Meinungen

Fussball ist manchmal mehr als nur die schönste Nebensache

In Länderspielen an grossen Turnieren geht es zwar um Sport, doch mitunter ist auch die Politik am Ball. Ein Kommentar von Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«An der Weltmeisterschaft 1974 standen sich zum ersten und einzigen Mal die A-Mannschaften der Bundesrepublik und der DDR gegenüber.»

Das Wunder von Bukarest wird noch lange Gesprächsstoff hergeben. Hoffentlich nicht allzu lange – es ist ein Menschen­leben her, dass sich die Schweiz zum ­zuvor letzten Mal für ein Viertelfinal ­qualifiziert hatte: Anno 1954 in Basel, gegen Italien, mit 4:1. Sollte es wieder so lange dauern, müssten sich unsere Enkel bis 2088 gedulden. Wie auch immer – die Gegenwart ist für die Schweiz purer Genuss und für Frankreich purer Verdruss.

Sporthistorisch ist dieses Spiel bemerkenswert, nicht weniger, auch nicht mehr. Die Schweiz pflegt zu Frankreich die ­gleiche enge Nichtbeziehung wie zu den ­anderen EU-Nachbarn auch. C’est le foot, et rien de plus. Manche Rencontres in der Geschichte internationaler Turniere ­hatten dagegen eine Tragweite über das Geschehen auf dem Rasen hinaus.

Das Wunder von Bern

Gerade Stichwort 1954, Weltmeisterschaft in der Schweiz: Das Wunder von Bern, der Finalsieg der jungen Bundesrepublik gegen die haushoch favorisierten Ungarn. Dieser Triumph bzw. für die Ungarn dieses Trauma war bzw. ist weit über das Fussballerische hinaus von Bedeutung. Die Deutschen um den legendären Captain Fritz Walter besiegten die für unbesiegbar gehaltenen Magyaren um ihren Superstar Ferenc Puskás.

Damals kam in Westdeutschland das Wirtschaftswunder in Gang – in der Ostzone, was Wunder, ganz und gar nicht –, doch die Bundesrepublik war so kurz nach dem Krieg doch noch ein Stück weit ein Pariastaat, nur unter Vorbehalt akzeptiert. Nach dem Sieg im alten Wankdorf-Stadion aber erwachte von Konstanz bis Flensburg ein neues Selbstbewusstsein, unter dem Motto: Wir sind wieder wer. Der Tag von Bern vor 67 Jahren zählt zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik.

Wie die deutsche Nachkriegsgeschichte ohne diesen Titel verlaufen wäre, wissen wir nicht; auch nicht, ob es Ungarn sehr viel besser ergangen wäre – zwei Jahre später walzten Sowjetpanzer den Volksaufstand gegen den unerträglichen Sozialismus nieder. Puskás haute, wie so viele andere, in den Westen ab.

Den Weg ins «KA», ins kapitalistische Ausland, wählte später, neben anderen, auch Jürgen Sparwasser. Der Stürmer des 1. FC Magdeburg ist der Held eines weiteren politisch aufgeladenen Länderspiels: An der Weltmeisterschaft 1974 standen sich zum ersten und einzigen Mal die A-Mannschaften der Bundesrepublik und der DDR gegenüber, in einem Vorrundenspiel im Hamburger Volksparkstadion.

Den DDR-Werktätigen-Kickern standen wohldotierte Künstler wie Franz Beckenbauer oder Wolfgang Overath gegenüber. Sparwasser schob in der 77. Minute ein – das einzige – Tor im Match. «Drüben» wurde der Sieg des besseren Systems ­verkündet. Im Finalspiel übrigens schlug die Bundesrepublik die Niederlande; Cruyff, Neeskens und Co. unterlagen.

