%) nähert sich trotz der jüngsten Fülle an enttäuschenden Konjunkturdaten seinem Jahreshoch. In der Betrachtung ab Anfang Jahr schneidet er zwar mit einem Minus von 3% immer noch schlechter ab als die anderen grossen Aktienbarometer.

Doch das hat vor allem damit zu tun, dass die japanische Börse nach einer kräftigen Jahresendrally just am letzten Handelstag 2013 einen Rekordwert erreicht hatte und im Februar eine technische Korrektur erfuhr, als die volkswirtschaftlichen Daten noch aussichtsreich waren. Seit Mitte Mai aber hängt der Nikkei mit einem Plus von 12,5% den S&P 500 (8%) oder den SMI (SMI 12'050.95 +0.1%) (2%) ab. Wie lässt sich das vor dem Hintergrund schwacher Wirtschaftszahlen erklären?

Interessante Alternative zum US-Markt

Anscheinend rechnen die Marktteilnehmer wegen der schlechten Konjunkturdaten mit einer noch aggressiveren Bank of Japan (BoJ). Das würde auch zur Entwicklung auf dem Devisenmarkt passen. Seit Juli hat sich der Yen nach einer Phase der Stabilität 5% auf 106.30 Yen/$ abgewertet. So wenig wert war er seit 2008 nicht mehr. Eine der wichtigsten Massnahmen Abes zur Überwindung der Deflation und zur Schwächung des Yens war die Verdoppelung der Geldmenge binnen zweier Jahre anhand von Wertpapierkäufen durch die BoJ. Auch dieses Jahr soll die Geldmenge zwischen 60 und 70 Bio. Yen zunehmen. Wie es 2015 weitergehen soll, ist noch nicht festgelegt. Société Générale erwartet eine weitere Lockerung der Geldpolitik der BoJ frühestens für das zweite Quartal 2015.

Rückenwind bekam die japanische Börse zuletzt auch von der Ernennung von Yasuhisa Shiozaki zum Gesundheitsminister. Das Gesundheitsministerium beaufsichtigt den staatlichen Rentenfonds GPIF, dessen Vermögen sich auf umgerechnet  1150 Mrd. Fr. beläuft. Shiozaki hatte sich zuvor für eine Erhöhung der Aktienquote starkgemacht.

Für Investoren bleibt der japanische Aktienmarkt vorerst eine interessante Alternative zum überteuerten US-Markt. Sollte Abenomics auch ohne zusätzliche Stimuli fruchten, dann blühen dem Nikkei goldene Jahre. Wenn nicht, dann stehen die Aussichten gut, dass eine noch aggressivere BoJ eine zweite Rally auslösen wird. Da letztere Variante aber einen schwachen Yen bedingt, ist es ratsam, Währungsrisiken zum Beispiel über währungsgesicherte (Hedged) ETF abzusichern. Liquide Anlagen sind ebenfalls von Vorteil, um frühzeitig die Reissleine ziehen zu können, wenn sich  eine Staatsschuldenkrise abzeichnet.