Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Märkte / Kunstmarkt

Fürstliche Pracht der BankiersRenaissance und Kapital – Ausstellung zur Geschichte von Kunst und Bankwesen im Palazzo Strozzi in Florenz

Christian von Faber-Castell

CHRISTIAN VON FABER-CASTELL

Schon der Untertitel «Banker, Botticelli und das Fegefeuer der Eitelkeiten» ist Balsam für manch geplagte Bankerseele – so sie noch nicht verpfändet ist. Für die noch bis 22. Januar geöffnete Schau «Money and Beauty – Geld und Schönheit» haben die Ausstellungsmacher des Palazzo Strozzi in Florenz tief in eigene und ausländische Kunstschatzkammern gegriffen. In bester italienischer Ausstellungstradition zeigen sie dabei, dass sich geschichtliche Belehrung, spannende Unterhaltung und üppiger Kunstgenuss keineswegs ausschliessen – wobei in Zweifelsfällen sympathischerweise Letzterem der Vorrang gelassen wurde.

Anhand von Gemälden, Skulpturen, aber auch Finanzdokumenten, Münzen, Goldwagen und verwandten Geldutensilien lässt die Schau vor dem Betrachter die Frühzeit der erst italienischen, dann europäischen Renaissance aufleben. Wer hinter diesem Programm überlebte alte Geschichte wittert, täuscht sich. Mit ihrer Befreiung des Menschen von den Fesseln der mittelalterlichen Kirche hat die Renaissance erst die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ermöglicht, die dem Abendland bis vor wenigen Jahrzehnten seine Überlegenheit über andere Kulturkreise ermöglichte. Dass andere Regionen bis hin zum mächtigen China inzwischen so stark aufgeholt haben, liegt wesentlich daran, dass sie sich entscheidende Elemente der Renaissance, allen voran die wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, zu eigen gemacht haben.

Wiedergeburt als Befreiung

Diese Entwicklung ist indes kein Grund für europäischen Dünkel. Ausgedeutscht ist die Renaissance nichts anderes als die Wiedergeburt jahrhundertelang verschütteter geistiger Errungenschaften der alten Griechen. Deren Philosophen und Denker aber haben ihrerseits Anleihen im Gedankengut der noch viel älteren Ägypter, Mesopotamier und Perser aufgenommen, und diese wiederum – doch da verliert sich der Pfad im Dunkel der Geschichte.

Möglich aber wurde diese Wiedergeburt dank einer aufgeklärten islamischen Grosskultur, in der das Wissen und die Technik der Griechen und ihrer römischen Erben sorgsam aufbewahrt und kühn weiterentwickelt wurden: Die heutige Chemie, die Mathematik und die Medizin wären ohne diese Rolle islamischer Gelehrter in Nordafrika und im Vorderen Orient unvorstellbar. So weit, so gut – all dies findet man auch in mehr oder minder genauen oder spannenden Geschichtsbüchern und Dokumentarsendungen. Was dort in den meisten Fällen aber nicht zum Ausdruck kommt, das ist die entscheidende Rolle, die Handel und Bankwesen für die Entstehung und Entwicklung der Renaissance gespielt haben, und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Genau genommen waren es nämlich gar keine Wissenschaftler, Philosophen und Künstler, ja noch nicht einmal Fürsten und Politiker, die den segensreichen Flächenbrand der Renaissance entfachten. Am Anfang dieser geistigen Revolution stehen vielmehr grosse Bankiers, Financiers und erfolgreiche global agierende Kaufleute.

Handel und Kultur

Ohne die weit verzweigten internationalen Handelsbeziehungen der alten Florentiner Kaufleute und die unzähligen damit verbundenen Geschäftsreisen wären beispielsweise die Schriften der antiken Gelehrten gar nicht nach Europa zurückgekommen. Auf ihren Reisen aber sahen die damaligen Kaufleute, dass es auch andere hoch entwickelte Kulturen gibt, was ihnen den Mut dazu gab, ihre eigene christliche Kultur vorsichtig zu hinterfragen.

Erst aus dieser emsigen Geschäftstätigkeit erwuchsen im 15. Jh. der Reichtum und die weltliche Macht, die der herrschenden Kirche erfolgreich und weitgehend ungestraft die Stirn bieten konnten. Heute wird zwar gerne der grandiose Aufschwung der Künste in der Renaissance in den Vordergrund gestellt, aber er ist im Grunde eine ganz normale, immer wieder beobachtbare Folge neuen Reichtums und seines daraus erwachsenden Prestigebedürfnisses. Aber die befreiende Kraft einer mächtigen weltlichen Kapitalbasis war für die Menschheitsgeschichte tatsächlich viel wichtiger.

Florenz ist eine Reise wert

Dass die so zu Geld und Macht gelangten Florentiner Kaufmannsfürstenfamilien der Borgia, Medici, Strozzi, Ricci, Borghese usw. zugleich eng mit der Kirche paktierten und sie sogar päpstlich unterwanderten, ist kein Widerspruch, sondern spiegelt nur die bis heute übliche Geschmeidigkeit italienischer Machtpolitik. Sozusagen als Nebenwirkung des Florentiner Handels entstanden neue Finanzinstrumente, Kreditformen, Zins- und Zinseszinsrechnung und verwandte Dienstleistungen als Grundlage des modernen Bankwesens. Dass die im späten 15. Jh. noch überwiegend jüdischen Banken zu ihren besten Zeiten noch Kreditzinsen von 20 bis 30% pro Jahr forderten, gehört zu den Delikatessen jener Epoche, die manch heutigem Financier den Mund wässrig machen dürfte.

Es ist neben der Vermittlung grossen Kunstgenusses ein Hauptverdienst der Florentiner Ausstellung, diese Zusammenhänge ins rechte Licht zu rücken oder überhaupt erst wieder in Erinnerung zu rufen. Wenn dies dem einen oder andern heutigen Banker etwas von seinem weggeschmähten Berufsstolz zurückgibt – und ihn zugleich sogar an seine grosse, auch kulturelle Verantwortung erinnert –, dann hätte diese Schau mehr erreicht, als man von ihr erhoffen darf. Der Genuss dieser Schau verbunden mit dem Besuch dieser kulturellen und kulinarischen Mutterstadt abendländischer Zivilisation ist aber auf jeden Fall eines der schönsten Weihnachtsgeschenke, die man sich und anderen gönnen kann.

Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Artikel vollständig zu lesen.