Märkte / Makro

«Für Japan beginnt der Anfang vom Ende»

Kyle Bass im Interview mit FuW: Der Hedge-Fund-Manager sieht für Japan keinen Ausweg aus dem Schuldenproblem und rechnet mit einer schweren Krise am Bondmarkt.

Die Bank of Japan setzt zum grossen Befreiungsschlag an. Um die hartnäckige Deflation auszumerzen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen, reisst sie ihre Schleusen weit auf. Die Börse honoriert die Nachrichten aus Nippon mit Applaus. Für Kyle Bass ist das aber nichts weiter als ein Verzweiflungsakt vor dem sicheren Ende. Der Chef des amerikanischen Hedge Fund Hayman Capital hat bereits den Crash am US-Häusermarkt und die Schuldenkrise in Europa als einer der Ersten kommen sehen. Er warnt, dass die japanische Notenbank bald die Kontrolle über den Bondmarkt verlieren und es eine massive Kapitalflucht geben werde. Auch der Hausse an der Börse von Tokio traut der gradlinige Texaner nicht.

Mister Bass, was halten Sie von der Grossoffensive der japanischen Notenbank?
Wir bewegen uns auf vollkommen unerforschtem Terrain. Notenbankchef Haruhiko Kuroda präsentiert sich als der neue «Sheriff in Town» und hat angekündigt, alles zu unternehmen, um Inflation zu kreieren. Er will die Geldmenge nahezu verdoppeln und damit das riesige Haushaltsdefizit finanzieren sowie letztlich die gesamten Staatsschulden mit der Geldpresse tilgen. Wenn die Bank of Japan wie angekündigt eine Teuerung von 2% schaffen will, muss sich der Wechselkurs vom Yen zum Dollar von aktuell knapp 100 bis Ende 2014 weiter auf 118 abschwächen.

Was passiert jetzt als Nächstes?
Japan hat bisher noch nie die Chance verpasst, eine Chance zu verpassen. Es wird eine ganze Reihe weiterer unkonventioneller Massnahmen geben, die sich niemand je gedacht hätte. Wir werden Dinge sehen, die wir noch nie erlebt haben.

Was heisst das für Investoren?
Am Tag, nach dem die Bank of Japan den neuen Kurs angekündigte, überschritten Terminkontrakte auf japanischen Staatsanleihen die Verlustlimite gleich zweimal. Die Volatilität im japanischen Bondmarkt schnellte vorübergehend bis zu 100% hoch. Das, obwohl der neue «Sheriff» doch versichert hatte, er habe die Lage im Griff und werde alle Bonds aufkaufen. Dieser Panikschub hat mich sehr überrascht. Er sagt mir klar: Für Japan beginnt nun der Anfang vom Ende.

Weshalb sind Sie sich da so sicher?
Was nach der Ankündigung der Bank of Japan passierte, ist zukunftsweisend. Ich kann nicht genug betonen, wie bedeutend diese erste Reaktion der Investoren war. Kuroda wird die Kontrolle über den japanischen Bondmarkt verlieren. Die Bank of Japan und andere Zentralbanken rund um den Globus glauben zwar fest daran, dass sie die Zinsen stabil halten und gleichzeitig die Währung abwerten können, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sich die Zinsen bei einer so starken Währungsabwertung bald nicht mehr kontrollieren lassen.

Der Markt hat sich aber rasch beruhigt. Mit lediglich 0,6% notieren zum Beispiel die Zinsen auf zehnjährige japanische Staatsanleihen nahe dem Rekordtief. Wann wird die Situation denn eskalieren?
Es geht hier um einen Schuldensuperzyklus von siebzig Jahren. An welchem Tag genau die Lage ausser Kontrolle gerät und wie schlimm alles wird, kann ich daher nicht präzis sagen. Meine beste Schätzung ist, dass es in zwei Jahren passiert. Entscheidend ist der Moment, in dem sich die Wahrnehmung der Investoren grundlegend verändert. Was sich am Bondmarkt unmittelbar nach der Mitteilung der Bank of Japan abgespielt hat, ist ein Schlüsselereignis. An diesem Tag hat sich das Verhalten der Investoren zum ersten Mal überhaupt verändert.