Krieg um die Falklands…

Manchen reiferen Semestern sind die fernen Falkland-Inseln noch ein Begriff, ein britisches Überseegebiet im Südatlantik, auf das Argentinien (wo man es Las Malvinas nennt) seit jeher Anspruch erhebt. 1982 liess die Militärjunta in Buenos Aires die windigen, nur zur Schafzucht taugenden Eilande besetzen. Sie rechnete damit, Grossbritannien würde sich für die paar Farmer eine teure und riskante Rückeroberung nicht leisten wollen.

Doch die Generäle hatten sich ver­kalkuliert. Premierministerin Margaret ­Thatcher, gewohnt resolut, sandte eine Armada aus, die – nicht ohne Mühe – die argentinischen Kräfte bezwang. Aus ­Puerto Argentino wurde wieder Port Stanley.

Die Wunden schmerzten noch, als an der WM 1986 in Mexiko England und ­Argentinien im Viertelfinal aufeinandertrafen; auf argentinischer Seite war durchaus ein Revanchebedürfnis im Spiel. Fussballgott Diego Maradona (bzw. eben dessen Hand Gottes) faustete zur Führung ein und schoss dann, nach einem sensationellen Dribbling, das 2:0; den Engländern reichte es noch zum Ehrentreffer. Im Final schlugen die Argentinier Deutschland.

…und in Honduras

In sportlicher Hinsicht setzte das Spiel El Salvador gegen Honduras vom 26. Juni 1969, in dem es um die Qualifikation zur WM im Folgejahr ging, keinerlei Massstäbe; El Salvador gewann 3:2. Doch die Stimmung zwischen den beiden kleinen, ärmlichen Nachbarländern in Zentralamerika war zuvor schon aufgeheizt. Die honduranische Regierung wollte zahl­reiche salvadorianische Zuwanderer ausweisen, die sich fest auf honduranischem Brachland niedergelassen hatten und ­dieses bewirtschafteten.

Kurz nach dem Spiel beriefen San Salvador und Tegucigalpa die Botschafter ab. Mitte Juli flog die salvadorianische Luftwaffe (mit amerikanischen Propellermaschinen aus dem Weltkrieg) Angriffe auf honduranisches Gebiet, dann überschritt El Salvadors Armee die Grenze. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) drohte Sanktionen an und erzwang den Waffenstillstand; die Kämpfe hatten gerade eben hundert Stunden gedauert. Der bizarre Konflikt ist denn auch als «guerra del fútbol» oder «guerra de las cien horas» in die Geschichtsbücher eingegangen.

An der WM 1998 in Frankreich kam es in der Vorrunde zu einer äusserst pikanten Partie: In Lyon trafen die USA und Iran aufeinander. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind seit dem Regimewechsel von 1979 – vom amerikafreund­lichen Schah zur unüberbietbar amerikafeindlichen schiitischen Geistlichkeit – heillos zerrüttet, heute wohl gar noch mehr als vor 23 Jahren. Die Sicherheitsvorkehrungen im Stadion waren denn auch entsprechend enorm.

Sag’s mit Blumen

Doch es kam zu keinen Unruhen in den Zuschauersektoren, wo verschiedene ­iranische Fangruppen präsent waren, es kam schon gar nicht zu einem Attentat, nicht einmal zum sehr wohl befürchteten Affront bzw. Bruch des Protokolls, etwa einer Verweigerung des üblichen Händedrucks vor dem Anpfiff.

Im Gegenteil: Die iranischen Spieler überreichten jedem einzelnen amerikanischen Fussballer einen Blumenstrauss, in der Friedensfarbe Weiss, und die beiden Teams posierten auf Anregung des Schiedsrichters gemeinsam für die Fotografen. Nach dem Abpfiff tauschten die Spieler die verschwitzten Leibchen, rote iranische gegen weisse amerikanische.

Die Iraner gewannen 2:1, die Amerikaner waren aus dem Turnier – vor allem aber gewann der Fussball, der Sport, die Zivilisation. Übrigens, wer hat’s gepfiffen? Ein Schweizer, Urs Meier.