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FuW-Blockchain-Forum: «Prozesse müssen neu gedacht werden»

Vertreter aus verschiedenen Branchen diskutieren am Blockchain-Forum über die Integration der neuen Technologie im Betrieb.

Dezentral, effizient, sicher – die Blockchain soll die Wirtschaft revolutionieren. Ob beim Abschluss der Lebensversicherung oder beim Kauf eines Occasionsautos, basierend auf der Technologie werden unzählige Anwendungsmöglichkeiten durchgespielt. Hinter verschlossenen Türen tüfteln die Unternehmen an neuen Lösungen. Doch welche Bereiche könnten revolutioniert werden? Wie weit sind die Lösungen und vor allem wie werden sie aussehen?

Das erste Finanz und Wirtschaft Forum «Blockchain» stand im Zeichen der Frage, wie sich die neue Technologie in den Betrieb integrieren lässt. An Anwendungsideen mangelt es nicht. Vertreter aus verschiedenen Branchen präsentierten mögliche Lösungen auf Basis der Blockchain. Im Zentrum stehen dabei unterschiedliche Aspekte der Technologie – und Herausforderungen.

Dezentraler Strommarkt

Im Strommarkt zum Beispiel steht die Dezentralität im Fokus. Hersteller von erneuerbarer Energie sind nicht mehr nur grosse Konzerne. Oft wird der Strom von privaten Haushalten, die überschüssige Solarenergie produzieren, eingespeist. Gleichzeitig wollen sowohl private Haushalte als auch Unternehmen mehr über die Herkunft ihrer Elektrizität wissen. Hier wird eine Plattform erforderlich, die den dezentralen Handel zwischen Anbieter und Kunden ermöglicht.

In Wuppertal bietet das Spin-off des Schweizer Stromkonzerns Axpo, Elblox, einen solchen Marktplatz für Strom. «Die Tätigkeiten werden in der Blockchain festgehalten», sagt Christoph Sutter, Chef der für Erneuerbare Energie bei Axpo und Verwaltungsratspräsident von Elblox. Damit kann das Stromsystem von unten geregelt werden. Das werde immer wichtiger, weil der Strom immer öfter dezentral hergestellt wird.

Effizientere Abwicklung und Vertrauen

Eine effizientere Abwicklung durch die Blockchain erhofft sich das Immobilienunternehmen Swiss Prime Site (SPSN 88.40 -0.34%). Innovationschef Urs Baumann zeigte auf, wie die Technologie die Zeit zur Eröffnung eines Mietzinskautionskontos deutlich verkürzt. «Dank der neuen Plattform können wir die nötigen Schritte von zwölf auf zwei bis drei reduzieren.»

Ein natürlicher Anwendungsbereich liege auch in der Eigentumsübertragung im Gebrauchtwagenmarkt, ist sich Andreas Egger vom Autoimporteur Amag sicher. In diesem Bereich sei die Vertrauensbildung die entscheidende Komponente. «Oft hat der Käufer eines Fahrzeugs keine Informationen darüber, in welchem Zustand das Auto wirklich ist.» Die Blockchain könnte helfen, das Leben eines Autos abzubilden.

Für das eigene Projekt hat die Amag verschiedene Partner mit ins Boot geholt. So zum Beispiel das Carsharing-Unternehmen Mobility und das Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau. «Die Vision ist ein Ökosystem rund ums Auto», sagt Egger.

Das Ökosystem

Der Begriff Ökosystem ist in aller Munde. Damit ist das Netzwerk gemeint, in dem sich die Partner und Kunden bewegen und das auf einer oder mehreren Blockchain-Lösungen basiert: zum Beispiel auf einer technologiebasierten digitalen Identität und einer Plattform für Vertragsabschlüsse. Es ermöglicht den Austausch von Informationen, ohne zentrale Instanz.

Im Falle des Fahrzeug-Netzwerks denkt Egger an «ein digitales Dossier, das transparent, unveränderbar und sicher ist.» Jede Partei könnte innerhalb des Systems einen Knotenpunkt bilden, der sowohl Daten empfängt als auch sendet, sie muss aber nicht.

Projekte müssen sich noch beweisen

Alle vorgestellten Projekte befinden sich derzeit noch in der Proof-of-Concept-Phase. Sie müssen sich zuerst beweisen, bevor sie in einem nächsten Schritt für einen begrenzten Kundenkreis und schliesslich bei einer Vielzahl von Produkten für alle Kunden zugänglich gemacht werden.

«Die Blockchain bietet nicht automatisch für jedes Problem die passende Lösung», warnte Sutter aber auch. Gewisse Abläufe seien mit der bestehenden Technologie genauso effizient oder gar besser und günstiger umsetzbar.

Offene Fragen

Bis sich die Blockchain im Betrieb etabliert, müssen zudem noch einige Fragen geklärt werden. So ist der Wechsel auf die Blockchain nicht einfach die Adaption auf einer anderen technologischen Basis. «Um die Technologie nutzen zu können, müssen ganze Prozesse neugedacht werden», sagte Dr. Thomas Puschmann vom Swiss Fintech Innovation Lab der Universität Zürich.

Er verwies auf die Möglichkeit, im Internet Käufe zu tätigen. «Heute kaufen wir zwar bereits auf einer Plattform ein, diese ist aber noch immer zentral geregelt». Zukünftig könnte an diese Stelle ein dezentrales Netzwerk treten, an dem verschiedene Anbieter und der Kunde teilnehmen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Gewährleistung der Sicherheit und der Zugriffsrechte. Baumann von Swiss Prime Site gesteht, dass es dafür derzeit noch keine passende Lösung gibt. Die Parteien stellten Begehrlichkeiten, «aber was wirklich machbar ist, müssen wir zuerst einmal herausfinden». Klar ist, dass diese Frage geklärt sein muss, bevor Kunden das Produkt nutzen können.

«Eigentlich sind wir noch weit entfernt von tatsächlichen Betriebslösungen basierend auf der Blockchain», fasst Puschmann zusammen. «Aber der Effekt der Technologie wird noch grösser sein, als wir es heute alle erwarten.»