Verändert hat sich jedoch auch die Einstellung zu japanischen Aktien, denen der weiche Yen kräftig Auftrieb gibt. Der Leitindex Nikkei 225 ist allein seit Anfang Jahr fast 30% vorgeprescht.
Gut möglich, dass japanische Aktien noch weiter steigen werden. Es ist damit aber, als würde man einen Diamanten vor einem herannahenden Bulldozer aufheben wollen. Die Geschichte zeigt, dass es bei derart hoch verschuldeten Staaten zur massenweisen Kapitalabwanderung kommt, wenn der Damm einmal bricht. Das wird auch den Aktienmarkt hart treffen. Mir ist es daher gleichgültig, ob die Börse noch weitere 50% steigt. Mein Geld lege ich auf keinen Fall in japanischen Aktien an.

Selbst wenn andere Investoren damit viel Geld verdienen?
Das Geschehen am Aktienmarkt gleicht der Reaktion pawlowscher Hunde: Mit jeder Abschwächung des Yens steigen die Kurse. Die meisten Investoren, die sich derzeit an der Börse von Tokio engagieren, sind allerdings nichts anderes als Makro-Touristen. Sie sind nur kurz auf Besuch und kümmern sich kaum um die Fundamentaldaten. Sobald sich die Situation ändert, reisen sie weiter und werden ihre Papiere abrupt abstossen. Dessen sollten sich gerade Kleinanleger bewusst sein.

Sie wetten nun schon seit rund zweieinhalb Jahren gegen Nippon. Was stimmt Sie so pessimistisch?
Ich bin nur realistisch – und dafür werde ich bezahlt. Die japanische Industrie ist ausgehöhlt. Wie in den USA in den späten Siebzigerjahren sind die Produktionszentren ausgelagert worden, um Lohnkosten zu sparen. Das Budgetdefizit Japans beläuft sich auf rund 60 Bio. Yen pro Jahr oder über 11% des Bruttoinlandprodukts. Das ist das grösste Defizit einer entwickelten Volkswirtschaft. Insgesamt sind die Staatsschulden mehr als zwanzig Mal höher als die jährlichen Steuereinnahmen. Japan ist damit de facto bankrott. Mit der Überalterung der Gesellschaft kommt ein gravierendes Problem hinzu: 2011 wurden in Japan erstmals mehr Windeln für Senioren verkauft als für Babies.

Japans Exportindustrie dürfte aber von der Abwertung des Yens profitieren. Zudem könnten steigende Inflationserwartungen den Konsum stimulieren. Erholt sich dadurch die Wirtschaft, wachsen die Steuereinnahmen und das Defizit sinkt.
Japan hat den Punkt längst überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Es hat keine Chance, über Wirtschaftswachstum aus dem Schuldenproblem herauszukommen. Die rasche Abwertung des Yens mag zwar für einige Quartale helfen. Auf lange Sicht ändert sich aber nichts. Offiziell sollen die Staatsausgaben dieses Jahr 93 Bio. Yen betragen und sie werden sich am Ende wohl auf 102 bis 105 Bio. Yen belaufen. Zum Vergleich: Die meisten Steuereinnahmen, die das Land je verzeichnet hatte, waren gut 60 Bio. Yen. Damals war der Kaiserpalast in Tokio allerdings noch mehr wert als ganz Kanada.

Was würden Sie also unternehmen, wenn Japan Sie zum Finanzminister ernennen würde?
Ich würde vor Antritt wieder zurücktreten. Wenn ich den Job aber trotzdem ausführen müsste, würde ich genau das tun, was im Moment versucht wird: jede Staatsanleihe im Markt aufkaufen. Zudem würde ich die Staatsausgaben senken, was derzeit jedoch nicht getan wird.

Wie haben Sie Ihr Portfolio auf einen Kollaps von Japan ausgerichtet und wer steht auf der anderen Seite dieser Positionen?
Dazu sage ich nur soviel: Die Finanzinstitute, die auf der anderen Seite stehen, riskieren für einen winzigen Gewinn unendlich grosse Verluste. Sie übernehmen grenzenloses Risiko und müssen kein Kapital auf ihren Positionen hinterlegen, weil es die regulatorischen Vorschriften nicht erfordern. Dasselbe war beim Assekuranzriesen AIG der Fall, der im grossen Stil Kreditversicherungen auf faule US-Hypothekenpapiere verkauft hatte und schliesslich gerettet werden musste. Kurz vor dem Crash des Häusermarkts fragten unsere Gegenparteien damals an, ob wir unsere Positionen schliessen möchten und boten uns dafür Preise über dem Marktwert an. Nur wenige Wochen vor der jüngsten Ankündigung der japanischen Notenbank habe ich nun wieder eine solche Anfrage erhalten – ein auffälliges Timing, nicht wahr?

