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Unternehmen / Schweiz

Die Schweiz hat gute Voraussetzungen für Industrie 4.0

Der Strategieberater Roland Berger glaubt, dass die Schweiz in einer industriellen Revolution auf der Gewinnerseite stehen wird.

Die Schweiz ist innovativ, muss innovativ sein. Als Hochlohnland mit einer sich seit Jahrzehnten aufwertenden Währung bleibt ihr nichts anderes übrig, um international zu bestehen. Geht es nach der Strategieberatungsgesellschaft Roland Berger, kann ihr das auch künftig gelingen. Die Schweiz habe beste Voraussetzungen, um in der vierten industriellen Revolution eine Pionierrolle einzunehmen, resümiert sie in der Studie «Industrie 4.0 – Die Rolle der Schweiz in der vierten industriellen Revolution in Europa», die kommenden Dienstag schweizweit vorgestellt wird.

Entgegen dem Trend in Europa hat sie die industrielle Wertschöpfung auf hohem Niveau (19%) gehalten. Ihre Produktivität ist hoch. 6% ihrer Arbeitnehmer wirken in technologie- und wissensintensiven Sektoren. Ausser über eine robuste Industrie verfüge sie über einen starken IT-Sektor und habe einen bestens aufgestellten Forschungsplatz. «Bereiche wie Cloud Computing, Big Data, 3D-Druck sowie Sensorik und Robotik werden das Feld Industrie 4.0 wesentlich prägen», sagt Sven Siepen, Managing Partner und Industrieexperte von Roland Berger in Zürich. «All das sind Bereiche, in denen die Schweiz bestens positioniert ist.»

Dinge werden intelligent

Auf der Welt gibt es gemäss dem Softwarekonzern SAP (SAP 90.55 -0.61%) mehr Geräte als Menschen. Beide generieren Daten. Diese zu nutzen, um Prozesse zu automatisieren und so die Effizienz zu steigern, ist die Idee hinter dem Internet der Dinge. In ihm werden Objekte intelligent und können über das Internet untereinander Informationen austauschen. Das ist das Fundament von Industrie 4.0, der vierten industriellen Revolution nach der Einführung mechanischer Produktionsanlagen, dem Aufkommen der arbeitsteiligen Massenfertigung und dem Einsatz von Elektronik und IT.

Durch das Zusammenwachsen von Industrie und Digitalisierung wird die Fabrik vernetzt und auch mit ihrem Umfeld digital verbunden.

Was das bedeuten kann, zeigt die deutsche Plattform Industrie 4.0 anhand eines Beispiels aus dem Automobilbereich. Ein Bauteil ist künftig so ausgestattet, dass es kontinuierlich Daten über seinen Zustand sammelt und rechtzeitig mitteilen kann, wenn ein Austausch nötig ist. Selbständig meldet es dem Hersteller, dass Ersatz gefertigt werden muss. Die Bestellung enthält neben genauen technischen Angaben auch die Information, wohin das Teil zu verschicken ist. In der Fabrik, wo der Auftrag bearbeitet wird, konfigurieren sich die Maschinen selbst, um das passende Teil zu fertigen, und schicken es danach auf die Reise an den Zielort. Der Termin in der Werkstatt ist dann bereits vereinbart – auch das hat das Auto erledigt.

Den Trend umkehren

Der Industriesektor ist wichtig. In der EU steht er gemäss Roland Berger für 80% aller Innovationen und für 75% der Exporte. Doch die Entwicklung geht in die falsche Richtung. Sein Beitrag zur Wertschöpfung beträgt noch 15%. Nur in zwei westeuropäischen Ländern hat er von 2001 bis 2012 nicht abgenommen: in Deutschland (von 22 auf 24% gestiegen) und in der Schweiz (unverändert 19%). In Frankreich und im Vereinigten Königreich ist er dramatisch von jeweils 15 auf 10% gesunken.

Die Gefahren einer weiteren Deindustrialisierung vor Augen (Verlust wertschöpfungsreicher Aktivitäten, Beschäftigungs- und Wissensverlust, potenzielle Schwächung der Mittelklasse), hatte die EU-Kommission 2012 das Ziel gesetzt, bis 2020 den Beitrag des produzierenden Gewerbes am BIP auf 20% zu steigern.

Auf traditionellem Weg sei das angesichts einer in vielen Ländern geschwächten Industriebasis nicht möglich, steht für Roland Berger fest. Nur über die Teilnahme an der vierten industriellen Revolution sei das Ziel erreichbar, bis 2030. Industrie 4.0 sei für europäische Unternehmen eine Chance, sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Europa sei besser aufgestellt, als viele denken, um sich die neue industrielle Welt zu eigen zu machen, lautet eine Kernaussage der Studie, «und die Schweiz ist in der Pole Position». Sie kombiniere neue technologische Möglichkeiten in einem hocheffizienten Gesamtsystem. Managing Partner und Industrieexperte Sven Siepen präzisiert: «Schweizer Unternehmen konzentrieren sich seit jeher auf Innovation, Qualität, Produktivität und auf Aktivitäten mit einem hohen Wertbeitrag.»

Die Mühe lohnt sich

Die Umstellung wird nicht gradlinig verlaufen. Die Herausforderungen sind enorm. Wie in jeder Revolution wird es Verwerfungen geben, Fehlentwicklungen und Verlierer. Gewohntes muss aufgegeben werden. Der industrielle Strukturwandel, das Zusammenwachsen von Industrie und Digitalisierung, verlangt ein neues Denken und die richtigen Investitionen. Die Wertschöpfungsketten in vielen Branchen werden sich teilweise auflösen und neu formieren. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Da ist nicht zuletzt die Politik gefordert.

Um an Industrie 4.0 teilzuhaben, sind hohe Investitionen nötig. Gemäss Roland Berger wird Europa in den nächsten fünfzehn Jahren dafür jährlich 90 Mrd. € aufbringen müssen, insgesamt 1,35 Bio. €.

Doch die Mühen sollten sich lohnen. Industrie 4.0 verspricht mehr Profitabilität, gemessen als Relation aus Betriebsgewinn (Ebit) zu Wertschöpfung (vgl. Grafik).  Gleichzeitig bedingt sie aber auch eine höhere Kapitalintensität (eingesetztes Kapital im Verhältnis zur Wertschöpfung). Die Kapitalrendite (ROCE) wird deshalb nicht zwingend steigen. Doch auch bei konstantem ROCE sollte eine deutlich gesteigerte Ertragskraft resultieren.