Japan ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt. Was wären die Folgen für das globale Finanzsystem, wenn dort der Bondmarkt kollabieren würde?
Das soziale Gefüge in Japan würde arg strapaziert werden und möglicherweise auseinanderbrechen. Das bedeutet aber nicht das Ende der Welt. Das globale Zahlungssystem wird weiterhin funktionieren und alle Transaktionen mit Derivaten, Aktien und Krediten werden vertragsgemäss abgeschlossen. Die Wertverhältnisse werden sich allerdings stark verschieben. Das heisst, der Kurs des Yens zum Dollar wird dann nicht mehr rund 100, sondern eher 250 betragen.

Einen Kollaps in der Dimension Japans hat es aber noch nie gegeben.
Bereits beim Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers dachten alle, die Welt sei am Ende. Tatsache ist jedoch, dass jeder einzelne Derivatkontrakt eingehalten wurde. Das System funktionierte perfekt trotz eines Bankrotts über Nacht und ausstehender Forderungen im Umfang von 320 Mrd. $. Dasselbe gilt für Japan, auch wenn es hier um annähernd 15 Bio. $ geht. Die Schulden werden abgeschrieben und es folgt ein Neuanfang. Es gibt dafür kein Sicherheitsnetz.

Wie sollen sich Investoren vorbereiten?
Sie müssen aus dem Yen gehen und in andere Währungen wie Euro, Dollar, Devisen von aufstrebenden Volkswirtschaften oder Gold (Gold 1343.3 -0.25%) umschichten. Wenn wir recht haben, werden Investoren aus Japan und aus aller Welt in Deutsche Bundesanleihen, US-Schatzpapiere oder Gold flüchten. Die abrupten Kapitalbewegungen werden in den USA und in Deutschland vorübergehend sogar für negative Nominalzinsen am kurzen Ende sorgen. Das «Smart Money» verlässt das Land bereits. So haben japanische Konzerne wie Softbank (Softbank 47.3 0.34%) und Dentsu zuletzt in Grossakquisitionen im Ausland investiert. Insgesamt wurden in Japan im vierten Quartal 2012 Auslandübernahmen von über 37 Mrd. $ angekündigt, was ein Rekordvolumen ist.

Nicht nur Japan hat ein grosses Schul­den­problem. Wie steht es um Europa?
Auch für Europa gilt: Bis jetzt wurde eine Schuldenkrise noch nie mit mehr Schulden gelöst. Als Spanier oder Italiener würde ich mein Geld keinesfalls auf einer heimischen Bank lassen. Das Beispiel Zypern hat gezeigt, dass für das Rettungspaket der EU zunächst selbst versicherte Depositäre zur Kasse gebeten werden sollten. Insgesamt gibt es in Europa unversicherte Einlagen von über 2000 Mrd. €. Wenn die Situation eskaliert, wird all dieses Geld nach Deutschland fliessen.

Wie sind Sie in Europa positioniert?
Wir haben in Europa derzeit keine Positionen, auch in der Schweiz nicht. Wir führen aber eine ganze Liste von spannenden Ideen, wenn das Timing stimmt. Ausserdem sind wir im amerikanischen Häusermarkt investiert. Auch wenn die Lage sich dort vorerst kaum materiell verbessert, wird sie sich zumindest nicht mehr verschlechtern. Das spricht zum Beispiel für verbriefte Hypotheken ohne staatliche Sicherheitsgarantie.

Leser-Kommentare

Pierre Zinggeler 15.04.2013 - 12:28
Kyle Bass liegt mit seiner Prognose absolut richtig! Eigentlich unheimlich, dass an den Finanzmärkten nicht schon heute alle Alarmglocken losgehen. Die japanische Zentralbank wird von der Politik in einem Ausmass instrumentalisiert, dass einem Angst und Bange werden muss. Das Rezept zur vermeintlichen Verbesserung des Wirtschaftswachstums ist grundfalsch! Ein so unglaublich hoher Schuldenberg kann auch von Japan niemals aus eigener Wirtschaftskraft… Weiterlesen »